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21.12.2019 |  Ingrid Bertel

Aufstieg und Fall eines Hasardeurs

Das fängt ja gut an! Schon auf der ersten Seite liest man: „Der heiße Mokka unter der Schlagobershaube war noch heiß.“ Ist das stilistisches Unvermögen des Autors oder schleißiges Lektorat? Jedenfalls ist es kein gutes Entrée für die Geschichte über einen Literaturverlag. Es sollte nach dem Willen seines Gründers Richard Kola der größte Verlag im deutschsprachigen Raum werden, und zeitweise hatte er die Bestseller-Autoren der Stunde unter Vertrag. Trotzdem nannten böse Zungen den Rikola-Verlag „Ridikola“ (lächerlich) und zeigten kaum Respekt vor Richard Kola, dem Finanzjongleur mit literarischen Ambitionen.

Der Bankier des Kaisers

Der hatte sich durch seine Vorhersage der Börsenkrise von 1895 Ansehen bei Bankern verschafft. 1910 gründete er selbst eines der maßgeblichen Bankhäuser und war nach dem Zusammenbruch der Monarchie „der Bankier sowohl des abgedankten Kaiser Karl als auch der jungen österreichischen Republik unter Karl Renner wie unter Ignaz Seipel.“ Er kaufte eine Druckerei, eine Papiermühle und besaß 1920 jedenfalls so viel Eigenkapital, dass er das Risiko der Verlagsgründung trotz galoppierender Inflation auf sich nehmen konnte. Dichtung, Kunst und Wissenschaft, aber auch dem Vertrieb von Theaterstücken wollte sich der Verlag widmen. Und die Anfänge waren durchaus vielversprechend. Thomas Mann, so wurde kolportiert, veröffentliche sein nächstes Buch ausgerechnet bei „Rikola“: „Es wurde in diesen Tagen gar erzählt, Karl Kraus, der größte Kritiker von Persönlichkeiten der Art eines Camillo Castiglioni oder eines Richard Kola, halte seine Haushälterin jeden Tag dazu an, frühmorgens den Briefkasten zu kontrollieren, ob nicht ein Übernahmeangebot der Karl Kraus AG durch Kola oder Castiglioni im Fach liege…“
Schuchter erzählt die Geschichte des Rikola-Verlags aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Botenjunge Reinhard, von Kola „Pablo“ genannt, weil er aussehe wie der jugendliche Pablo Picasso, spielt da eine Rolle oder die von Kola missbrauchte und politisch himmelweit von ihm entfernte Sekretärin Else Grünschnabl. Kola selbst bleibt uns LeserInnen fern, wird stets von außen gesehen, so wie der allwissende Erzähler stets von außen her seine Urteile abgibt: „Wien war verloren, der Kaiser Geschichte. Überleben würde die Monarchie nur mehr in den Romanen von Joseph Roth.“ Oder: „Dabei hätte man schon 1914 ahnen können, dass dieser Krieg verloren gehen würde."
Solche G‘scheitheiten entfernen uns von den Akteuren, bremsen den Fluss der Erzählung und bringen kaum Vergnügen, wiederholen sie doch nur, was allgemein im 21. Jahrhundert so gesehen wird. Dazu werden noch Kurt Tucholsky, Elias Canetti, Stefan Zweig, Thomas Mann und Karl Kraus herbeizitiert – nicht als Denker oder Beobachter ihrer Zeit, sondern als Pappkameraden für Schuchters Thesen. „Rikolas letzter Auftritt“ ist kein historischer Roman, keiner, der nach einer Gesellschaft fragt, deren Bürgertum – im Urteil Kurt Tucholskys „vollständig verblödet“ ist. Denn sich mit einer Gesellschaft auseinanderzusetzen, in der jeder auf seine eigenen Interessen setzt, das liegt nicht wirklich im Interesse des Autors. Dabei werden Bilanzen vernebelt, öffentliche Mittel verschoben nach dem Motto: Die Bank verliert nicht – ganz wie heute.

