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30.09.2013 |  Ingrid Bertel

„Ein blasses, schönes Kind allein und ferne“ – Marlene Kilgas Kriminalroman „Dr. Faust in der Marktgasse“

Marlene Kilga, gebürtige Feldkircherin, lebte bislang als Sprachlehrerin in Kanada, England und Belgien. In ihrem Romandebüt „Dr. Faust in der Marktgasse“ kehrt sie heimwehkrank nach Feldkirch zurück und mischt einen Klerikerkrimi mit einer Prise Goethe und mancher lokalen Legende.

„Wie schön die Stadt war! Fröhlich bunte Häuser in allen Farben schmiegten sich aneinander, die Giebel wie schicke Hüte oder kunstvolle Frisuren als schmückenden Abschluss oben drauf, umrandet von den göttergleichen Bergen, die den Menschen fortwährend die Bescheidenheit ihrer eigenen Existenz vor Augen hielten.“ Da würde wohl selbst Rosamunde Pilcher schlucken! Wenn’s um Feldkirch geht, kennt Marlene Kilga kein Erbarmen: „Martha atmete tief, sog die Stimmung in sich ein. Das hier ist der Nabel der Welt, dachte sie, meiner Welt.“
Feldkirch! Vielleicht weil Martha Keller ihren Alltag in Brüssel so satt hat, ebenso das ständige Warten auf ihren Mann Piet – einen Europol-Drogenfahnder. Als sie auch noch mit der strahlenden Verliebtheit ihrer Tochter Saskia konfrontiert wird, beginnt sie sich nach einem neuen Leben inklusive neuem Mann umzusehen. Der erscheint prompt auf der Bildfläche und hat dafür einen plausiblen Grund: Er muss ermitteln.
Im gelben Haus neben der Johanniterkirche ist nämlich wieder einmal eine Scheibe zersprungen. Es ist immer die gleiche. Nur dass der Glasermeister diesmal einen schauerlichen Fund gemacht hat: „Im Beton war etwas Merkwürdiges zu sehen. Finster musste ganz nahe hingehen, um es erkennen zu können: Ein Gebiss. Ohne Zweifel waren dort Zähne und Teile eines Oberkiefers zu erkennen.“

„Du lieber Gott! Was so ein Mann
Nicht alles, alles denken kann!“


Finster ist der ermittelnde Beamte, der Licht in die Sache bringt, und Marlene Kilga eine Autorin, die vor keinem Kalauer zurückschreckt. Deshalb passt hier alles „wie die Faust auf’s Auge“ - Goethes Drama, die Feldkircher Faust-Legende und die kriminelle Tat.
Gewiss, Finster kennt sich in Goethes „Faust“ nicht so gut aus wie Martha Keller, die am Goethe-Institut arbeitet, aber den Goethe holt er quasi berufsbedingt nach. Schließlich gibt’s nicht nur eine Laientheater-Aufführung im Palais Liechtenstein, sondern gar eine legendäre Verbindung des Doktor Faustus nach Feldkirch: 1582 wird Doktor Georg Iserin, Stadtarzt von Feldkirch, Vater des berühmten Humanisten Georg Joachim Rheticus, öffentlich enthauptet. „Neben den historischen Fakten gab es auch sagenhafte Berichte über den Doktor, der ein Zauberer gewesen sei. Besagter Doktor Iserin, der auch Doktor Fustes oder Doktor Faust genannt wurde, habe im Haus neben der Johanniterkirche sein Quartier gehabt. Eines Abends sei beobachtet worden, wie ein unbekannter Mann auf des Doktors Haus zugeeilt war. Am nächsten Morgen habe man den Doktor ‚erwürgt und in seinem eigenen Blute liegend’ aufgefunden. Der Unbekannte sei der Teufel gewesen, der durch das Fenster entfloh.“

„Lass das nur stehn! dabei wird’s niemand wohl.
Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.“


