Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

09.02.2022 |  Michael Diettrich

Sparen, Teil 1: Den Schuldnern sei Dank

Leben WIR in Vorarlberg über unsere Verhältnisse? Dieser Frage versucht Michael Diettrich in seinem ersten Beitrag zum Thema Sparen auf den Grund zu gehen. Sparen, Teil 2 wird in der März-Ausgabe (Print) erscheinen.

In den letzten Monaten gab es in den Medien drei Meldungen, die wahrscheinlich niemand miteinander in Verbindung gebracht hat. Die eine war Ende September die Aussage der Direktorin des Vorarlberger Landesrechnungshofes (LRH), das Land Vorarlberg habe ein „strukturelles Schuldenproblem“: „Wir leben über unsere Verhältnisse.“ Der Landeshauptmann reagierte sofort. Mittelfristig gehe kein Weg an einer Haushaltskonsolidierung vorbei, besonderes Augenmerk werde dabei auf den „größten Ausgabenblöcken wie etwa dem Spitalswesen oder dem Sozialfonds“ liegen.[i]
Auch wenn die Aussage der Direktorin des LRH im Zusammenhang mit der Verschuldung des Landes fiel, suggeriert das WIR, alle Vorarlberger lebten über ihre Verhältnisse. Derart suggestive Formulierungen sind beim Thema Staatsverschuldung zwar durchaus gängig und fallen auf fruchtbaren Boden. Sie sind aber trotzdem falsch – wie eine zweite Meldung gut einen Monat später belegt: „Vorarlberger sind wieder in Sparlaune“.[ii] Eine Studie des Marktforschungsinstituts IMAS habe ergeben, dass die Vorarlberger im Durchschnitt € 338 monatlich auf die hohe Kante legen, was einen erheblichen Anstieg gegenüber dem Vorjahr bedeute. Nun kann man bezweifeln, dass ein durchschnittlicher Vorarlberger sich diesen „Durchschnitt“ im Monat ersparen kann[iii], immerhin wissen wir, dass die untere Hälfte der Österreicher nur marginal spart, die oberen 20 Prozent dafür umso mehr. Zudem wurden für die „repräsentative“ Studie lediglich 100 Vorarlberger:innen im Alter von 15 Jahren und mehr befragt, was eine hohe Schwankungsbreite der Ergebnisse erwarten lässt. Dennoch entspricht das in der Tendenz dem, was Statistik Austria bereits für ganz Österreich feststellte: die Sparquote ist 2020 deutlich angestiegen. Sei es wie es sei: Jedenfalls haben WIR (die Vorarlberger) eindeutig nicht über „unsere“ Verhältnisse gelebt! Selbst wenn WIR nur die Hälfte des von IMAS erhobenen Betrages tatsächlich gespart hätten, wäre das allein in einem Jahr fast doppelt so viel gewesen, wie das Land Vorarlberg derzeit an Gesamtschulden hat (um die € 500 Mio.). WIR leben also „unter unseren Verhältnissen“ – nichts anderes bedeutet es, dass WIR weniger ausgeben als wir einnehmen!
Und letztlich hörten wir erst jüngst, dass die Vorarlberger Wirtschaft im ersten Halbjahr 2021 einen „Export-Rekord“ mit einem „Rekord-Überschuss“ erzielt hat.[iv] Bereits im Jahr vor Corona hat man für € 2,8 Mrd. mehr ins Ausland exportiert als von dort importiert, das waren knapp 15% der gesamten Vorarlberger Wirtschaftsleistung. In der ersten Jahreshälfte 2021 betrug der Überschuss € 1,7 Mrd. – so viel wie noch nie in einem Halbjahr. Auch das ist gesamtwirtschaftlich betrachtet eine Ersparnis, denn man hat durch die Exporte mehr eingenommen als für Importe ausgegeben. Und es bekräftigt die Feststellung, dass WIR in Vorarlberg insgesamt eher unter unseren Verhältnissen leben als darüber.

