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23.05.2015 |  Thorsten Bayer

Poesie in Bewegung – Jamie Adkins beim Seelax-Festival

Eine umjubelte Österreich-Premiere seines Programms „Circus Incognitus“ feierte am Freitagabend Jamie Adkins im ausverkauften Freudenhaus Bregenz. Der US-Amerikaner mit Wohnsitz in Kanada überzeugte mit einer heiteren Show zwischen Clownerie, Jonglage, Balancekunst und Akrobatik. An diesem Pfingstwochenende ist er noch an zwei weiteren Abenden zu erleben, es gibt noch Tickets.

Eine öffentliche Rede ist nicht jedermanns Sache. Schnell macht sich Nervosität breit: schweißnasse Hände, Frosch im Hals, albernes Kichern an den falschen Stellen – und dann ist auch noch der wichtige Zettel mit den Notizen nicht mehr zu finden. So geht es auch der Figur in Adkins’ neuem Solo-Programm. Mit der eigentlich geplanten Rede will es einfach nicht klappen: Also macht er mit Hilfe seiner überragenden Physis aus der Not eine Tugend und balanciert beispielsweise das (schließlich doch aufgetauchte) Manuskript auf seiner Nase.

Natürlich sind die Figur und Jamie Adkins zwei verschiedene Personen – und doch haben sie mindestens eine wichtige Gemeinsamkeit: „My character has a lot to say, but he does not quite know how to say it. In the end he discovers it was not words he needed but actions. I find that I am able to express myself better and more precisely without words. When I use words on stage I tend to talk too much and the meaning of what I wish to express is cluttered“, sagte Adkins einmal in einem Interview mit dem französischen Magazin Brest.

Begeistertes Publikum

Bereits im Alter von 13 Jahren trat er als Straßentheaterkünstler in San Diego/Kalifornien auf. Seine nächsten Stationen waren der Pickle Family Circus (San Francisco), der Cirque du Soleil und der Cirque Éloize in Montreal. Hier entwickelte er das erfolgreiche Programm „Typo“, das 2005 für den Drama Desk Award am Broadway nominiert wurde. Der Nachfolger „Circus Incognitus“ kommt in Bregenz bestens an: Sehr viele Lacher erklingen im Freudenhaus-Zelt, die Show zündet von Anfang an. Das Publikum ist fasziniert von der Körperbeherrschung und Präzision des Künstlers, der mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit die schwierigsten Nummern meistert. Seien es Jonglagen mit Bällen oder Hüten oder die abschließende Szene am Seil (das er auf die denkbar komplizierteste Weise spannt, indem er sich auf einer Leiter vom einen zum anderen Ende des Seils bewegt) – die Begeisterung der Zuschauer ist ihm sicher.

Schnörkellos

Das liegt zum einen an seiner fein nuancierten Gestik und Mimik, die weitere verbale Erklärungen überflüssig macht. So verstärkt sich, auch ohne Text, der poetische Eindruck des Gesehenen. Zum anderen versteht er es sehr gut, das Publikum direkt in seinen Auftritt einzubinden. Zunächst wirft er sich selbst einige Zitronen zu, um sie mit einer Gabel zwischen den Zähnen wieder aufzufangen. Als nächsten Schritt verteilt er die Früchte im Publikum und fängt auch hier eine Zitrone nach der anderen. Mit einer Gabel balanciert er an anderer Stelle eine Beere auf seiner Stirn.

Die Stärke des Programms liegt auch in seiner Reduktion auf das Wesentliche. Er verzichtet auf technische Hilfsmittel und verlässt sich stattdessen ganz auf seine Persönlichkeit und die Wirkung seiner „handgemachten“ Kunststücke. Somit werden an Erinnerungen an Charlie Chaplin oder Buster Keaton wach. Die New York Times lobte diesen schnörkellosen Ansatz als „erfrischend“: „In these days of relentless 3-D and high tech — not to mention the pretentious theatrical flourishes of Cirque du Soleil, in which Mr. Adkins once performed — straightforward circus arts can be refreshing.“ Das Fazit fällt eindeutig aus: Ein Volltreffer!

 

Jamie Adkins tritt weitere zweimal im Freudenhaus Bregenz auf. Für die Vorstellungen am heutigen Samstag (23.05.) sowie am Sonntag, 24.05. sind noch Karten verfügbar. Die Show startet an beiden Tagen um 20.30 Uhr, Einlass ist jeweils um 19.30 Uhr. 
www.seelax.at

Warum einfach, wenn es auch umständlich geht? Jamie Adkins und sein „Circus Incognitus"

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