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15.03.2021 |  Ingrid Bertel

Death of the cool - Dunkle, melancholische Klänge wehen durch die Erzählungen in Eva Schmidts neuem Buch „Die Welt gegenüber“

Sie wohnen vorübergehend in Brighton, Skagen oder Riparbella, manchmal auch in Bregenz. Ihre Zimmer sind voller Gegenstände. Nichts Besonderes, aber die Kaffeemaschinen, Bademäntel, Jalousien, Zigarettenschachteln und Bierflaschen markieren das Alleinsein und die Distanz zu anderen Menschen. Nähe erleben die meisten dieser Figuren nur zu ihrem Hund. Ansonsten nehmen sie sich zurück, beobachten freundlich und distanziert die Welt, und nichts vermag ihre sprachlose Traurigkeit zu durchbrechen.

„Hinter halb geschlossenen Jalousien beobachtete ich die neuen Nachbarn von meinem Badezimmer aus. Ich musste mich dabei auf einen Hocker stellen, weil das Fenster so weit oben war, dass ich vom Boden aus nur ein paar Baumspitzen und den Himmel sah.“ Es ist keine boshafte Pensionistin, die sich hier für den Einzug neuer Nachbarn interessiert; es ist eine freundliche Krankenschwester, die höflich ihre Hilfe anbietet, immer wieder, die sich fragt, wie die einzelnen Familienmitglieder zueinander stehen, ob es sich bei der stets mürrischen jungen Frau um die Mutter der beiden Kinder handelt. Nein, es ist Jessica, die Schwester – und als die einen Unfalltod stirbt, ist die Nachbarin so verstört, dass sie zur nächsten Familie, die nebenan einzieht, keinen Kontakt mehr knüpft. In den Herzkammern von Eva Schmidts behutsam gezeichneten Figuren hallt ein Schrecken, der sie stumm werden lässt, kühl und introvertiert.

Bird

„Einmal hatte er zu ihr gesagt, sie solle ihn Bird nennen. Nie würde er vergessen, wie sie gelacht hatte.“ Unbedacht und ohne böse Absicht verletzen die Menschen einander. Aber der Immobilienmakler, der da halbwegs betrunken in seinem Auto Charlie Parker hört, kann es nicht verwinden, dass er in einem Moment größten Vertrauens ausgelacht wurde. „Lover man“ wird er keiner mehr sein. „Er dachte an die Donald-Trump-Maske, die er gekauft hatte, um ihren Liebhaber zu überfallen.“
Vor dem Panoramafenster eines einsam gelegenen Hauses, 50 Kilometer entfernt von der Kleinstadt Fertile (und die hat auch nicht mehr als 800 Einwohner) steht eine Frau und schaut auf den zugefrorenen See. Drei Menschen bewegen sich dort langsam vorwärts. „Einer war fast in der Mitte des Sees, der zweite weiter hinten, am Schluss wieder ein gutes Stück entfernt, ein Dritter, der etwas hinter sich herzog. Vermutlich einen Schlitten.“ Ob die drei bei ihr klingeln werden? „Was für eine unangenehme Vorstellung.“

Gregory Crewdson

Es ist eine jener aufwändig inszenierten Fotografien von Gregory Crewdson, die Eva Schmidt zur Erzählung „Die Störung“ inspiriert hat. Sie entstand für den Programm-Schwerpunkt „Kunstgeschichten“ beim Radiosender Ö1, wo Autor*innen eine Erzählung zu einem Werk der bildenden Kunst schrieben. Und Crewdson ist auch Inspiration zu weiteren Geschichten in „Die Welt gegenüber“, Geschichten über kleine Städte und Menschen, die Mitleid haben – mit sich selbst und „mit anderen Männern und Frauen, die ihre Jugend, oft aber auch ihr ganzes Leben darauf verwendeten, auf etwas zu hoffen, das die Grenzen ihres Wesens, die Barrieren, die sie selber schufen, überstieg.“
Die Frau, die am Panoramafenster eines Ferienhauses steht und auf den zugefrorenen See schaut, ist für ein paar Tage ausgebüxt aus Beruf und Ehe. „Dein Vater sitzt wie ein Vogel auf meiner Schulter“, hat sie zu ihrer Tochter gesagt. Und nun träumt sie von einem Vogel, der auf einem Ast, nur wenige Zentimeter über ihrem Kopf sitzt. „Sie wollte weggehen, konnte aber nicht. Das hatte sie in Träumen schon oft erlebt, dass sie nicht fliehen konnte. Schließlich hüpfte ihr der Rabe auf die Schulter, krächzte in ihr Ohr, stieß seine Krallen in ihre Haut und pickte sie in den Hals. Seltsam war, dass sie das alles sah, hörte und spürte, aber trotzdem keinen Schmerz empfand.“