Ein paar volkswirtschaftliche Basics …

Das Zusammentreffen der in den Meldungen beschriebenen Phänomene ist auch beileibe kein Zufall. Der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung liegt nämlich das simple Grundprinzip zugrunde, dass die Einnahmen immer gleich den Ausgaben sind. Alles, was als Einnahmen zur Verfügung steht, ist vorher anderswo ausgegeben worden – in der Regel für die Produktion von Waren oder Dienstleistungen. Die Ausgaben des einen sind folglich immer die Einnahmen eines anderen und umgekehrt.
Gibt nun jemand weniger aus, als er eingenommen hat, und spart einen Teil seiner Einnahmen, fließt dieser gesparte Anteil nicht zurück auf die Seite, wo er (bereits) ausgegeben wurde. Irgendjemand bleibt auf seinen Ausgaben sitzen und macht Schulden. Er wird dann sehr wahrscheinlich in Folge weniger produzieren (ausgeben), wodurch dann auf der anderen Seite wiederum die Einnahmen sinken. Gesamtwirtschaftlich betrachtet wird der durch das Sparen bedingte Nachfrageverlust (= Einnahmeverlust) samt Produktionsrückgang verhindert, wenn ein anderer sich freiwillig in Höhe der Ersparnis verschuldet, um sich etwas zu kaufen oder in etwas zu investieren, was er mit seinen laufenden Einnahmen nicht bezahlen könnte. Damit bleibt der Geldfluss im Wirtschaftskreislauf erhalten und die Gefahr eines Produktionsrückganges wird vermieden. Die gleiche Wirkung hätte es, wenn irgendjemand seine Ersparnisse reduziert. In jedem Fall stehen allen Ersparnissen immer gleich hohe Schulden gegenüber und jeder Sparer ist im Grunde allen Schuldnern zu Dank verpflichtet: Ohne sie könnte er nicht sparen bzw. würden sich die Wirtschaftsleistung und die daraus erzielten Einnahmen so weit reduzieren, dass das ursprünglich Ersparte gesamtwirtschaftlich betrachtet keines mehr wäre. Dass alle gemeinsam sparen, ist rein mathematisch völlig ausgeschlossen. Es wäre also ratsam, die Debatten um Schulden weniger moralinsauer und dafür mit mehr ökonomischem Realitätssinn zu führen. Selbst wer Geld fürs Alter zurücklegen (sparen) will, braucht Schuldner. Im Falle einer Altersvorsorge über eine Versicherung oder einen Pensionsfonds sind das dann pikanterweise die verschiedenen Staaten dieser Welt, die sich verschulden: Immerhin wird derart Erspartes zu einem erheblichen Teil in staatlichen Schuldpapieren (Staatsanleihen) angelegt.
Das beschriebene Prinzip gilt auch für den Handel zwischen verschiedenen Volkswirtschaften: Verkauft ein Land (oder im Falle Vorarlbergs: eine Region) seinen Handelspartnern mehr Waren und Dienstleistungen, als es von ihnen zurückkauft, erzielt es mit seinen Exporten mehr Einnahmen, als es für seine Importe ausgibt. Im Sinne der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung spart es, während sich der Handelspartner verschuldet – wobei es völlig gleichgültig ist, wer konkret sich dort verschuldet. Im Falle der Region Vorarlberg, die seit Jahren exorbitante Handelsüberschüsse erzielt, bedeutet dies, dass sich im Lande Ersparnisse anhäufen, deren Schuldenpendant sich im Ausland befindet. Im Klartext: Vorarlberg schnallt den Gürtel enger als es könnte und spart auf Kosten der Verschuldung seiner Handelspartner.
Im Normalfall einer Marktwirtschaft funktionieren die oben beschriebenen Regelprozesse zwischen der Ersparnisbildung und der Schuldenaufnahme. Als Normalfall wird in der Wirtschaftstheorie angenommen, dass die privaten Haushalte in Summe Ersparnisse bilden und die Unternehmen diese als Schulden aufnehmen, um damit zu investieren und ihre Gewinne zu erwirtschaften. Unter diesen Umständen können die öffentliche Hand und das Ausland ausgeglichen bilanzieren. Problematisch wird es, wenn große Gruppen bzw. ganze volkswirtschaftliche Sektoren gleichzeitig Ausgaben reduzieren bzw. (mehr) sparen wollen. Dies ist insbesondere in wirtschaftlichen Krisen der Fall, in denen die privaten Haushalte aus Vorsicht sparsam werden und die Unternehmen wegen fehlender Absatzchancen ihre Investitionen einschränken. Wenn dann kein anderer Sektor mehr Ausgaben tätigt und als Schuldner einspringt, sinken in Folge die aus den Ausgaben generierten Einnahmen bzw. die Wirtschaftsleistung in Gänze. Da man weder die privaten Haushalte, noch die Unternehmen, noch die Handelspartner im Ausland dazu zwingen kann, mehr Geld auszugeben, bleibt in solchen Fällen nur der Staat bzw. die öffentliche Hand als (Schulden-)Korrektur.

