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06.10.2012 |  Thorsten Bayer

Beeindruckend in allen Tonlagen – die Österreich-Premiere des australischen Zirkustheaters Cantina bei schau★lust im Millenium Park

Das Beste kommt zum Schluss: Zum Finale des diesjährigen schau★lust-Festivals gastiert Cantina in Lustenau. Bei der Premiere am gestrigen Freitagabend rissen die Artisten mit ihrer spektakulären und abwechslungsreichen Show die Zuschauer von den Sitzen. Den sechs Künstlern gelang bei ihrem Auftritt spielerisch die Balance zwischen schrillen, lustigen Zirkusnummern einerseits und ernsten Einlagen andererseits. Noch sechs Mal treten sie im Freudenhaus auf – Restkarten sind erhältlich.

Eine Österreich-Premiere eines international gefeierten Zirkustheaters in einem Lustenauer Industriepark – das gibt es auch nicht alle Tage. Kein Wunder, dass der Andrang entsprechend groß ist: Bereits wenige Minuten nach der Saalöffnung um 19 Uhr sind alle Tische besetzt, Plätze auf Stühlen aber noch genügend zu finden. Als das Licht im Freudenhaus ausgeht, betritt Trent Arleysmith mit seiner Ukulele die Bühne. In den folgenden 65 Minuten wird er der einzige sein, der sich auf eine Kunstform – in seinem Fall die Musik – beschränkt. Seine fünf Kollegen von Cantina wechseln in einer atemlosen Show scheinbar mühelos zwischen Akrobatik, Tanz, Musik und Zauberei. Die Outfits der Künstler und der Bühne, die im Stil einer Vaudeville-Show an die „goldenen“ 20er-Jahre erinnern, sind herrlich nostalgisch und damit wie für das Freudenhaus gemacht.

Überraschungsmomente

Gleich die erste Akrobatik-Nummer hat es in sich: Bis in die Mitte des Zeltes ragt ein Seil, auf dem Paul O’Keeffe und Chelsea McGuffin eine erste Kostprobe ihrer unglaublichen Körperbeherrschung geben – letztere in Stöckelschuhen, wohlgemerkt. Es folgen, jeweils mit nahtlosem Übergang, fröhliche Nummern mit Steptanz und Vertikalseil. Das erste dicke Überraschungsmoment ist dann Mozes vorbehalten, der mit seinem schwarz geschminkten Auge von Anfang an die dunkle Facette der Show mittransportiert. Doch zunächst ist noch Spaß angesagt: Erst zaubert er seine rote Clownsnase weg, dann aber auch seine komplette Kleidung – und steht splitterfasernackt auf der Bühne im prallen Scheinwerferlicht. Die Tageszeitung, obwohl im größeren Nordischen Format der deutschen Qualitätspresse, setzt er als Lendenschurz auch nicht wirklich geschickt ein, um seine Blöße zu bedecken.

Die dunkle Seite der Show

Abrupt schlägt die Vorführung einen anderen Ton an: Aus heiter-verspieltem Treiben wird eine ernste Show, bei der sich Dominanz-Kämpfe in den Vordergrund schieben. Wer beherrscht wen? Diese Frage wird in verschiedenen Formen durchgespielt, wohltuenderweise nicht nur in der klassischen Form mit Macho-Männern und devoten Frauen. Im Gegenteil: Besonders Paul O’Keeffe muss einiges einstecken, wenn er beispielsweise von seiner Kollegin mit Stöckelschuhen „betreten“ wird. Entsprechend ändert sich auch die Musik: An die Stellen von schepperndem Drehorgelspiel treten harte, dunkle Elektro-Beats. Der Hinweis des Veranstalters, die Vorstellung sei für Kinder nicht geeignet, wird jetzt verständlich. Auch dann, wenn wenig später Arkleysmith zu einer Ode an „My girl´s pussy“ ansetzt.

Profession und Passion

Immer wieder faszinieren die unglaubliche Präzision der Künstler und die Leidenschaft, die sie in den waghalsigsten Stücken zeigen. Es steckt ganz offensichtlich eine ganze Menge Herzblut, jahrelanges Training und Lebenserfahrung in diesem Programm. In einem Interview auf www.artshub.com.au antwortete Chelsea McGuffin auf die Frage nach ihrer Ausbildung: „I come from a classical ballet background. I have never been the academic type. I learn through doing it. When I was 20 I was offered a great opportunity to travel with a nomadic circus company ‘Circus Monoxide’. I travelled with this company for 2 years and here I began my circus training. Circus training involves physical skills but also life experience. We lived 8- 10 of us in a double Decker bus we all had to drive, set up the performance space, cook food, shop, administer the company and perform. It was the best learning I have ever done.“

Weitere Aufführungen

Dieser Einsatz, diese Leidenschaft ist bei allen sechs Cantina-Mitgliedern spürbar. Sie bieten keine leicht verdauliche Kost, aber einen lange nachhallenden Auftritt. Bei der Kultur-Olympiade in London, an der die Gruppe vor kurzem teilgenommen hat, begeisterte sie das Publikum wie in Lustenau. Hier wie dort: Standing ovations. Organisator Willi Pramstaller freut sich über das große Interesse an Cantina: „Fast alle Vorstellungen sind nahezu ausverkauft – allerdings konnten wir noch einige Restkarten im Vorverkauf freigeben. Wer sich also noch keine Karten besorgt hat – jetzt ist dazu Gelegenheit!“

 

Die nächsten Termine: Heute, Samstag, 6. Oktober, dazu am 9., 10., 11., 12. und 13. Oktober, jeweils um 20 Uhr (Einlass 19 Uhr).
www.schaulust.net

Die Künstler von Cantina (hier: Mozes und Chelsea McGuffin) spielen mit der Dominanz über den Körper des anderen.

Die Künstler von Cantina (hier: Mozes und Chelsea McGuffin) spielen mit der Dominanz über den Körper des anderen.

Auch bei der Nummer am Vertikalseil stockt dem Publikum der Atem.

Auch bei der Nummer am Vertikalseil stockt dem Publikum der Atem.

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  • Die Künstler von Cantina (hier: Mozes und Chelsea McGuffin) spielen mit der Dominanz über den Körper des anderen. Die Künstler von Cantina (hier: Mozes und Chelsea McGuffin) spielen mit der Dominanz über den Körper des anderen.
  • Auch bei der Nummer am Vertikalseil stockt dem Publikum der Atem. Auch bei der Nummer am Vertikalseil stockt dem Publikum der Atem.