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02.12.2015 |  Anita Grüneis

Die Blattländer machen süchtig - „Ohne Rolf“ im TAK in Schaan

Die Kabarett-Kunstszene wäre „Ohne Rolf“ unferti. Sie sind das „g“ in dieser Szene, sie sind anders, sie sind eigen, sie sind genial. „Unferti“ heißt denn auch ihr neues Programm, mit dem sie seit kurzem unterwegs sind und damit auch im Schaaner TAK gastierten.

Es ist ihr drittes abendfüllendes Programm und wer nach den ersten beiden dachte, nun hat sich die Idee mit dem Blättern erschöpft, der wurde eines Besseren belehrt. Denn diesmal sind es nicht nur unzähligen Plakate, auf denen all die Texte stehen, mit denen sich Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg unterhalten, diesmal ist es eine äußerst vielschichtige Geschichte, bei der ständig die Ebenen gewechselt werden.

Wer ist wer?


Die beiden Blattländer sind im Urlaub und stellen ihr plakatives Dasein in Frage. Nach einem Tauchgang entdecken sie die vergnügungssüchtigen Pauschaltouristen im Saal, die sie als Eingeborene erkennen, denen sie nun etwas vorlesen. Jonas hat sein Haustier, den  Bücherwurm Ranitzki, mit in den Urlaub genommen, der vor allem später für allerlei Unheil sorgen wird. Er versucht zu erklären, wie alles mit ihnen beiden begann und warum er seinen Partner derzeit als Giraffe sieht. Christof kommt auch tatsächlich mit einem Giraffenkopf daher, zieht sich Schuhe und Strümpfe aus, feilt seine Zehennägel, krempelt die Hose hoch, schlüpft in rote High Heels und beginnt zu tanzen. Jonas beobachtet die Metamorphose, findet das Ganze zunächst obskur, ist aber zunehmend fasziniert und erotisiert.

Bin ich auch Du?


Das ist nur einer der vielen absurden Momenten, in denen die Frage gestellt wird: Wer ist Ich, und wer bist Du, und was ist, wenn Ich Du bin, und du Ich? Wie weit darf Empathie gehen? Was ist, wenn ich als Du wieder zu mir zurück will? „Ich hab keine Lust, meinen Kopf für deine Fantasien hinzuhalten“, heißt es auf einem der Plakate und „wir haben uns auseinander geblättert“ oder „All die plakativen Jahre mit dir waren schön“. Ist das das Ende des Paares „Ohne Rolf“? Nein, nur eine Pause.

Meuterei gegen den Autor


Nach der Pause spricht plötzlich der Autor der beiden. Er steht mit einer Papiertüte auf dem Podest, redet über seinen „Blätterus interruptus“, will dem „Mittelstandspack“ im Saal noch eine Zugabe gönnen, aber Jonglieren mit einer Papiertüte geht gar nicht und Witze erzählen auch nicht. So zeigt er aus dem Bonus-Material die gestrichenen Szenen. Nun werden Texte geblättert, auf denen die Worte rot durchgestrichen sind, was Christof verwirrt und den Autor – den Papierschöpfer -  zum Statement veranlasst: „Sie stoßen an ihre geistigen Grenzen“, schließlich habe er ihn nicht allzu intelligent „angelegt“. Das wollen sich die beiden Blattländer nicht gefallen lassen, sie meutern, fesseln den Autor und schreiben sich ihre Szenen selber, bei der sie sich plötzlich selbst gegenüber stehen - eine ultimative Selbsterfahrung. Sie blättern ihr eigenes Schicksal, da wird der Wurm Ranitzki aktiv und schon löst sich einer der beiden Blatt für Blatt ins Nichts auf.

Lesen und Lesen lassen


Lesen muss man können bei dieser Vorstellung. Lesen und schnell denken, denn die Pointen fliegen wie Kurzmitteilungen durch den Raum. Einige der Kurzmitteilungen werden von Jonas und Rolf vorgelesen – ein sehr aktueller Spaß. Dieses Programm „unferti“ ist  eine ungemein amüsante, vielschichte, gescheite und doppelbödige Unterhaltung. Kein Wunder, dass das Schweizer Duo „Ohne Rolf“ den Deutschen Kabarettpreis 2015 gewonnen hat.

In der Begründung der Jury  heisst es, sie „sprengen mühelos alle Genregrenzen zwischen Kabarett, Theater und Literatur. Ihr nahezu unerschöpflicher Ideenreichtum, ihre punktgenaue Präzision, ihre sprach-spielerische Leichtigkeit und die philosophische Tiefe ihrer Programme sind so überraschend, phantasievoll und mitreißend, dass man nach einem Programm von OHNE ROLF süchtig nach mehr wird“. Stimmt genau.

Ohne Rolf und der Einfluss der Phantasie

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