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30.08.2022 |  Peter Niedermair

Quo vadis Russland? Carola Schneider im Kulturraum Lingenau

Am 25. Aug. 2022 war Carola Schneider, langjährige ORF Korrespondentin in Moskau, auf Einladung des Kulturforums Bregenzerwald Gast im Kulturraum Lingenau und berichtete über die aktuelle politische Situation. Nach der Begrüßung der vielen Besucher:innen durch den neuen Obmann Christian Troy moderierte dessen Vorgänger Kurt Bereuter den Vortrag und das Gespräch mit der Referentin.

Carola Schneider lebt in Moskau, im Sommer bereiste sie Sibirien, „kehrt mit Eindrücken aus einem zerrissenen Land zurück und schildert ihre persönlichen Eindrücke aus einem nahen und mittlerweile doch wieder so fernen Russland, dessen Menschen und dessen Politik. Quo vadis Russland?“ Zum Abend mit Carola Schneider schreiben die Veranstalter: „Seit dem 24. Februar ist nicht alles, aber vieles ganz anders geworden. Nicht nur in Russland, sondern auf der ganzen Welt und vor allem ist die Ukraine zum Kriegsschauplatz geworden und verteidigt sich mutig und aufopferungsvoll gegen eine Militärmacht, die weit überlegen war und ist - bisher mit westlicher Unterstützung erfolgreich. Im Westen hat die Ukraine unter ihrem Präsidenten Wolodimir Selenski große moralische und militärische Unterstützung gewinnen können, in Russland scheint Präsident Vladimir Putin immer noch unangefochten an der Spitze des Landes zu stehen und die Sanktionen des Westens quittierte er mittels gestoppter, eingeschränkter und/oder verteuerter Gaslieferungen. Und das russische Volk jubelt, leidet, emigriert, kämpft gegen einen Nachbarstaat oder auch gegen die Oligarchie und die Nomenklatura.“

Was wird daraus?

Den Überfall Russlands auf die Ukraine schildert die Referentin zu Beginn als einen Schock für alle. Zunächst glaubte man, es sei ein Säbelrasseln, doch heute, ein halbes Jahr später, wisse niemand, wohin das führen soll. Carola Schneider, die derzeit eine Bildungsauszeit nimmt, lebt weiterhin in Russland, das sie zum Teil nicht mehr wieder erkennen kann, weil man nicht mehr daran glaubte, dass so etwas passieren kann. Die Leute trauen sich kaum mehr auf die Straße. Der Überfall liegt ein halbes Jahr zurück, verändert hat sich alles, vor allem die Verzweiflung der Menschen. In Russland darf und kann niemand über die Ereignisse in der Ukraine reden, man spreche von „Spezialpropaganda“, Putin wolle die Ukraine auslöschen, weil es keine Möglichkeit gibt, diese Aggression beim Namen zu nennen, gebe es kaum mehr Proteste dagegen, man dürfe sich nicht einmal Frieden wünschen, sonst wandere man für ein paar Jahre ins Gefängnis. Unabhängige Medien seien nicht mehr legal konsumierbar, in allen Sendern stehe die Kreml Propaganda im Zentrum. Ein halbwegs objektives Medium existiere seit dem 24. Februar dieses Jahres nicht mehr. Diskutiert werde am Küchentisch, es gebe genügend russische-sprachige Medien, nur halt eben im Ausland, in Georgien, im Baltikum, aus dem Ausland werde im Internet nach Russland hinein gesendet, wo sie nicht legal empfangen werden können. Informationen gibt es aus dem Westen. Die Mehrheit der Russen konsumiere nach wie vor die jahrzehntelange Propaganda. Doch die kritische Bevölkerung mache sich kaum mehr die Mühe etwas zu glauben, egal von welcher Seite die Informationen kommen, ukrainisch, russisch, und vor allem nichts aus dem Ausland. Unabhängige Informationen zu bekommen, sei unmöglich.  

Seit dem 24. Februar ist alles anders

Die große Zahl der Besucher:innen des Abends in Lingenau lässt darauf schließen, das die Ereignisse hier im Land sehr wohl interessieren. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass Carola Schneider vor vier Jahren in Andelsbuch ihr sehr informatives und differenziertes Buch „Mein Russland“ präsentierte und dass sie kontinuierlich über die letzten zehn Jahren aus Moskau berichtet habe. Allerdings gibt es immer weniger Journalisten, die dort bleiben, die meisten Korrespondent:innen sind mittlerweile gegangen, weil sie dort nicht mehr arbeiten können. Die Themen und die Berichterstattung werde zusehends ausgelagert.

