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09.12.2019 |  Markus Barnay

„Borgoland“, „Italienerhüsr“ und „Kolonie“ - Neues Buch über die Trentiner Zuwanderung in Hard

Dass die Harder Familien Andreatta, Armellini, Bonetti, Girardelli, Stefani, Tomaselli und Valentini ursprünglich aus dem italienischsprachigen Trentino stammen, ist ziemlich offensichtlich. Dass aber auch Familien mit den Namen Bernhard, Biatel, Brun, David, Gonner, Moschen, Motter, Rohner, Ropele und sogar Schmid Vorfahren haben, die in Borgo, Fiera di Primiero oder Transacqua geboren wurden, weiß ich erst seit der Lektüre von Nicole Ohnebergs und Meinrad Pichlers Buch über die Zuwanderung aus dem Trentino. Um 1910 stammte buchstäblich „halb Hard“, so der Titel des Buches, aus dem Trentino, und dass die Geschichte dieser Hälfte der Bevölkerung (auch wenn es den Forschungen zufolge nicht ganz die Hälfte, sondern eher nur ein Viertel bis ein Drittel war) endlich einmal gründlich aufgearbeitet wurde, ist Joe Armellini zu verdanken. Der Harder Unternehmer war – neben Josef Concin aus Nüziders – einer der ersten Trentiner-Nachkommen in Vorarlberg, die sich, statt sich ihrer Herkunft zu schämen oder sie zu verschweigen, aktiv auf Spurensuche nach ihren Vorfahren begaben. Daraus entstanden Freundschaften, Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden, gegenseitige Besuche, Großveranstaltungen – und Bücher.

„Kostgänger“, „Bettgeherinnen“ und „Schlafgänger“

Ein solches leistete sich Joe Armellini zu seinem achtzigsten Geburtstag, und es ehrt ihn, dass er dafür mit der Gemeindearchivarin Ohneberg und dem Historiker Pichler zwei Fachleute engagiert hat, die sich im Metier bestens auskennen. Sie konnten sich aber auch auf bisher ungehobene Schätze stützen: Die Volkszählungsbögen von Hard aus den Jahren 1900 und 1910 lassen spannende Einblicke in Familienverhältnisse, Herkunft und Beschäftigung zu – aber auch in die Lebensbedingungen der Trentiner Zuwanderer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Da werden die Bewohner etlicher Häuser als „Kostgänger“, „Bettgeherin“ oder „Schlafgänger“ ausgewiesen, was im Zweifelsfall durchaus heißen kann, dass sie sich das Bett mit anderen ArbeiterInnen teilen mussten, die in der Gegenschicht arbeiteten. Wo die Zuwanderer arbeiteten, ist ebenfalls eindeutig: Ein Großteil war – den Volkszählungsdaten zufolge – als Fabriksarbeiter bei der Kammgarnspinnerei oder der Textilfirma Jenny beschäftigt, einige auch bei der Rheinbauleitung, die – bis 1900 – mit dem Rheindurchstich und danach mit der Dammverlängerung in Richtung Bodensee befasst war.
Ohneberg und Pichler beschreiben aber auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Zuwanderung nach Hard: Hier die expandierende Textilindustrie, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem von der Grenzlage zur Schweiz und zu Deutschland und von der Verbesserung der Verkehrsverbindungen – etwa durch die Arlbergbahn – profitiert, dort eine Region, die durch den Niedergang der Seidenraupenzucht, einer der Haupt-Einnahmequellen, und durch die Zollpolitik der österreichisch-ungarischen Monarchie zu einer wirtschaftlichen Krisenregion wurde. Da lag es nahe, dass die Fabrikanten aus Hard, die selbst vorwiegend aus der Schweiz stammten, im – zu Österreich-Ungarn gehörenden – Trentino nach billigen Arbeitskräften suchten. Neben der Textilindustrie waren es aber auch Großbaustellen wie der Rheindurchstich, für die Arbeiter aus dem Trentino angeworben wurden, weil die einheimischen Arbeiter als zu faul und zu unzuverlässig galten, wie die damaligen Rheinbauleiter festhielten.

