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30.09.2022 |  Gunnar Landsgesell

Weinprobe für Anfänger

Ein Weinhändler und Grantler, der selbst sein bester Kunde ist, trifft auf alleinstehende Krankenschwester mit sozialer Ader. Es ist Liebe vor dem ersten Schluck – denn der Wein bringt in dieser französischen Wohlfühlkomödie alle Leute zusammen.

Vieles dreht sich in „La dégustation“ (so der Originaltitel) um Wein, der in diesem Film geradezu zu einer sozialen Währung wird: Jacques (Bernard Campan) genehmigt sich täglich eine Flasche aus dem eigenen Sortiment, weil er Witwer ist und der Welt kaum mehr anders als sarkastisch begegnet. Das wird nach einem Herzinfarkt auch bei den Anonymen Alkoholikern Thema sein. Als Hortense (Isabelle Carré), eine ebenso neugierige wie übertrieben naiv gezeichnete Krankenschwester in seine Weinhandlung stolpert, sucht sie eine Flasche, die nicht zu teuer ist. Schließlich ist der Wein für ihre Mutter gedacht, die ihr auf die Nerven geht. Scrabble spielen die beiden mangels sozialer Alternative trotzdem. Hortense betreut aber auch eine Gruppe Obdachloser, für die sie schon mal einen teureren Tropfen einkauft, womit wir lernen, dass Wein auch ein Zeichen sozialer Aufwertung einer randständigen Gruppe sein kann. Wunderbar passt der Praktikant Steve (Mounir Amamra) dazu, er hat arabische Wurzeln. Zuerst weigert sich der Praktikant, den Keller in Ordnung zu bringen und raucht sich lieber ein. Da wird das Publikum kurz genarrt. Denn schon bei der Weinverkostung tritt er in den inneren Kreis dieser Erzählung: er überrascht mit einem feinen Gaumen und findet als einziger die richtigen Worte. So gesehen wirkt „Weinprobe für Anfänger“ selbst wie ein Exportschlager, den sich Touristiker ausgedacht haben könnten. Das nationale französische Kulturgut integriert auch die randständigste Figur in die kleine, überschaubare Gemeinschaft dieser Erzählung.

Komödie auf Versöhnungskurs

In erster Linie ist der Film von Regisseur Ivan Calbérac („Frühstück bei Monsieur Henri“) freilich als Komödie zweier mittelalter Menschen angelegt die auf holprigen Wegen am Ende doch noch ihr romantisches Potenzial ausloten dürfen. Trotz der erwähnten sozialen Verwerfungen muss sich hier niemand vor zu viel Politik fürchten. Das Publikum darf sich vielmehr sicher sein, dass sich alles fügt wie in einer schönen Parabel. So wird auch Jacques resozialisiert, Campan spielt ihn als muffigen Typ, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass sich irgendjemand für ihn interessiert. Mit Hortense wird ihm eine Frau gegenübergestellt, die irritierend naiv wirkt. Man ist nicht sicher, ob hier das Klischee der Blondine aufs Korn genommen wird oder die Schlichtheit der Figur so gewollt ist. Von Beruf Geburtshelferin, kommentiert Hortense sich selbst, dass sie immer noch weinen muss, wenn sie täglich einem Kind in die Welt verhilft. Isabelle Carré, eine überzeugende (Theater-)Schauspielerin, die mit Regisseuren wie Francois Ozon, Cedric Kahn, Noémie Lvovsky und Pascal Bonitzer gearbeitet hat, schlägt sich in dieser Rolle bravourös. So grast der Film die kleinen Mühen des Lebens ab und behält dabei durchgängig einen netten Tonfall bei. Versöhnung ist derzeit etwas, das auch gesellschaftlich von mancher Seite gefordert wird. Im richtigen Leben laufen die Dinge aber etwas anders.

Beherzt: Isabelle Carré in der Rolle der Blondine hart am Klischee.

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