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12.11.2021 |  Gunnar Landsgesell

Last Night in Soho

Eine junge, behütete aber aufgrund familiärer Vorgeschichten instabile Frau geht für die Modeschule nach London. Dort taucht sie in nächtlichen Träumen in ihre Lieblingszeit, die Sechziger Jahre ein, die schon bald Züge eines Horrortrips haben. Ein psychologischer Thriller mit interessanten Ansätzen von Edgar Wright.

Die Warnungen vor der großen Stadt sind nicht unbegründet. Die junge Eloise (Thomasin McKenzie) ist in beschaulichen Verhältnissen bei ihrer Großmutter (New-British-Cinema-Star Rita Tushingham) am Land aufgewachsen. Nun hat Eloise ein Stipendium für die Modeschule in London bekommen. Die Oma ist besorgt: Ihre Tochter, Eloises Mutter, ging in London vor die Hunde. Das war in den Sechziger Jahren. Schon bald ist auch Eloise in London. Und es dauert nicht lange, bis sie in einer Unterkunft (Sixties-Star Diana Rigg als Landlady), in der die Zeit stehen geblieben scheint, unterkommt. Tagsüber designt Eloise in der Modeschule Kleider im Stil der Sechziger, abends legt sie sich ihre Lieblingsalben von damals auf und träumt sich in das Soho der Swinging Sixties. Dort begegnet ihr eine faszinierende Figur, die blonde Sängerin Sandy (Anya Taylor-Joy), mit der sie über ihre Träume auf verrückte Weise zu verschmelzen scheint.

Die Sechziger zwischen Petticoat und Psychotrip

Regisseur Edgar Wright ist immer für unkonventionelle Geschichten gut. Nach „Scott Pilgrim“ oder dem irritierend erzählten „World’s End“, einer Sauftour durch 12 Pubs an einem Abend, die mit einer Begegnung mit Aliens endet, begleitet Wright seine junge Protagonistin bei einer Zeitreise mit unheilvollem Verlauf. Durchaus spannend auch hier sein Mash-up-Ansatz: Coming-of-Age, Glamour-and-Glitter-Zeit-Porträt der Sechziger, psychologischer Thriller mit Horrorfragmenten. Auch wenn sich all diese Elemente dramaturgisch etwas reiben, verfolgt der Film doch zwei starke und recht präzise ausgearbeitete Ideen. Die eine sei hier aus Spoilergründen nicht verraten, die andere ist zweifellos Wrights Interesse, die Sechziger-Jahre in ihren Ambivalenzen neu zu befragen. Eloises Verklärung der Sechziger Jahre lässt jede Menge romantischer Filmbilder entstehen: Haartollen und Petticoats, stilvolle Bars, Twist und aufflammende Liebe. Wright arbeitet sich über seine Protagonistin aber gleichsam in die Abgründe dieser Zeit - quasi in die Psyche selbst - vor, und stößt dabei auf alptraumhafte Szenerien, die eher an LSD und die Grenzbereiche der menschlichen Wahrnehmung erinnern. Was in "Last Night in Soho" zuerst noch feinsäuberlich in die Sphäre der Realität und die des Traums getrennt ist, entwickelt sich für den Zuseher naturgemäß zur Herausforderung, die beiden Ebenen noch auseinander zu dröseln. Wrights Protagonistin, der australischen Schauspielerin Thomasin McKenzie, wird hier also einiges zugemutet. Sie hat im Wechsel der Gefühle eine Frau zu interpretieren, die ihr ohnehin prekäres Zentrum zunehmend zu verlieren droht. In einigen schön choreografierten Szenen begegnen sich Eloise und Sandy, die schillernde Sängerin aus Eloises Träumen, in den Spiegeln eines Lokals, wo sie sich sogar zu berühren scheinen. Das erinnert an Lacan’s Spiegelstadium und damit verbundene Prozesse der Selbstfindung. Der Film verabsäumt es in der Folge allerdings, seine im Aufbruch oder besser in Aufruhr befindliche Hauptfigur entschiedener in eine Richtung zu entwickeln. So verharrt man einige Zeit im Rhythmus zwischen besorgter Oma, einem schwarzen Klassenkollegen, der sich ohne besondere Resonanz um die Gunst von Eloise bemüht und einem sporadisch auftauchenden sinistren Mann (ein Wiedersehen mit Terence Stamp), dessen Rolle vor allem die der Beunruhigung zu sein scheint. So bleibt man auch selbst etwas unentschieden, wenn einem der Film einerseits fabelhaft entworfene Szenen präsentiert, die für sich durchwegs innere Spannung generieren, andererseits aber die fehlende emotionale Anbindung der Protagonistin irgendwie unklar lässt, was einem "Last Night in Soho" eigentlich erzählen möchte. Vielleicht doch von allem ein bisschen: Crime Story, Coming of Age und vom Horror im eigenen Kopf. 

Thomasin McKenzie: Gekonnter Wechsel zwischen behüteter Schülerin und gebeutelter Grenzgängerin.

Thomasin McKenzie: Gekonnter Wechsel zwischen behüteter Schülerin und gebeutelter Grenzgängerin.

Verwandlungen: Der Film hat Anklänge von Brian de Palma und "Wenn die Gondeln Trauer tragen".

Verwandlungen: Der Film hat Anklänge von Brian de Palma und "Wenn die Gondeln Trauer tragen".

"Last Night in Soho" ist kein Sechzigerjahre-Porträt, sondern nützt die Zeit und Ästhetik, um durch sie den Horror seiner Hauptfigur auszudrücken.

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  • Thomasin McKenzie: Gekonnter Wechsel zwischen behüteter Schülerin und gebeutelter Grenzgängerin. Thomasin McKenzie: Gekonnter Wechsel zwischen behüteter Schülerin und gebeutelter Grenzgängerin.
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