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03.12.2011 |  Thorsten Bayer

Anspruchsvoll und hintersinnig: Sebastian Krämer lud zur „Akademie der Sehnsucht" ins Feldkircher Theater am Saumarkt

35 Jahre ist er erst alt, dieser Mann aus Ostwestfalen, der seit 1996 in Berlin lebt. Doch er hat schon jede Menge Bühnenerfahrung: zunächst als sehr erfolgreicher Poetry Slammer (zweifacher Deutscher Meister), seit einigen Jahren als Liedermacher. Sein feingeistiger Humor und seine offen zur Schau gestellte umfangreiche humanistische Bildung sind die Fundamente eines sehr unterhaltsamen Programms, das Gregor Nowak am Cello perfekt ergänzt. Besonders im zweiten Teil des Abends begeistert Sebastian Krämer das Publikum mit seinen pointierten Liedern und Anekdoten.

Anbiederung ist nicht sein Ding. Andere Künstler mögen sich mal mehr, mal weniger unverhohlen an das Publikum ranschmeißen. Sebastian Krämer zeigt da lieber auch einmal eine schroffe Seite. Gerade hat er dem Publikum eine Frage gestellt. Als sich schließlich einer traut und die gewünschte Antwort liefert, quittiert Krämer das nur mit einem spöttischen „Einer ist ja immer der Streber“. „Ihr Humor ist Ihr Problem“, heißt es an anderer Stelle, „und meiner erst recht.“ Natürlich hat er auch eine zugewandte Seite, lässt seinen Charme ein ums andere Mal spielen. Aber diese kleine Anekdote gleich zu Beginn des Konzerts ist schon bezeichnend: So sperrig er sich – und sei es nur zuweilen – gibt, so unbequem sind auch viele seiner Chansons. Man muss schon sehr genau hinhören, um all die Zwischentöne zu erfassen. Doch die Mühe lohnt sich.

„Popmusik unter schlechten Produktionsbedingungen“

Apropos Chanson: Krämer definiert sie mit einem verschmitzten Lächeln als „Popmusik unter schlechten Produktionsbedingungen“. Als Kabarettisten sieht er sich nicht, denn „Kabarett wird mehr und mehr zur Selbsthilfegruppe für anonyme SPD-Mitglieder“. Viel Spott also für das eigene Metier. Dabei hat er in diesem bereits große Erfolge feiern können: 2001 und 2003 als Deutscher Meister im Poetry Slam, einer freien Form des Wettstreits unter Dichtern, 2009 dann als Träger des Deutschen Kleinkunstpreises für Chanson.
Er ist ein Meister der feinen Ironie: Der Titel seines Programms „Akademie der Sehnsucht“ führt in die Irre. Sehnsucht ist für ihn „die Pflege einer Mangel-Empfindung – etwas sehr Deutsches“. Doch wer angesichts dieses Mottos schwülstige Balladen erwartet hat, liegt ganz falsch. Kaum wähnt sich der Künstler im romantischen Teil des Abends angekommen, tritt er sofort auf die emotionale Bremse: „Das bringen wir schnell hinter uns.“

Bewusst gesetzte Brüche

Auch musikalisch macht er es seinen Zuhörern im Theater am Saumarkt nicht leicht: Analog zu seinen verschachtelten Sätzen und Gedankengängen setzt er am Klavier nur selten auf gefällige Melodien und favorisiert stattdessen immer wieder dissonante Einschübe, bewusst gesetzte Brüche. Ob er damit die Erwartungen seines Publikums trifft, hat für ihn keinerlei Priorität. „Sie sitzen da und haben Eintritt gezahlt, mehr will ich gar nicht von Ihnen“, gesteht er freimütig. Mit Sätzen wie diesen, seien sie nun ernst gemeint oder nicht, hält er seine Zuhörer immer etwas auf Distanz. Man kann diesen Mann einfach nicht greifen; vermutlich ein bewusster Trick Krämers.

Eleganz und klassische Bildung

Thematisch ist die Spannbreite groß: Vom Kätzlein auf dem Auto, einer angeblich exklusiv ins Deutschen übersetzten russischen Volkswaise, über traumatische Schul-Erlebnisse mit den hochmütigen „Herzbrecherinnen“, einer ironischen Hommage an die Volkshochschule bis zur Abrechnung mit den Deutschlehrern, die infamerweise die Rechtschreibreform nicht verhindert haben, reicht das Repertoire. Beeindruckend ist immer wieder Krämers unerschöpflicher Wortschatz, den er sowohl in seinen Liedern am Klavier als auch in Anekdoten in Stand-Up-Form unter Beweis stellt. Die Eleganz seiner geschliffenen Texte, das ungewöhnliche Outfit mit grau glänzendem Anzug und der seltsam gefalteten Krawatte, die zahlreichen Anspielungen auf klassische Bildungsinhalte, von „Faust“ bis Heinrich Manns „Professor Unrat“ verleihen ihm etwas Altmodisches. Ein Eindruck, eine Erwartungshaltung, mit der er allzu gerne spielt.

Florett statt Schwert

Begleitet wird Krämer von Gregor Nowak, der weit mehr als nur ein netter Sidekick auf der Bühne ist. Ein Vollprofi, der normalerweise als künstlerischer und organisatorischer Leiter des Mendelssohn Kammerorchesters Leipzig sein Geld verdient. Gemeinsam bieten sie, vor allem nach der Pause, ein anspruchsvolles, intellektuelles Programm, das der Pressetext zutreffend charakterisiert: „Bizarr sentimental, unvermittelt garstig und schonungslos philosophisch. Manchmal hochpolitisch, ohne dass auch nur ein einziger Politiker Erwähnung fände…“ Die Berliner taz hat es in einer Rezension über Sebastian Krämer einmal schön auf den Punkt gebracht: „Dieser Mann zieht das Florett dem Schwerte vor und beherrscht es so elegant, dass er immer tödlich trifft“. Dieser Einschätzung ist nichts hinzuzufügen.

Ein Meister der feinen Ironie am Klavier: Sebastian Krämer. Fotos: Sabine Benzer / Theater am Saumarkt

Ein Meister der feinen Ironie am Klavier: Sebastian Krämer. Fotos: Sabine Benzer / Theater am Saumarkt

Applaus für einen gelungenen Abend im Theater am Saumarkt

Applaus für einen gelungenen Abend im Theater am Saumarkt

Gregor Nowak am Cello: weit mehr als nur ein netter Sidekick

Gregor Nowak am Cello: weit mehr als nur ein netter Sidekick

Der junge Chansonnier setzt auf Eleganz – auf der Bühne und abseits davon. Foto: Gerald von Foris

Der junge Chansonnier setzt auf Eleganz – auf der Bühne und abseits davon. Foto: Gerald von Foris

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  • Ein Meister der feinen Ironie am Klavier: Sebastian Krämer. Fotos: Sabine Benzer / Theater am Saumarkt Ein Meister der feinen Ironie am Klavier: Sebastian Krämer. Fotos: Sabine Benzer / Theater am Saumarkt
  • Applaus für einen gelungenen Abend im Theater am Saumarkt Applaus für einen gelungenen Abend im Theater am Saumarkt
  • Gregor Nowak am Cello: weit mehr als nur ein netter Sidekick Gregor Nowak am Cello: weit mehr als nur ein netter Sidekick
  • Der junge Chansonnier setzt auf Eleganz – auf der Bühne und abseits davon. Foto: Gerald von Foris Der junge Chansonnier setzt auf Eleganz – auf der Bühne und abseits davon. Foto: Gerald von Foris