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01.03.2009 |  Walter Gasperi

The Wrestler

Die Story mag eher dünn sein, die Inszenierung recht bieder, aber Mickey Rourke brilliert als alternder Wrestler Randy „The Ram“ in Darren Aronofskys letzten Herbst in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnetem Film.

„Randy ‚The Ram’ Robinson“ kündet ein Kommentator an und die Kamera gleitet über Zeitungsausschnitte und Titelblätter, die von einer großen Karriere als Wrestler künden. Doch mit einem Schnitt  werden 20 Jahre übersprungen und in einem Raum einer Volksschule sitzt ein Mann (Mickey Rourke), der sichtlich fertig ist. Muskelbepackt zwar sein Körper, eine mächtige blonde Mähne, aber die Haltung drückt Erschöpfung, Müdigkeit und Alter aus. Zudem bleibt die Kamera auf Distanz, sodass die Isolation im Raum Einsamkeit vermittelt.

In der Turnhalle, wo die Kampfanlage abgebaut wird, gibt der einzige Star noch schnell ein Autogramm und dann geht’s mit dem Wagen nach Hause – genauer in einen Trailerpark. Die Schäbigkeit des Wrestling-Milieus, aber auch des Trailerparks unterstreicht Darren Aronofsky noch durch verwaschene Farben und kalte Winterstimmung in den Außenszenen.

Lange folgt die Kamera Randy „The Ram“ dabei – fast wie bei den frühen Filmen der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne - nur im Rücken und gewährt kaum einen Blick auf sein Gesicht. Der Körper wird so in den Mittelpunkt gerückt, mehr noch als die Muskeln die Verletzungen und die Narben, die der Preis seiner Karriere waren, auch wenn die Kämpfe nur Show sind und alles abgesprochen ist.

Fast dokumentarisch ist Aronofskys Blick auf dieses Business und stellt ihm und seinem Protagonisten als weiteren dunklen Schauplatz ein Nachtlokal und die Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) gegenüber. Wie Randy sich im Ring prügelt, tanzt sie an der Stange. Um Show, bei der der Körper, einerseits der der 44jährigen Marisa Tomei, andererseits der des 56jährigen Rourke, eingesetzt und ausgestellt werden, geht es auf beiden Ebenen. Wenn Tomei dabei einmal aus Mel Gibsons „Die Passion Christi“ zitiert, dann geht es nicht nur um die Parallelität der körperbetonten Inszenierung mit Blut, Schweiß und Gewalt, sondern auch um die Parallelität der Geschichten.

Denn auch der Wrestler Randy, der ein Kruzifix auf den Rücken tatöwiert hat, macht eine Leidensgeschichte durch. Nach einem Herzinfarkt und Bypass-Operation rät ihm der Arzt dringend von weiteren Kämpfen ab und im Wegfallen des Wrestlings erkennt Randy plötzlich seine innere Leere, versucht zu seiner ihm völlig entfremdeten erwachsenen Tochter wieder eine Beziehung aufzubauen und Cassidy näher zu kommen. Und an die Stelle des Rings tritt – sein Arbeitsantritt wird auf der Tonebene von der Geräuschkulisse eines Wrestling-Auftritts begleitet - die Delikatessenabteilung eines Supermarkts, in der er Wurst verkauft.

Auch in diesen Supermarktszenen besticht Aronofskys Film durch die quasi-dokumentarische Beobachtung, doch inhaltlich und formal kommt „The Wrestler“ über Mittelmaß kaum hinaus. Man mag es ja durchaus goutieren, dass der seit seinem Erstling „Pi“ und seinem Drogentrip „Requiem for a Dream“ für selbstverliebte inszenatorische Mätzchen und Spielereien bekannte Aronofsky auf alle Schnörkel und Extravaganzen verzichtet und im harten Realismus auch ein Gegenstück zum ästhetisch und inhaltlich völlig verstiegenen „The Fountain“ sucht, doch dünn und abgelutscht ist die Geschichte insgesamt und im Grunde wenig aufregend und sehr konventionell wird sie erzählt, sodass der Regisseur nicht schlecht beraten war den Raum ganz den beiden Protagonisten zu überlassen.

Da ist natürlich vor allem Rourke, bei dem hier Rolle und Leben gewissermaßen zusammenfallen. Denn wie seine Figur in den 80er Jahren ein Star war, so leuchtete Rourkes Stern auch damals am Filmhimmel als neuer Robert DeNiro. Coppolas „Rumble Fish“ (1983), Adrian Lynes „9 1/2 Wochen“ (1986), Alan Parkers „Angel Heart“ (1987) und  Michael Ciminos „Im Jahr des Drachen“ (1985), in dem er einem Polizisten faszinierende Ambivalenz verlieh, machten ihn berühmt, ehe er sich in den 90er Jahren als Profiboxer versuchte, Suchtmitteln verfiel und sich Schönheitsoperationen unterzog.

In „The Wrestler“ hat Rourke nun wohl die Rolle seines Lebens gefunden. In jeder Szene ist er präsent und verkörpert Randy „The Ram“ mit Inbrunst und beachtlichem Mut zur Hässlichkeit. Autobiographisch klingt da dann seine Schlussansprache im Ring, wenn er erklärt, dass das das Einzige sei, was er im Leben habe und er dieses Business und das Rampenlicht brauche. Während Evan Rachel Wood als Rourkes Filmtochter blass bleibt, bildet Marisa Tomei als Stripperin einen starken Gegenpol zu Rourke. Denn auch sie ist zerrissen, einerseits Mutter und andererseits eben Stripperin, die sich aufgrund ihres Jobs längst abgewöhnt hat sich irgendwelche Emotionen zu erlauben. Ein Happy End kann es hier nicht geben.


Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems


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