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18.01.2013 |  Thorsten Bayer

Ein feiner Kabarettist in Theorie und Praxis – Claus von Wagner in der Kammgarn Hard

Einen beeindruckenden Auftritt legte der Kabarettist Claus von Wagner am Donnerstagabend in der Kammgarn Hard hin. In seinem Programm “Theorie der feinen Menschen” kombiniert der 35 Jahre alte Bayer gekonnt eine Familiengeschichte mit der Welt der Hochfinanz. Mehr oder weniger unfreiwillig geht der Protagonist dem gängigen Klischee nach, dass Banker die eine oder andere Leiche im Keller haben – und wird um ein Haar selbst zu einer.

Claus Neumann – ein Schelm, wer angesichts des identischen Vornamens Parallelen zieht – ist nicht zu beneiden. Nicht genug, dass sein Vater vor kurzem gestorben ist. Nun muss er auch noch in einem nächtlichen Kraftakt eine Rede auf den Toten vorbereiten. Und das in dem wenig anheimelnden Ambiente eines Tresorraums. Hier, bei der Durchsicht von persönlichen wie geschäftlichen Dokumenten seines alten Herrns, erhofft er Inspirationen für die Rede. Pünktlich zum Geschäftsschluss der Bank sitzt er in der Falle: Die Tür lässt sich nicht mehr öffnen, nur per Telefon und Überwachungskamera kann er noch mit der Außenwelt, zumeist dem Sicherheitsbeamten, der aber auch keine große Hilfe ist, kommunizieren. Am Ende wird die Situation noch richtig bedrohlich, als die Lüftung ausfällt und sich der Protagonist die Atemluft gut einteilen muss.

“Fonds-Ganoven und Finanz-Alchemisten”

Neumann senior war Wirtschaftsprüfer und damit in einer Branche tätig, die dem Sohnemann in ihren Codes rätsel- und in ihrer Skrupellosigkeit ekelhaft erscheint. Nun steht er vor einer denkbar schwierigen Aufgabe. “Die zwei Themen, zu denen ich am wenigsten zu sagen habe, sind mein Vater und die Finanzmärkte” – so bringt er sein Dilemma auf den Punkt. Dabei widerlegt er sich im Laufe seines über zwei Stunden dauernden Monologes eindrücklich: Vor allem zum Treiben von Investmentbankern, Bankberatern und Wirtschaftsgurus hat er eine ganze Menge zu sagen. “Als hätte Shakespeare ein Praktikum bei der Deutschen Bank absolviert und aus Verzweiflung darüber eine Komödie geschrieben“, wie es im Pressetext heißt. “Wie er mit vielen sorgsam belegten und exakt ineinander verschraubten Beispielen und Parabeln den abgehobenen Kapital-Kapitalismus auf den Boden der Realität holt, wie er die ‘Zaubertricks’ seziert, mit denen Fonds-Ganoven und Finanz-Alchemisten uns wie die willfährigen Politiker hirngewaschen haben, wie er den Derivatehandel als Pferdewette enttarnt – das wird, man kann es nicht anders sagen, in die Annalen der Kabarettgeschichte eingehen”, lobte ihn Christoph Schütte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Grenzen des Wachstums

Vordergründig bleiben einige pointierte Bemerkungen im Gedächtnis des Zuschauers hängen, etwa „Wenn sich zwei Brillenträger prügeln, freut das Optiker und Wirtschaftsgurus – das Bruttoinlandsprodukt steigt.“ Zum Schenkelklopfen indes eignen sie sich kein bisschen, das Lachen bleibt ein ums andere Mal im Hals stecken. Dass er schon länger im Geschäft ist, merkt man ihm an – nicht weil er einen routinierten Auftritt im Autopilot-Modus böte, sondern weil er seine Bühnenpräsenz gekonnt einsetzt.

Aufgewachsen in Miesbach, einer oberbayerischen Gemeinde zwischen Tegern- und Schliersee, kehrte er als Student (Kommunikationswisenschaft, Geschichte und Medienrecht) in seine Geburtsstadt München zurück. Seit 1998 macht er Solokabarett. Auch in seinem Studium beschäftigte er sich mit seinem späteren Beruf. "Politisches Kabarett im deutschen Fernsehen. Zwischen Gesellschaftskritik und Eigenwerbung. Eine Expertenbefragung" war das Thema seiner Magisterarbeit.

In den vergangenen Jahren hat er einige Preise gewonnen: den deutschen sowie den bayerischen Kabarettpreis, Salzburger Stier und zuletzt 2010 den deutschen Kleinkunstpreis. “Und jetzt? Was soll denn jetzt noch kommen?”, fragte Claus von Wagner nach der Preisverleihung auf seiner Homepage. Der Eindruck des gestrigen Abends: Sein Publikum muss sich keine Sorgen machen, dass ihm tatsächlich Ideen und Motivation ausgehen.

 

www.claus-von-wagner.de
www.kammgarn.at

Claus von Wagner bot ein nachdenkliches Programm mit jeder Menge Substanz

Claus von Wagner bot ein nachdenkliches Programm mit jeder Menge Substanz

Dabei hielt er den Anzugträgern der Wirtschaftswelt den Spiegel vor - und dazu jenen, die ihnen blind vertrauen (Foto Simon Buettner).

Dabei hielt er den Anzugträgern der Wirtschaftswelt den Spiegel vor - und dazu jenen, die ihnen blind vertrauen (Foto Simon Buettner).

"Theorie der feinen Menschen" ist der Titel seines neuesten Programms (Foto Marcus Gruber).

"Theorie der feinen Menschen" ist der Titel seines neuesten Programms (Foto Marcus Gruber).

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  • Claus von Wagner bot ein nachdenkliches Programm mit jeder Menge Substanz Claus von Wagner bot ein nachdenkliches Programm mit jeder Menge Substanz
  • Dabei hielt er den Anzugträgern der Wirtschaftswelt den Spiegel vor - und dazu jenen, die ihnen blind vertrauen (Foto Simon Buettner). Dabei hielt er den Anzugträgern der Wirtschaftswelt den Spiegel vor - und dazu jenen, die ihnen blind vertrauen (Foto Simon Buettner).
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