Ungefähr so wiederholt sich die Geschichte auch 435 Jahre später. Zum eingemauerten Gebiss im gelben Haus neben der Johanniterkirche kommt ein toter Pudel, der auf abscheuliche Art gehäutet im Reichenfeld neben der Poolbar gefunden wird. Sein Besitzer, Pfarrer Ewald Gantner, erzählt bei der Einvernahme: „Er… begann Blackie zu häuten. Ich machte einen Schritt auf ihn zu, um ihn davon abzuhalten. Aber er richtete das Messer auf mich und sah mich mit so einem Irrsinn in den Augen an, dass ich nicht näher kam. Als er weitermachte, sah ich, dass Blackie bereits tot war. Dann ging ich weg.“
Psychologisch verfeinerter Suspense liest sich definitiv anders. Pfarrer Ewald Gantner, der seltsam unberührte Hundeliebhaber, der nur im stillen Hotelzimmer eine Kleenex-Schachtel vollweint, weiß auch sonst so einiges zu berichten: Das eingemauerte Gebiss gehört „dem ehrwürdigen Herrn Kaplan, Doktor der Theologie, Philosophie und der klassischen Sprachen des Altertums, Martin Joachim Geyer“. Und der hat als Pädagoge an der Stella Matutina einst das Brüderpaar Eduard und Waldemar Fichtelbacher sexuell missbraucht. Nach einem besonders demütigenden Auftritt hat Eduard Fichtelbacher ihn vor 30 Jahren erstochen und dann in den Erker des gelben Hauses eingemauert. Verständnis dafür hat Frau Michaeler, eine Kindheitsfreundin der Fichtelbacher-Brüder: „Diese Jesuiten halten doch alle zusammen. Mir waren sie noch nie geheuer: Geheimgesellschaft, Freunderlwirtschaft. Das waren doch ursprünglich die Spione des Papstes. Ach!“
Und wie hört sich der innere Monolog eines missbrauchten Kindes an? Wenn Eduard Fichtelbacher von seinem Trauma geschüttelt wird, verwendet er Floskeln, vor denen hoffentlich noch der ausgebrannteste Sozialarbeiter zurückscheut: „Diese grauenhafte Angst vor den Schmerzen, vor dem Tod. Aber das Schlimmste war die Angst, dass seine dunkelsten Vermutungen wahr sein könnten. War er wirklich wertlos, ein Nichts? (…) Zugrunde gehen. Das war von Anfang an seine Bestimmung gewesen. Er hatte sich ein Leben lang dagegen gewehrt, dagegen angekämpft.“

„Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
In spanische Stiefeln eingeschnürt“


Wie mag angesichts dieser leeren Phrasen wohl Martha mit ihrer Midlife-Crisis umgehen? Erstens hat sie Brüssel satt: „Das wurde schließlich von einer Immigrantin erwartet: Anpassung, Dankbarkeit, Lernbereitschaft.“ Zweitens beschließt sie, wütend zu werden: „Diejenigen, die lautstark verkündeten, dass sie sich, sollten sie jemals auswandern, selbstverständlich an die Gepflogenheiten eines anderen Landes anpassen würden, waren dann ausnahmslos die verbohrtesten, konservativsten und unflexibelsten Menschen, denen jede noch so kleine Veränderung in ihrem Leben unheimlich zu schaffen machte.“ Drittens folgt eine feministische Befreiungsaktion wie aus dem Esoterikratgeber. Und weil schon Rosamunde Pilcher die Rezeptur anrichtete, kommt zum neuen Mann auch noch ein neuer Job: Martha Keller übernimmt die Fichtelbacher’sche Buchhandlung.

„Dr. Faust“ aber bleibt, was Lacan einst einen leeren Signifikanten nannte – viel Brimborium und nichts dahinter. So wundert einen nicht einmal mehr, dass Martha Keller findet, was jede andere in Vorarlberg vergeblich suchen mag: eine „Alm“ im Bregenzerwald.

 

Marlene Kilga, Dr. Faust in der Marktgasse, Hardcover, 212 Seiten, Euro 16,50, ISBN 978-3-99018-209-3, Bucher Verlag, Hohenems 2013

 

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