Vorurteile gegen „Tschinggen“

Besonders viel Raum widmen die Autoren von „Halb Hard“ den Arbeits- und Lebensbedingungen der Zuwanderer, aber auch den Vorurteilen und Anfeindungen, denen sie ausgesetzt waren: Selbst als sich die ersten TrentinerInnen in Harder Vereinen engagierten (zunächst vor allem in Musik- und Sportvereinen) oder sich auch als Händler und Handwerker in die Dorfgemeinschaft integrierten, blieben sie für viele Einheimische noch die „Tschinggen“ (ein Ausdruck, der einem bei Italienern beliebten Spiel entsprang, bei dem immer wieder „cinque“ – fünf – gerufen wurde). Sichtbar wurden die neuen Mitbürger (die natürlich noch lange kein wirkliches Bürgerrecht bekamen) vor allem durch die Arbeitersiedlungen, die im Auftrag von Jenny und Kammgarnfabrik im Lauf der Jahre gebaut wurden: Die ersten Arbeiterhäuser entstanden direkt am See (damals neben dem Armenhaus, heute neben dem Sozialzentrum). Man nannte sie „Klein-Borgo“ oder „Borgoland“, nach dem Herkunftsort vieler Bewohner. Es folgten die Wohnhäuser für die Fabriksarbeiter der Jenny-Fabrik an der Landstraße – die „Italienerhüsr“ – und die „Kolonie“, die Siedlung für die Beschäftigten der Kammgarnspinnerei.

11 Stunden Arbeit an 7 Tagen

Die Wohnverhältnisse in den neuen Siedlungen waren allerdings alles andere als vorbildlich (im Gegensatz etwa zu den Südtirolersiedlungen, die Jahrzehnte später für die deutschsprachigen Zuwanderer aus dem Süden gebaut wurden), vor allem, weil meist viel zu viele Menschen auf viel zu wenig Raum untergebracht wurden. Die Firma Jenny stritt sogar mit den Behörden darüber, ob die angezeigten Mängel (Überbelegung, Feuchtigkeit, Geruchsbelästigung, Wasserversorgung) wirklich so schlimm seien – die Familien hätten sich halt vergrößert, und man könne doch Kinder nicht von ihren Eltern trennen. Die fabrikseigenen Wohnungen erhöhten natürlich auch die Abhängigkeit der Arbeiter von den Fabrikanten.  Nicht weniger prekär waren die Arbeitsbedingungen: Elfstündige Arbeitstage an sieben Tagen in der Woche waren der Normalfall, die Löhne trotzdem oft nur knapp über dem Existenzminimum. Es gab allerdings deutliche Unterschiede zwischen der Kammgarnspinnerei, die etwas höhere Löhne zahlte, und den anderen Textilfirmen im Dorf.
Der Bonusteil des Buches findet sich in der zweiten Hälfte: Hier wurden die Familiengeschichten von knapp 20 Harder Familien mit Trentiner Wurzeln zusammengetragen – ergänzt durch einzelne Selbstzeugnisse von Auswanderern. Da bekommen die Armellinis, Biatels, Bonettis und Co., deren Vorfahren einst als namenlose Arbeitskräfte nach Hard kamen, nicht nur Namen und Gesicht, sondern vor allem auch eine eigenständige, mitunter spannende Geschichte.

Markus Barnay ist Redakteur des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Nicole Ohneberg/Meinrad Pichler, Halb Hard. Die Zuwanderung aus dem Trentino, hg. von Joe Armellini, Selbstverlag, Hard 2019, 270 Seiten, € 22, erhältlich im Rathaus Hard

Jakob Biatel kam im Trentino zur Welt, zog 1889 mit seiner Familie nach Hard und arbeitete in den 1920er Jahren in der „Bodenseewerft Hard“, ehe er sich selbständig machte und eine eigene Bootsbau-Firma gründete, die es bis heute gibt.

Jakob Biatel kam im Trentino zur Welt, zog 1889 mit seiner Familie nach Hard und arbeitete in den 1920er Jahren in der „Bodenseewerft Hard“, ehe er sich selbständig machte und eine eigene Bootsbau-Firma gründete, die es bis heute gibt.

Die Wohnhäuser für die FabriksarbeiterInnen der Textilfirma Jenny an der Landstraße nannte man „Italienerhüsr“ (1911).

Die Wohnhäuser für die FabriksarbeiterInnen der Textilfirma Jenny an der Landstraße nannte man „Italienerhüsr“ (1911).

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  • Jakob Biatel kam im Trentino zur Welt, zog 1889 mit seiner Familie nach Hard und arbeitete in den 1920er Jahren in der „Bodenseewerft Hard“, ehe er sich selbständig machte und eine eigene Bootsbau-Firma gründete, die es bis heute gibt. Jakob Biatel kam im Trentino zur Welt, zog 1889 mit seiner Familie nach Hard und arbeitete in den 1920er Jahren in der „Bodenseewerft Hard“, ehe er sich selbständig machte und eine eigene Bootsbau-Firma gründete, die es bis heute gibt.
  • Die Wohnhäuser für die FabriksarbeiterInnen der Textilfirma Jenny an der Landstraße nannte man „Italienerhüsr“ (1911). Die Wohnhäuser für die FabriksarbeiterInnen der Textilfirma Jenny an der Landstraße nannte man „Italienerhüsr“ (1911).