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18.05.2020 |  Annette Raschner

Bäume wie Rasierpinsel - neuer Roman von Christian Mähr

Als Autor hat man zwei Möglichkeiten, um eine spannende Geschichte zu erzählen, sagt der aus Feldkirch gebürtige Christian Mähr: Man schreibt über verrückte Menschen, die normale Dinge tun oder über normale Menschen, die verrückte Dinge tun. Alles andere sei entweder langweilig oder haarsträubend. Christian Mähr bevorzugt generell letztere der beiden genannten Möglichkeiten, und so konsequent, wie er dies in seinem neuen Roman „Carbon“ betreibt, ist er selten vorgegangen. „Carbon“ ist soeben im Wiener Verlag braumüller erschienen und behandelt ein Thema, das gerade jetzt in Zeiten der Corona-Krise von besonderem Interesse sein könnte.

Von einem Tag auf den anderen sind die heimischen Gärten voll von ihnen: von Schachtelhalmen und Riesenfarnen, die in unglaublicher Geschwindigkeit zu Baumgröße und darüber hinaus wachsen und nicht nur die bisherige Pflanzenwelt verdrängen.
Auch im Garten von Peter Hartmann, der, weil ihn seine Frau betrügt, einen Privatdetektiv anheuert, befindet sich plötzlich eine derartige Pflanze, die ganz seltsam riecht. „Ein brusthohes, tropisches Gewächs, das man in so einem Garten nicht erwartet hätte. Und schon gar nicht in so einem Klima.“ Seit die Pflanze da sei, sei seine Frau immer länger weggeblieben, erzählt der gehörnte Mann Privatdetektiv Oskar Klein. Und dann geht alles sehr schnell, als er mit der Kettensäge der Tropenpflanze den Garaus machen möchte. „Peter Hartmann hatte sich mit der Motorsäge höchstselbst den eigenen Hals halb durchgeschnitten.“ Somit ist er nicht halb, sondern ganz tot. Detektiv Klein verständigt seinen alten Schulfreund Floriani, der beim örtlichen Sender arbeitet und dann die Polizei …
Christian Mähr kommt flott zur Sache und bietet dabei den für ihn so typischen, staubtrockenen Humor auf. „Nach dem Notarzt erschien die Polizei in Gestalt der Beamten Mitterer und Amann und machte einen ganzen Haufen weiterer Feststellungen: dass es sich beim Toten um einen gewissen Peter Hartmann handelte, und dass es sich bei Moser, Strasser, Floriani und Oskar Klein um Moser, Strasser, Floriani und Oskar Klein handelte.“
Mähr lässt die Handlung in Vorarlberg und in einem Metier spielen, in dem er selbst als ständiger freier Mitarbeiter in den Bereichen Umwelt und Wissenschaft fast zwei Jahrzehnte lang tätig war – beim öffentlich-rechtlichen Sender –, und er bevölkert den Roman mit einem Personal, das dem einen oder anderen vertraut vorkommen könnte. Zugleich berichtet er aber über unglaubliche, ins Metaphysische reichende Vorgänge. Denn eines liegt auf der Hand: „Pflanzen solcher Art gab es nicht in der realen Welt – um das zu sehen, brauchte man kein Botaniker zu sein.“

Satire, Science Fiction und Fantasy

Christian Mähr bietet mit „Carbon“ eine mythische Satire, gespickt mit Elementen aus Science Fiction und Fantasy. So wie er Pflanzen pfeilschnell in die Höhe wachsen lässt, so treibt auch seine Fantasie wilde Blüten.
Ein mysteriöses Romanwerk mit dem Arbeitstitel „weiße Berge“, das von der Erschaffung der Alpen handelt und dessen Personenverzeichnis allein vierzehn Manuskriptseiten umfasst, taucht auf, wird gestohlen und katapultiert den Buchhändler und Verleger Dr. Werner Scholz in ein Gisingen der noch ganz anderen Art. Hier gibt es nicht nur Bäume, die seit hunderten Millionen Jahren ausgestorben sind und wie Rasierpinsel aussehen, sondern auch zwei Meter lange Tausendfüßler, riesige Schaben, Insekten und – ja, auch das!: Zwerginnen wie Regina Sommerring, die sich auf die Fersen von Dr. Scholz geheftet hat, um an das Manuskript zu kommen. Denn Autor Anton Pettenkoffer hat in den Fußnoten seines Opus magnum die Existenz des Zwergenreiches mit genauen Ortsangaben der so genannten Zonen verraten. Er ist ein Verräter und Abtrünniger. Aber das Geheimnis muss unbedingt gewahrt bleiben, sonst wäre alles verloren. „Da ginge dann ein Messen und Rechnen, ein Publizieren und Dissertationen-schreiben an – was uns am meisten wert ist, wäre in Gefahr.“
Die Menschen sind alles andere als die Krone der Schöpfung. Nahezu alles, sogar die Handwerkskünste, haben sie den Zwergen zu verdanken. „Vom Ackerbau angefangen verdankt die Menschheit alles den Zwergen – bis zum Ende des Mittelalters. Dort endet unser Einfluss.“
Dementsprechend enden wollend ist das Interesse der Zwerge an einem Kontakt mit den Menschen. Sie wollen eigentlich nichts anderes, als weiterhin in Ruhe durch ihre Zonen zu streifen, die kreisförmig über die ganze Welt verstreut sind. Doch die neuen Anomaliezonen haben die bisherige Ordnung auf den Kopf gestellt und Tote und Lebende, sowie Zwerg*innen und Menschen miteinander in Kontakt gebracht. Auch auf die Psyche der Menschen üben die Carbonpflanzen einen verheerenden Einfluss aus: „Die Leute beschränkten sich nicht auf massiven Alkoholmissbrauch. Manche wurden aggressiv und liefen Amok. In der Erikastraße gab es ein halbstündiges Feuergefecht mit einem Oberregierungsrat, der vom ersten Stock seines Einfamilienhauses die Straße beschoss.“
Erst mit dem Auftauchen eines Gottes nimmt die Tragödie ihre Wendung. Dieser Gott trägt einen grauen Umhang, einen schwarzen Schlapphut und einen langen Hirtenstab. „Er sah aus wie die Sparversion eines Bischofs.“ Sein Sprechen ist wie das Wispern des Windes und wird nur von den Toten und den Zwergen verstanden.
Christian Mähr läuft in „Carbon“ immer dann zur Hochform auf, wenn er die Satire ins Spiel bringt. Er ist zwar kein Poet und kein Psychologe (das möchte er auch gar nicht sein!), aber ein Meister der originellen Gedankenexperimente und der intelligenten Unterhaltung, sofern er dabei nicht über das Ziel hinausschießt. Das tut er etwa, wenn er Pettenkoffer seitenlang über die Wärmelehre, die Gauß‘sche Zahlenebene oder über ontologische Zustandsräume dozieren lässt.
„Carbon“ ist witzig, spannend und eine krude Mischung – und: Es ist DAS Buch zur Zeit, indem es unkonventionelle Antworten auf ebenso komplexe wie hochaktuelle Fragen liefert.

Annette Raschner ist Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Christian Mähr: Carbon. Braumüller, Wien 2020, Hardcover, 304 Seiten, ISBN 978-3-99200-271-9, € 24

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