Cool Miles

Eigentlich wollte Anna ein paar Tage Urlaub machen. Am liebsten in einem skandinavischen Land. Aber nun hat sie die Garçonnière in ihrem Haus gerade an einen Schauspieler vermietet. Kann sie ihr Haus verlassen, ohne den Mieter wirklich kennengelernt zu haben? „Auf dem Foto in seinem Pass sah er anders aus. Nicht nur jünger. Seine jetzige Erscheinung stimmte mit den Bildern, die sie im Internet von ihm gefunden hatte, nicht überein.“ In einem Krimi wäre eine solche Beobachtung ein Indiz und würde eine Kette von Vermutungen auslösen. Bei Eva Schmidt sagt der Satz nur, was er sagt. Anna sieht Morten Falk an, und damit hat es sich. Einer spontanen Eingebung folgend, verreisen die beiden gemeinsam. Morten Falk besitzt nämlich ein Haus in Skagen, am nördlichen Ende der dänischen Halbinsel Jütland. Sie sitzen zusammen im Auto, essen in Restaurants, sprechen nicht viel, sie geht mit dem Hund spazieren, er bleibt meist im Haus. Eines Abends aber stöbert sie in seinen Sachen. „Es gab eine Tasche, deren Reißverschluss immer zugezogen war. Als sie ihn öffnete und die Medikamente und das Pflaster sah, wusste sie, dass es sich um eine Krankheit handelte, die tödlich war. Aber was hatte er vor? Wollte er in der Heimat seiner Mutter sterben?“
Anna stellt keine Fragen. Morten stirbt. Lautlos möchte man meinen. Er hat niemals geklagt, sich Anna gewiss nicht anvertraut. Er geht so anonym und diskret, wie er gekommen ist. Irgendwie evoziert das den Klang von Miles Davis‘ Trompete – nur klingt sie jetzt nach death of the cool.
Die traurigste Geschichte heißt „Der Mann von der Tankstelle“ und spielt in Bregenz, an der Mili. Dort treffen die 17-jährige Streunerin Sonja und der taube Gärtner Gregor aufeinander. Er bietet ihr ein warmes Essen an, ein Dach über dem Kopf. Und einmal sieht er sie am Molo tanzen „Er sah den Musiker, sah, dass er sang und spielte, ohne es zu hören, sah Sonja in ihrem wilden Tanz und hätte am liebsten gerufen: Hör auf, hör auf!“
Aber Sonja hört nicht auf – es ist eine Szene wie in Kafkas Erzählung „Auf der Galerie“. „Da es aber nicht so ist“, würde Kafka fortfahren. Und auch bei Eva Schmidt folgt die kontrastierende Periode: Wenn Gregor bei der Arbeit ist, quält Sonja seinen Hund. Und obwohl ihr das Herz dabei weh tut, stiehlt sie ihm all sein Erspartes und fährt nach Paris … „der Name allein erschien ihr, während sie ihn aussprach, so vielversprechend, dass sie ihn in Gedanken immer wieder vor sich hinsagte.“

Amy

Wir Leser*innen können uns dabei ausmalen, was Sonja in Paris erlebt. Das ist traurig. Aber wir wissen auch: Sonja ist tapfer. So tapfer wie Sarah, die mit ihrem Baby allein ist, weil weder der Kindesvater noch ihre Eltern noch ihre beste Freundin mehr ein Interesse an ihr haben. „Sie würde sich eine Tätowierung machen lassen, wie Amy Winehouse, vielleicht einen Vogel auf dem Unterarm oder ein Buchstabentattoo entlang der Wirbelsäule. ‚Unbroken‘,  dachte sie, ‚unbroken‘ wäre gut.“

Ingrid Bertel ist Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Eva Schmidt: Die Welt gegenüber. Jung und Jung, Salzburg 2021, 224 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-99027-250-3, € 22

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