Der Krieg holt die Russen ein

Westliche Geheimdienste rätseln wiederholt über die Ereignisse, so wie jüngst über die Ermordung Dukinas, die Tochter eines rechtsnationalen Philosophen, die in einem Attentat getötet wurde. Nach eineinhalb Tagen sei eine ukrainische Täterin präsentiert worden. Wer verantwortlich dahinter stünde, sei nicht wirklich benennbar. Es könnte auch der russische Geheimdienst gewesen sein, dem alles zugetraut werde. Vielleicht sollen damit mehr Gefühle geschürt werden. Putin, von Jelzin eingesetzt, kam vor 20 Jahren an die Macht. Bis heute gehen viele Russen davon aus, dass es die Russen selber waren, die hinter den  Attentaten stehen. Die russische Opposition ist im Gefängnis oder im Exil. Wadimowitsch Roisman, ein russischer Schriftsteller, Unternehmer, Kulturhistoriker und Oppositionspolitiker, war von 2013 bis 2018 Bürgermeister von Jekaterinburg. Wegen seiner Kritik am Überfall auf die Ukraine wurde er mehrfach zu Geldstrafen verurteilt und am 24. August 2022 verhaftet.
Es gibt dort ein tiefsitzendes Gefühl der Demütigung und Kränkung. Und es ist nicht mehr die Sowjetunion, die man hier im Westen aus der Zeit der Perestroika kennt. Das schmerzt mehr Russen als wir hier glauben. Viele Menschen in Russland haben geglaubt, es ginge den Leuten bald so gut wie denen im Westen. Kränkung und Minderwertigkeitsgefühle schlagen oft in Hass gegen Amerika um. Europa selber, so die dominierende Meinung, tue nur, was die USA wollen. Diesen Antiamerikanismus gebe es zum Teil auch in Europa, deshalb sei Putin hier ziemlich beliebt.  

Warum zieht das Volk mit? Was weiß man?

Der ORF war mit Christian Wehrschütz eine Zeitlang der einzige Sender, der im Donbass war und von dort berichtete. Derzeit stockt die Berichterstattung. Dem Volk werde bis jetzt nicht gesagt, dass es Krieg gibt. Es existiere auch kein Kriegsrecht. Männer dürfen nicht zwangsweise an die Front geschickt werden. Das meiste sind Vertragssoldaten, denen zehn- bis fünfzehnfache Gehälter geboten werden, wenn sie in die Ukraine gehen. Das ist für sehr viele Leute Versprechen genug. Im offiziellen Russland ist es kein Krieg. In der offiziellen russischen Propaganda ginge es darum, Nazis umzubringen, es geht um einen großen Stellvertreterkrieg, um eine Spezialoperation.

Politische Themen im Kontext

Eine Frage aus dem Publikum bezieht sich auf die Klimaerhitzung und wie das Thema wahrgenommen werde. Klimawandel sei in Russland kein großes Thema. In der Rohstoffgroßmacht Russland gebe es darüber keine Diskussion. Inoffiziell wissen die Leute sehr wohl Bescheid über u.a. die Permafrostböden, die auftauen. Die russischen Experten sind informiert über Waldbrände, die durch Methan angefacht seien. Allerdings gebe es deshalb keinen Kurswechsel.
Andere Wortmeldungen drehen sich um Russlands Beziehung zu China und auf das Verhältnis zu Belarus, wo die Opposition im Gefängnis sei. Die Belarussen sind gegen diesen Krieg. Belarus hatte viele Jahre lang zwischen Europa und Russland hin und her zu tanzen und habe seit 2020, der gefälschten Wiederwahl Lukaschenkos, versucht an den Westen anzuknüpfen, dort existiere große Angst, dass Belarus angegriffen wird.
Wer Putin nachfolgt, ist nicht bekannt. Durch die Verfassung legitimiert, hat er sich zwei weitere Perioden zugesichert. Immer wieder werden Namen für seine Nachfolge genannt, doch Russland ist kein Land der transparenten Auseinandersetzung und eigentlich dringe aus dem Kreml nichts nach draußen. Es gibt Gerüchte, Putin sei krank, dies allerdings schon seit zehn Jahren. Im Grund genommen wisse man nicht, warum er das alles macht. Und Gerüchte wie Spekulationen gingen über Kaffeesudlesen nicht hinaus. Es gibt einen engen Kreis von Geheimdienstlern, die in allem eine Bedrohung sehen. Das seien Putins engste Berater, die besonders seit und kurz vor dem 24. Februar 2022 aktiv gewesen sind. Doch real habe niemand mit dem Überfall auf die Ukraine gerechnet. Sogar das Umfeld Putins habe geschlottert, wie Carola Schneider betont.

Wie wirken die Sanktionen?

