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11.09.2022 |  Ingrid Bertel

Als ich die Augen schloss, wachte ich auf

Maximilian Lang ist bisher vor allem als Dramatiker in Erscheinung getreten, zuletzt 2021 am Landestheater mit „Sprich nur ein Wort“, einem Stück, das sich mit dem Vermächtnis Franz Michael Felders auseinandersetzte. Jetzt legt er einen Band mit Gedichten vor.

Man betritt die lyrische Welt Maximilian Langs wie einen Salon, dessen Flügeltüren sich in einen weiteren Salon öffnen, und dann in noch einen, in eine unabsehbare Folge geistiger Räume, in die der Autor mit eleganter Geste und leiser Melancholie einlädt.

Das Dorf lag ruhig. Wenige Leute gingen spazieren.
Ich wollte noch einen Freund besuchen.
Ich sah ihn von weitem in seinem Garten stehen.

Als ich näher kam, ging er hinein
Und öffnete ein Fenster.
Er winkte mir

und wie ich ankam, stand die Tür schon offen
und er führte mich in die Küche
und wir redeten.

Es sind sachte Begegnungen, von denen Maximilian Lang erzählt, Gespräche in sonnenverbrannten Gärten, aus deren Duft Erinnerungen aufsteigen – in einer hellen, sinnlichen Präsenz, die sich langer Suche verdankt, weil sie das Gedächtnis befragt hat in einer Art, wie sie Patrick Modiano zu eigen ist und vielleicht noch ein paar wenigen Autor:innen unserer Zeit.

Wenn ich dir einmal
Ein Wort sagen könnte,
dem du folgen kannst
wie einer Spur,
die dich zum Teich führt,
zu einer Lichtung
oder zum Garten der Kindheit.

Dass sich die fundamentale Fremdheit zwischen Menschen für Momente aufheben lässt, davon sprechen diese Gedichte. Aber auch davon, dass diese Fremdheit existenziell ist und im Reservoir der Bilder liegt, die sich in jedem Einzelnen ansammeln und die er alleine mit sich trägt. Lang nimmt sie wahr in den „zarten Strichen früherer Kämpfe“ („Ritzen“), im „vertrauten Geruch der alten Stufen“ („Traum“), vor allem aber in den Blicken, die er beschreibt wie kein anderer. Und paradoxerweise können diese Blicke auch tröstlich sein.

Dieser Blick eines Alten,
der mich sofort befreit:
Ich weiß jetzt, dass es möglich ist,
lange zu leben, ohne sich selbst zu verlieren.

Die Ruhe in den Gedichten ist einzigartig. Wer aus dem Alltag heraus sich in dieses Buch hineinbegibt, atmet beglückt seine kühle Eleganz und findet Szenen von merkwürdig irritierender Schönheit. Als spazierte man durch einen heimischen Bergwald, in dem ein Orangenbäumchen wächst.
In sieben Kapitel gliedert Maximilian Lang sein Buch und widmet eines davon dem Maler Tone Fink, mit dem er zuletzt den Band „Arche.Tone“ herausgegeben hat, eine Bildserie mit seltenen, oft vom Aussterben bedrohten Tieren, wobei Lang zu einzelnen Bildern kurze Erzählungen schrieb. Wie unterschiedlich Fink und Lang die Welt betrachten, das sorgte für einen faszinierenden Kontrast – der sich auch im Lyrikband wiederfindet.
„Ich glaube nicht an ein Leben danach“, zitiert Lang den Maler, „da ist bestimmt nichts, alle Wissenschaftler sind sich da einig. Ich glaube nur an die kurze Zeit hier auf Erden.“ Und auf der gleichen Seite platziert Lang ein Gedicht, das vom puren Gegenteil berichtet, nämlich vom Weiterleben des Menschen im Gedächtnis seiner Nächsten:

Im Traum
habe ich mit meinen Ahnen gesprochen,
als wäre das Gestern
nur eine Ebene in einem Gebäude,
in dem man beliebig das Stockwerk wechselt.

Einen „Tagträumer“ nennt Monika Helfer in ihrem Nachwort Maximilian Lang, einen „Stillsteher“ und „Aufschreiber“, der nur in die Vergangenheit blicke. Ich möchte widersprechen, denn nichts in Maximilian Langs klarer, unprätentiöser Sprache deutet auf Stillstand hin. Ganz im Gegenteil: Da ist einer, der den reichen Fundus seiner Bildwelt in die Gegenwart holt, das eigene Empfinden und Denken höchst intensiv befragt und in ebenso nüchternen wie zarten Sätzen notiert. Nichts daran ist verträumt, alles sehr wach – und bisweilen ziemlich witzig.

Sie kam zu mir, um mich zu trösten,
und sie war beleidigt, weil ich nicht traurig war.

Dass Maximilian Lang die Grenze zur Karikatur überschreitet, kommt selten vor, schärft aber den Blick für ein literarisches Verfahren, das er zur Meisterschaft entwickelt hat: ein Bild in seinen Umrissen zu zeichnen und seine sinnliche Fülle dann im Kopf der Leser:innen entstehen zu lassen. Vielleicht so, wie es sich im titelgebenden Gedicht liest: „als ich die Augen schloss, wachte ich auf“. Schöner kann man zu Lyrik nicht verführt werden.

Maximilian Lang: Als ich die Augen schloss, wachte ich auf. Bibliothek der Provinz, Weitra 2022, Hardcover, 88 Seiten, ISBN: 978-3-99126-099-8, Euro 13

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