Wer spart in Vorarlberg und wer verschuldet sich?

Interessant ist vor diesem Hintergrund die Situation in Vorarlberg. Hier sparen tatsächlich seit Jahren die privaten Haushalte in Summe und nun sogar mehr als zuvor. Anders als im marktwirtschaftlichen Normalfall der Wirtschafstheorie dürften aber auch die Unternehmen nach Abzug ihrer Investitionen sparen – so wie sie es in ganz Österreich seit 2008 tun. Zwar gibt es diese Gesamtrechnung auf regionaler Ebene nicht, aber verschiedene Indikatoren (u.a. die riesigen Exportüberschüsse[v]) weisen darauf hin, dass es auch in Vorarlberg nicht anders ist als im Rest Österreichs. Als komplementärer Hauptschuldner für die Ersparnisse dieser beiden Sektoren fungiert seit langem das Ausland in Form der Handelsüberschüsse – in geringerem Ausmaß auch die öffentliche Hand. Dabei lag über lange Jahre die (Schulden-)Hauptlast bei den Gemeinden, während das Land bis vor kurzem mehr oder weniger ausgeglichene Haushalte präsentieren konnte. Es verschuldeten sich in Vorarlberg also genau die, die im Normalfall ausgeglichen saldieren sollten.
Dies hat sich mit der coronabedingten Krise nun offenbar verschärft und im Hinblick auf das Land sogar deutlich verändert[vi]: Ohne die höhere Landesverschuldung wäre z.B. die Ersparnisbildung der privaten Haushalte nicht möglich gewesen bzw. hätten die Ausgabenreduktionen der beiden privaten Sektoren (Haushalte und Unternehmen) die Wirtschaftsleistung noch weiter reduziert, als es ohnehin schon der Fall war. Der größer gewordene Vorarlberger Exportüberschuss (= Verschuldung des Auslands) dürfte die Landesverschuldung sogar noch gedämpft haben: Insgesamt liegt sie weiterhin auf einem im Bundesländervergleich niedrigen Niveau.
Wenn nun der Landeshauptmann ankündigt, dass das Land zu einem ausgeglichenen Haushalt zurückkehren und seine Ausgaben reduzieren will, ergibt sich die simple Frage, wer dann komplementär seine Einnahmen reduzieren soll: Die privaten Haushalte - und hier speziell, welche Gruppen in dieser Gesamtheit - oder die Unternehmen? Oder spekuliert das Land wie in der Vergangenheit weiterhin darauf, dass wachsende Exportüberschüsse die Sache wieder ins Ausland verlagern? Vor diesem Hintergrund ist es interessant, mit welchen Maßnahmen das Land seine Ausgaben reduzieren will, wer dadurch weniger einnehmen und welche wirtschaftlichen Auswirkungen das haben wird. Allein nach dem angekündigten Motto, wir sparen überall ein bisschen und etwas mehr in den großen Ausgabenblöcken, dürfte es nicht getan sein. Etwas mehr Plan wäre da ratsam. Dieser Frage soll in einem folgenden Beitrag nachgegangen werden.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe Feburar 2022 erschienen.

[i] z.B. in Die PRESSE vom 21.09.21
[ii] z.B. in NEUE vom 29.10.21
[iii] Bei einem dreiköpfigen Haushalt wären das € 1.014 pro Monat bzw. € 12.168 im Jahr
[iv] ORF news vom 03.01.2022
[v] viel aussagekräftiger noch als die Handelsüberschüsse sind die sehr hohen Eigenkapitalquoten der Vorarlberger Unternehmen mit (vor der Coronakrise) durchschnittlich mehr als 40%
[vi] Landesverschuldung 2019: € 110 Mio., 2021: rund € 500 Mio.

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Bild1_Sparen.jpg