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10.06.2013 |  Christina Porod

Souverän, rhetorisch brillant und ausgesprochen sympathisch - Uli Böttcher im Dialog mit dem Publikum und den Bühnenfiguren

Trotz des Titels seines Programms „Keine Ahnung“ hatte der Kabarettist Uli Böttcher am gestrigen Sonntagabend sehr wohl Ahnung, wie er sein Publikum zum erfrischenden Dauerlachen verführen kann: Mit erheiternden Geschichten, intensiver Mimik, umwerfender Spontaneität und dem Spiel mit seinem Publikum begeisterte er die Zuschauer inhaltlich und darstellerisch. So herrschte über zwei Stunden beste Stimmung im Lindauer Zeughaus.

Gleich zu Beginn erklärt der Kabarettist seine Geste auf dem Plakat: Zeigefinger und Daumen zu einem Kreis formiert und vor die Stirn gelegt, die übrigen drei Finger abgespreizt. Dies ist nämlich in der Gebärdensprache das Zeichen für keine Ahnung. Für den 46-Jährigen illustriert diese Gebärde das Loch im Hirn und die Strahlen des Selbstbewusstseins.

Präzedenz-Dienstag mit Anekdoten


Auf der Bühne herrscht Schlichtheit. Einzig ein Stuhl und zwei Taschenlampen dienen ihm als Requisiten. Anders sieht das in seinem Programm aus, da tummeln sich die unterschiedlichsten Charaktere: Kinder, die einen Hund wollen; ein angsteinflößender Pfarrer, Fitness-Counter-Hostess Nadine und viele mehr.
Uli Böttcher präsentiert eine Bühnenfigur, die aus ihrem Alltag erzählt. Genauer gesagt, von einem Präzedenz-Tag, einem Dienstag, an dem er zählt, wie oft er keine Ahnung hat. Denn Böttcher hat das Gefühl je älter er wird, desto weniger Ahnung hat er. Hineingestreut sind satirisch überspitze Geschichten und Anekdoten, in denen er wirklich keine Ahnung hat oder nur so tut als hätte er keine. Und Vorsicht ist geboten, wenn das Umfeld keine Ahnung hat.

Der Kabarettist und Schauspieler begeistert aber nicht nur mit seinen kleinen Geschichten, sondern auch mit der Darstellung derselben. Anschaulich, mit erstklassigem Mienenspiel führt er so manche Situation vor: Eigentlich will er nur seinem Hund, der zu viel Schokolade gefressen hat, das Leben retten, indem er versucht ihm mit Würgen und Schlagen ein Brechmittel einzuflößen. Was ihn für die umstehenden Schaulustigen als Tierquäler entlarvt. Die Moral von der Geschichte: „Vorsicht, wenn man keine Ahnung hat, denn es könnte immer anders sein, als man denkt.“
Auch die Religion ist ihm eine Episode wert, denn wer keine Ahnung hat, muss nun einmal glauben. Humorvoll erinnert er sich an seine erste Beichte, bei der ihm keine rechte Sünde einfallen will, da er noch keine Ahnung hat, wie eine solche aussieht. Aber er muss dahin, da er unbedingt Ministrant werden will. Zu diesem Zeitpunkt ist er „vom Scheitel bis zur Sohle Kathole“.

Der eloquente Kabarettist switcht in den Dialogpassagen mit unglaublicher Spielfreude zwischen all den Figuren und überzeugt in jeder Rolle, sei es als Vater und Sohn beim Aufklärungsgespräch, beim Verkaufsgespräch für einen Neuwagen oder beim vermeintlichen Flirt-Gespräch in einer Bar. Unentwegt erntet der Träger des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg herzhafte Lacher.

Brillanter Unterhalter


Böttcher beherrscht das Spiel mit dem Publikum, ist ein brillanter Unterhalter. Und ein solcher unterhält sich eben. Immer wieder nimmt er sich jemanden aus dem Publikum vor. Sein feiner Humor gerät aber nie unter die Gürtellinie. Mühelos gelingt es ihm die Balance zu halten, zwischen miteinander und nicht übereinander lachen. So manches Erzählte weiß der souveräne Rhetoriker auch in sein Programm einzufügen.
Der eine oder andere Besucher hat gelernt doch pünktlich zur Vorstellung zu kommen oder es sich lieber - wenn man keine Lust aufs Plaudern hat - in den hinteren, dunkleren Sitzreihen gemütlich zu machen.

Auf den Heimweg gibt er seinem Publikum noch etwas mit: „ Genießen Sie den Moment, in dem Sie kein Ahnung haben. Immerhin wurde die Arche Noah von Amateuren gebaut, die Titanic hingegen von Profis.“

Das Publikum honoriert den pointenreichen und unbeschwerten Abend mit tosendem Applaus.

Uli Böttcher illustriert die Gebärde für „Keine Ahnung“

Uli Böttcher illustriert die Gebärde für „Keine Ahnung“

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  • Uli Böttcher illustriert die Gebärde für „Keine Ahnung“ Uli Böttcher illustriert die Gebärde für „Keine Ahnung“