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22.08.2021 |  Anita Grüneis

Das Literaturhaus Liechtenstein ist 20 Jahre alt: Literatur ist die Wissenschaft vom Ich

Das Literaturhaus Liechtenstein feierte seinen 20 Geburtstag. Jahrelang ein Vagabund, der von Ort zu Ort zog, ist es nun seit 2019 in Schaan zuhause. Der Mitgründer und Präsident des Literaturhauses Roman Banzer verlas in seiner Ansprache auch die Grußbotschaft von Regierungsrat Manuel Frick, in der es unter anderem hieß: «Von allen Weiten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.» Dieses Zitat von Heinrich Heine widerspiegelt den Stellenwert von Büchern und Worten. Sie haben sich dieser Welt angenommen und entwickeln sie weiter. Dafür haben sie einen besonderen Ort in Liechtenstein geschaffen, das Literaturhaus.
Literaturhaus sei ein schönes Wort, meinte im Folgenden Festredner Paul Jandl, da das Zuhause ein Ort sei, zu dem man immer wieder heimkehren, den man aber auch jederzeit verlassen könne. Der renommierte NZZ- und WELT-Literaturkritiker Paul Jandl, der mit seinem berühmten Namensvetter Ernst Jandl nicht verwandt ist, hatte seine Rede ganz in den Dienst des Schreibens und Lesens gestellt. So meinte er gleich zu Beginn: «Literatur, das wird niemand bestreiten, ist die Wissenschaft vom Ich. Die Literatur zeigt das Ich in seinen Charaktermasken und demaskiert es. Zu den parasitären Wissenschaften dieser Kunst gehören die Germanistik und die Literaturkritik. Sie müssen damit zurechtkommen, dass sie von etwas profitieren, das viel größer ist als sie selbst. (...) Aus ganzem Herzen ist man einer Sache nahe, ohne sich ihren Risiken auszusetzen. Es ist Liebe ohne Mitleid.» 
 
Fake und News
Paul Jandl beschrieb seine Kindheit mit viel Musik aber ohne Bücher. Trotzdem studierte er Germanistik und Philosophie und wurde ein gefragter Autor. In seiner Festrede analysierte er das Verhalten von Medien und ihrer Leserschaft. «Man kann versuchen, die verschwörungstheoretische Idee, dass wir von 'Fake News' umgeben sind, wieder zurück auf die Füße zu stellen, und man wird sehen, dass das kaum geht. Die Angriffe auf die Medien führen dazu, dass 'Fake' und 'News' nahezu Synonym gebraucht werden. Klassische Öffentlichkeitsorgane wie der Rundfunk und die Zeitungen werden als Ausbund einer ideologisch geprägten, wenn nicht gar gesteuerten Bewusstseinsindustrie dargestellt. Wo niemandem mehr zu glauben ist, ist auch alles wahr.»
Gegen Schluss seines Referats meinte er: «Die Liebe zu Büchern schweißt Leser zusammen. Aber auch der Hass. Selbst früher namhafte Jurys wie die des Bachmann-Wettbewerbs sind zum Singkreis einer neuen Ergriffenheit geworden. Dabei ist es egal, ob der Juror gerade beglückt oder angewidert ist.» Jandl war übrigens von 2009 bis 2013 selbst Jurymitglied beim Bachmann-Wettbewerb.
Ein aktives Zuhause
Zurück zum Literaturhaus, das mit dem neuen Zuhause sehr aktiv wurde. Anna Ospelt stellte das Junge Literaturhaus «JuLi» vor, in dem wöchentliche Schreib-Mittwoch-Nachmittage für Kinder und Jugendliche angeboten werden. Doris Büchel warb für ihre «shared reading lessons» - das geteilte Lesen, bei dem die Teilnehmenden ins Gespräch kommen über das, «was Worte mit uns machen». Die Lektionen seien sehr einfach und sehr kraftvoll, meinte Doris Büchel, man könne dabei Literatur «einfach nur vom Herz her verstehen». Hansjörg Quaderer präsentierte den neuen «Transporter», ein großformatiges Programmheft mit vier Seiten, das zweimal pro Jahr erscheinen soll. Ganz klein präsentierte sich hingegen der Leporello mit der 20-jährigen Vergangenheit des Literaturhauses, den Sabine Bockmühl und Josef Hürlimann vorstellten. Darin ist jedes Jahr mit den Aktionen des Literaturhauses vertreten, die gleichzeitig in das Weltgeschehen eingebettet wurde. So heißt es u.a. bei 2004: «Poetry Slam mit Etta Streicher & Toby Hoffmann» und zugleich «Munchs 'Der Schrei» aus Museum gestohlen'». Oder 2014: «Buchpräsentation 'Forever young' von Norbert Hass» und «Russland annektiert Krim».
Mit einem gemeinsamen Festessen endete die Geburtstagsparty des Literaturhauses. Paul Jandl schrieb in seinem Buch «Gedankenspiele über das Glück»: «Glück ist ein länger anhaltender Zustand, als nur mal eben happy zu sein. Es wandelt sich, ist wie eine Frequenz, die im Leben mitschwingt. Und es liegt vor uns.» Tröstliche Aussichten in einer nicht einfachen Zeit für die Kultur.
 

www.literaturhaus.li 

Festredner Paul Jandl und der Präsident des Literaturhauses Roman Banzer

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Paul Jandl analysierte in seiner Festrede auch die Rolle des Literaturkritikers

Paul Jandl analysierte in seiner Festrede auch die Rolle des Literaturkritikers

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  • Festredner Paul Jandl und der Präsident des Literaturhauses Roman Banzer Festredner Paul Jandl und der Präsident des Literaturhauses Roman Banzer
  • Paul Jandl analysierte in seiner Festrede auch die Rolle des Literaturkritikers Paul Jandl analysierte in seiner Festrede auch die Rolle des Literaturkritikers