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09.02.2021 |  Ingrid Bertel

Basilisk und Klushund: Wie österreichische Autor*innen die österreichischen Sagen im Pandemie-Jahr erzählen

Das Buch ist zwar neu, es sieht aber aus, als wäre es mindestens 100 Jahre alt: blutrot das Cover, darauf in Prägedruck eine seltsam runenhafte Schrift und dazu ein Fabelwesen mit Beinen wie ein Blitz und dem Kopf eines Hahns. Das ist der Basilisk, und er bevölkert – genauso wie der Klushund – gleich mehrfach diese lustvoll aktualisierten Sagen.

„Warum wunderte es mich eigentlich, dass irgendwann auch andere Wind von der Geschichte bekamen? Dass Eva Hassnachrichten auf Facebook und Instagram erhielt?“ So keck geht Zahrah Weiss an die Wiener Sage „Wo die Jungfrau zum Fenster hinaussieht“. Die Große Pest gleicht bei ihr zum Verwechseln jener Mühsal, die wir gerade mit dem Corona-Virus erleben. Ein Liebespaar verstößt gegen den Lockdown: Eva darf Peter eigentlich nicht sehen, denn der ist Pfleger im Krankenhaus. Und Eva schaut immer und jeden Moment des Tages aus dem Fenster, um ihn zu sehen. Was sieht sie? „Die einzigen Fahrzeuge, die vorbeifuhren, waren weiß, Krankenwagen, schwarz, Bestattungsunternehmen, oder blau, Polizei.“

Bloß, dass man es sagt

2020 haben Gerüchte und Geschichten bis hin zu Verschwörungstheorien eine giftige Blüte erlebt. Solche Gerüchte aber hat es bei großen Katastrophen immer gegeben. Viele davon sind in unserem kulturellen Gedächtnis als Sagen gespeichert, betonen Thomas Ballhausen und Sophie Reyer, die Herausgeber des Bandes „Sagen Reloaded“. 37 Autorinnen und Autoren haben sie gebeten, eine der bekannten Sagen zu aktualisieren. Und das liest sich nicht nur vergnüglich, es macht auch Sinn. Schließlich definierte schon Johann Christoph Adelung in seinem Wörterbuch von 1798 die Sage als eine mündliche Mitteilung „ohne Bestimmung ihrer Glaubwürdigkeit, bloß dass man sie sagt“.
Und sagen lässt sich Sagenhaftes in jeder Form: als Filmdrehbuch oder Essay, als Theaterszene oder interaktives Spiel.

Mund-Nasenschutz als Pflicht

Elisa Asenbaum stürzt sich in den „Rachen der Hexe“. Dabei geht es um eine Schürze, mit der sich allerlei anstellen lässt. Erst wird sie der Braut in einer armen islamischen Familie über den Kopf gebunden, als diese junge Frau dann nach Österreich kommt, bindet sie sich die Schürze um die Taille. „Doch da tat sie wieder falsch, denn ihr nächstes Jetzt war der 11. März 2020. Und ehe sie sich versah, lag sie in der Intensivstation und alle um sie hatten Mund- und Nasenschutz als Pflicht.“
Anders als im Märchen gibt es in der Sage kein „es war einmal“, sondern einen konkreten Zeitpunkt, betont die Kulturwissenschaftlerin Christa Agnes Tuczay in ihrem Nachwort. Dieser konkrete Zeitpunkt kann auch in der Gegenwart liegen: „Das unerlöste Gespenst wartet noch immer und versucht daher auch immer noch, Erlöser zu gewinnen, die ihm die richtige Frage stellen, der verborgene Schatz bleibt weiterhin ungehoben, das Gespensterhaus samt darin wohnenden Geistern kann auch heute besichtigt werden, die Gebirgszüge werden eher selten umbenannt.“
Die Straßen vielleicht öfter. Aber die Schönlaterngasse im ersten Wiener Gemeindebezirk, die gibt es nach wie vor, und auch das Haus Nummer 7, das „Basiliskenhaus“.  Auf seiner Fassade findet sich die Darstellung dieses „Tiers“, das jedenfalls für Lukas Cejpek gar kein Fabelwesen ist. „Sein Leib war mit Schuppen bedeckt wie der Leib des Pangolin, das als Überträger des Virus auf den Menschen gilt“, und auf dem Wildtiermarkt von Wuhan gehandelt wird, fügt Cejpek hinzu – um den sagenhaften Charakter eines verbreiteten Gerüchts zu enthüllen.

Fotobombe

Eine historisierende Liebesgeschichte macht Nikolaus Scheibner aus der Sage vom Basilisken, und Xaver Bayer konzentriert sich in seiner Fassung auf die Legende, wonach das Ungeheuer stirbt, wenn es sich selbst ansehen muss. „Ich aktivierte die Spiegelfunktion der Kamera meines Smartphones, klappte das Schachtgitter hoch, kniete mich an den Rand und hielt das Telefon hinein, sodass das Ungetüm beim ersten Blick in die Höhe unweigerlich auf das Display schauen und beim Ansichtigwerden seines Spiegelbildes ob seiner eigenen Abscheulichkeit auf der Stelle verenden würde – so lautete schließlich die über Jahrhunderte überlieferte Anweisung zum Töten eines Basilisken.“ Elegante Pointe: Der Basilisk ist weder so blöd noch so eitel, als dass er auf solche Taschenspielertricks hereinfiele. Er schlägt dem Erzähler ein Selfie vor. Und Sabine Holzer bannt das Fabelwesen in ihrer Sage freundlich an seinen Platz: „Und so ist der Name des Ortes in den freundlichen Schein der schönen Laterne getaucht.“

Leuchtende, tellergroße Augen

„Während im Märchen Mut und Furchtlosigkeit betont und belohnt werden, dominiert in der Sage die Angst“, schreibt Christa Agnes Tuczay. Und Angst verbreitet nicht nur der Basilisk, sondern auch der Klushund mit seinen tellergroßen, leuchtenden Augen. Wer ihm begegnet, den erwartet der Tod oder mindestens eine schwere Krankheit.
„Sandy, völlig in Ekstase, grub ihre Zähne in meinen Nacken“, fabuliert Chris Saupper. In seinem Treatment für ein Splatter-Erotik-Movie nimmt der Klushund weibliche Züge an, bei Udo Kawasser wandert er durch alle Epochen – beginnend, wie im Original, im Dreißigjährigen Krieg, dann Franz Michael Felder in die Bregenzer Ache stürzend und in der Jüdischen Gemeinde Hohenems wütend, bis er 2020 ins Tirol weiterwandert, und zwar in eine Après-Ski-Bar, deren frühere Besucher alle krank geworden sind. Das stört den Betreiber der Bar wenig. „Es ging hoch her unter den Gästen. Aber etwas war mit ihren Augen. Sie glühten.“
Klar, Aktualisierungen reizen zum Witz und zum Kalauer. Marlene Hachmeister transformiert die Sage vom Dämon Wind in einen shitstorm. Sophie Reyer verwandelt das Donauweibchen in die Meerjungfrau Arielle, und Erwin Uhrmann nähert sich ihm streng wissenschaftlich. Die Flussregulierungen der Donau nämlich sind ihm schlecht bekommen. Zum Trost findet sich auf der Rückseite von „Sagen Reloaded“ der Basilisk in ein Donauweibchen verwandelt.

Ingrid Bertel ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Thomas Ballhausen, Sophie Reyer (Hg.): Sagen reloaded. Anthologie, Czernin Verlag, Wien 2020, Hardcover, 272 Seiten, ISBN 978-3-7076-0705-5, € 23

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