Der König der Inflation

Nicht nur Richard Kola ist ein skrupelloser Spekulant, auch seine Zeitgenossen Hugo Stinnes und Camillo Castiglioni. Schuchter stellt sie dem Verleger an die Seite. Alle drei sind sie Emporkömmlinge, getrieben von ungeheurem Ehrgeiz und Aufstiegswillen. Castiglioni engagiert sich bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft, findet in Ferdinand Porsche einen überaus begabten Ingenieur und beliefert die Militärs während des Krieges mit Flugzeugen, LKWs, Autos, Planwägen. „Die Motoren kamen aus seinen hauseigenen Daimler-Werken, wo Ferdinand Porsche im Auftrag und im Lohn von Castiglioni an der Verbesserung der Motoren tüftelte.“ Rechtzeitig vor Kriegsende schafft Castiglioni den Absprung und wechselt ins freie Spekulantentum. „Und mit ihm im Gleichschritt ging Richard Kola, der Bruder im Geiste.“
Auch Hugo Stinnes investiert jetzt am liebsten in schwächelnde Währungen und gründet Banken, denn „Banken gaben Kredite, wenngleich diese dann oft nicht bedient werden konnten. Die Inflation erledigte den Rest. Oft waren wegen der Geldentwertung noch vor Jahresfrist die Kredite nichts mehr wert, die Firma für die Investoren quasi um ein Butterbrot und ein Ei erworben.“
Gemeinsam engagieren sich Castiglioni und Stinnes bei der Ungarisch-Italienischen Bank, der Holzhandels-AG, bei Foresta, S. Rothmüller AG, Eisenhandelsgesellschaft Wm. Szalley & Sohn, den Bayerischen Motorenwerken München, der Hamburger Oertz-Werft oder den Deutschen Hobéwerken. Und dann hat Castiglioni gemeinsam mit Kola die verführerische Idee, mittels Termingeschäften auf den Verfall des französischen Franc zu spekulieren.

Termingeschäfte

„Das heißt, man kaufte im Januar Dollar auf Termin, indem man sich beispielsweise dazu verpflichtete, im März 100.000 Dollar zum Preis von 1.500.000 Francs (Januar-Kurs 1:15) zuzüglich eines Optionsaufschlags zu kaufen. Dazu bedurfte es an den Börsen in der Regel eines Ad-hoc-Einschusses von fünfundzwanzig Prozent des Kaufpreises (in diesem Fall 375.000 Francs). Wer seinen Kontrakt auf Anfang März ausgerichtet hatte, konnte am Stichtag die 100.000 Dollar übernehmen, davon die fällige Franc-Schuld (1.125.000) zum März-Kurs von rund 40.000 Dollar tilgen und die restlichen 60.000 Dollar (1,8 Millionen Francs) als Gewinn verbuchen. Damit hätte sich der Einsatz binnen zweier Monate um das Fünffache vermehrt.“
Auch Spekulanten haben eine zarte Seite, einen Sinn für „Literatur, Malerei und Musik, die nicht bloß ein Mittel zum Zweck waren, um Geld zu verdienen, sondern vielleicht ein Weg zu einem erfüllten, sinnvollen Leben“. Richard Kola jedenfalls schreibt 1906 einen fett idealistischen Roman: „Die Gusti“ erzählt von einer Unschuld vom Lande, die aus lauter Edelmut vor den Fallstricken der Gemeinheit errettet wird. 1923 folgt der Geschichtenband „Puppentragödie“. Die Edelfedern höhnen. „Wenn aber Thomas Mann bei Rikola unterschrieb, dann konnte dieser Emporkömmling, dieser Gottseibeiuns des österreichischen Buchhandels vielleicht tatsächlich seine Vision eines Großverlags nach deutschem Vorbild durchsetzen.“
Und Thomas Mann – nach den „Buddenbrooks“ und dem „Zauberberg“ bereits Großschriftsteller – unterschreibt tatsächlich. Was für eine Ironie, dass er ausgerechnet die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ bei Rikola veröffentlicht.
Ob er zu Richard Kolas großer Redoute erscheint? Die ist als Werbemaßnahme für den Verlag gedacht, ein Seitenblicke-Event, zu dem naturgemäß auch Castiglioni geladen ist. Der Champagner fließt, die Band spielt Swing, und zirkushaft livrierte Mädchen begrüßen die Besucher mit Bauchläden, verteilen Broschüren und Pralinen, ein paar „freche jungen Herren fragen ironisch nach den Kräuterzuckern von Ricola“. Da nimmt Prälat Seipel Kola wegen seines Verlagsprogramms ins Gebet: „… irgendwann ist es auch genug, Kola, mit dem Geldmachen … Verstehen Sie mich nicht falsch … ich bin selber Antisemit, auch wenn mir gleichgültig ist, dass Sie Jude sind, aber das Buch dieses ehemaligen Gefreiten zu verlegen, um damit Kasse zu machen, das wird es unter mir in Österreich nicht geben.“
Eine Gemeinheit, denkt Kola, der Thomas Mann längst vergessen hat: Hitlers zweites Buch – „für einen Verlag das Geschäft des Jahrhunderts.“
Wahrhaftig, Bernd Schuchter hatte das Material für einen packenden Roman in der Hand. Dass er es verschenkt, wie traurig!

Ingrid Bertel ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Bernd Schuchter, Rikolas letzter Auftritt, Braumüller Verlag, Wien 2019, 160 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-99200-248-1, € 20

 

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