Die Sanktionen wirken langsam, langsamer als viele geglaubt hätten. Die Autoindustrie stehe still, russische Flugzeuge fliegen nicht mehr. Viele westliche Firmen sind weg, vor allem auch wegen des eigenen moralischen Drucks. Die Gehälter der Mitarbeiter werden weiter bezahlt. Die Wirtschaft bricht nicht zusammen. Es gibt keinen Protest gegen Putin. Die Bevölkerung ist überzeugt, dass der Westen schuld sei. Vieles im Alltag ist teurer geworden, insbesondere Medikamente und andere Waren in schwierigen Lieferketten. Bei ca 6 % Wirtschaftseinbruch wirken die Sanktionen als ein langsames Gift, und treffen, wie Carola Schneider ausführt, nicht immer die Richtigen. Allgemein herrsche große Angst mit Journalist:innen zu reden. Komplex sei auch der Umgang mit Künstler:innen, die sich zu Putin divergent positionieren. Im Westen erwarte man sich häufig, dass diese sich vom Kremlchef distanzieren. Manche tun dies auch, während andere Moskau die Treue halten.
Das Berufsleben als Journalistin habe sich ziemlich verändert. Die Leute werden immer leiser, weil sie Angst haben. Gewisse Themen werden ausgelagert, auch weil Journalist:innen immer mehr kontrolliert werden. Das habe es vorher nicht gegeben. Es gibt keine Öffentlichkeit gegen Putin.
Dass der Widerstand gegen die Sanktionen wachse, sei nicht überraschend, aber gleichzeitig ein komplexes Thema. Man könne es menschlich verstehen, es sei normal, dass es irgendwann einmal reicht. Allerdings müsse man sich überlegen, wie es weiter geht. Die Waffenlieferungen an die Ukraine führen in eine schwierige Diskussion. Carola Schneider empfiehlt durchzuhalten, verstehen könne man Russland nicht. Russland ist nicht vorhersehbar, und vieles wissen wir gar nicht. Wir können nicht sagen, wie es weiter gehen wird. Es wird nicht verhandelt. Niemand wisse, wie der Winter in der Ukraine sein werde, ob Putin krank sei, es gebe so viele Unbekannte. Und wie es in einem Jahr sei, schon gar nicht. Quo vadis Russland? Das Kulturforum Bregenzerwald hat mit diesem Abend in Lingenau und der überzeugend auftretenden Referentin Carola Schneider in einer hochinteressanten Veranstaltung die Rolle als Diskursort für politische Themen ein weiteres Mal unter Beweis gestellt.

 Weitere Quellen zum Thema

Angesprochen auf weiterführende Links, schreibt Carola Schneider: „Hier noch die versprochenen Links, ich habe nach regierungsunabhängigen Medien gesucht, die auf Deutsch bzw. Englisch über Russland berichten. Auch die offizielle Seite des Kremls habe ich angeführt, ebenfalls auf Englisch. Staatliche russische Propagandamedien lasse ich aus, das sind keine Informationsquellen, die unseren journalistischen Standards entsprechen. 

www.dekoder.org (journalistische Plattform, die spannende russische Medieninformationen auf Deutsch übersetzt)

https://meduza.io/en (Meduza ist eine russische Nachrichten- und Reportageplattform, die in Lettland beheimatet ist. Einige Artikel veröffentlicht sie auch auf Englisch)

en.kremlin.ru (Die Kreml-Seite auf Englisch, lässt sich leider nicht immer und von jedem Gerät aus öffnen. Das hängt vielleicht mit den gegenseitigen Internet-Blockaden in Europa und Russland zusammen.)

ORF Russland-Korrespondentin Carola Schneider kehrt mit Eindrücken aus einem zerrissenen Land zurück © Johannes Rehm

ORF Russland-Korrespondentin Carola Schneider kehrt mit Eindrücken aus einem zerrissenen Land zurück © Johannes Rehm

Kurt Bereuter im Gespräch mit Carola Schneider bei der gut besuchten Veranstaltung © Johannes Rehm

Kurt Bereuter im Gespräch mit Carola Schneider bei der gut besuchten Veranstaltung © Johannes Rehm

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  • ORF Russland-Korrespondentin Carola Schneider kehrt mit Eindrücken aus einem zerrissenen Land zurück © Johannes Rehm ORF Russland-Korrespondentin Carola Schneider kehrt mit Eindrücken aus einem zerrissenen Land zurück © Johannes Rehm
  • Kurt Bereuter im Gespräch mit Carola Schneider bei der gut besuchten Veranstaltung © Johannes Rehm Kurt Bereuter im Gespräch mit Carola Schneider bei der gut besuchten Veranstaltung © Johannes Rehm