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21.10.2019 |  Markus Barnay

Den Opfern einen Namen geben - Neues Buch über die NS-Opfer der Kummenberg-Gemeinden

Der Psychiater und Leiter einer „Heil- und Pflegeanstalt“ war gerade 39, als seine Frau ihr zweites Kind zur Welt brachte. Seiner Diagnose zufolge litt das kleine Mädchen unter einer „vererbten Gehirnkrankheit“, was in seinen Augen gleichbedeutend mit einer „angeborenen Minderwertigkeit“ war. Und „Minderwertigkeit“ hieß für ihn „lebensunwert“. Der Psychiater zog die Konsequenzen: Er ließ seine Tochter durch eine Spritze töten. Schon kurz zuvor hatte er auch seine Schwiegermutter in den Tod geschickt – er wählte sie für einen Transport aus, von dem er wusste, dass die Insassen ermordet werden würden. Die beiden Verwandten waren nicht die einzigen, die der Arzt in den sicheren Tod schickte. Insgesamt sind über 300 Patienten der Anstalt ums Leben gekommen, die meisten von ihnen wurden ermordet.

Der Arzt hieß Josef Vonbun, und die Patienten wurden Opfer der sogenannten „Aktion T4“, der systematischen Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen. Vonbun war ein fanatischer Nationalsozialist, der die NS-Ideologie vom „lebensunwerten Leben“ auch auf die eigene Familie anwandte. Vonbun war der Leiter der Gau-Landes-Heil- und Pflegeanstalt Valduna in Rankweil.  

Viele Täter blieben unbehelligt

Es ist immer wieder erschütternd, wenn man lesen muss, mit welch mörderischer Energie Menschen im Namen der NS-Ideologie andere Menschen zu Tode brachten. Und es macht wohl auch noch ein bisschen mehr betroffen, wenn man weiß, dass viele dieser Verbrecher nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Vonbun beispielsweise wurde 20 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft in Konstanz wegen „Beihilfe zum Mord“ vor Gericht gestellt, dort von zahlreichen Zeugen schwer belastet und doch nie verurteilt. Das Verfahren wurde 1966 eingestellt.
Den Tätern aus Vorarlberg, die dem NS-Regime halfen, massenweise Menschen zu ermorden oder, so wie Josef Vallaster aus Silbertal, selbst Hand anlegten, sind im Buch, das der Historiker und ehemalige Nationalratsabgeordnete Harald Walser als Herausgeber im Oktober präsentiert, aber nur wenige Seiten gewidmet. Im Mittelpunkt stehen – dem Titel des Buches gemäß – die „NS-Opfer der Kummenberg-Gemeinden“, und zwar genau neunzehn, deren Namen das Buchcover schmücken.

Zwei bekannte und viele unbekannte NS-Opfer

Mit Ausnahme von Katharina „Kathi“ Lampert, nach der inzwischen die Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe in Götzis benannt ist und über deren Schicksal der Direktor der Schule, Gerhart Hofer, schreibt, sind die NS-Opfer der Kummenbergregion einer größeren Öffentlichkeit unbekannt. In der Region selbst dürfte Tobias Feurstein, der ehemalige Gastwirt „Zur Hohen Kugel“, über den Wolfgang Berchtold schreibt, durchaus ein Begriff sein: Der überzeugte Kommunist Feurstein hatte in den 1930er Jahren Freiwilligen, die in Spanien auf Seiten der Republikaner gegen die Putschisten des General Franco kämpfen wollten, zum illegalen Grenzübertritt in die Schweiz geholfen. Und auch nach 1938 half er zahlreichen Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, bei der Flucht in die Schweiz und geriet dadurch ins Visier der Gestapo. 1944 wollte er vor der drohenden Verhaftung in die Schweiz fliehen, kam aber dabei auf bis heute ungeklärte Weise ums Leben.
Neben diesen beiden ausführlichen Biografien bekommen aber auch die siebzehn anderen NS-Opfer in diesem Buch einen Namen – und zumindest teilweise auch ein Gesicht. Harald Walser (für Altach und Mäder), Wolfgang Berchtold (für Götzis) und Werner Gächter (für Koblach) haben für jedes der Opfer biografische Angaben recherchiert und, wo sie fündig wurden, eben auch Fotos der Betroffenen dazu gestellt. Es sind fast durchwegs tragische Geschichten, die tatsächlich sprachlos und mitunter auch wütend machen – wütend auf ein Regime, das bestimmte Menschen systematisch aus der Gesellschaft ausschloss und sie letztlich einfach ermordete, wütend aber auch auf jene, die heute noch dieses Regime verharmlosen oder dazu beitragen, ähnliche Denkweisen wieder salonfähig zu machen.

Man konnte sich wehren

Zwei wesentliche Aspekte des vorliegenden Buches sollen aber nicht vergessen werden: Zum einen zeigt es, dass es neben den Tätern und den Opfern auch Menschen gab, die sich dem Regime widersetzten – und die sich beispielsweise weigerten, an den (geheimen) Transporten in die „Euthanasie“-Anstalten mitzuwirken oder sogar offiziell dagegen protestierten. Zu ihnen gehörten der Feldkircher Amtsarzt Ludwig Müller, der Altacher Bürgermeister Oskar Kopf oder der Feldkircher Landrat Hans-Werner Otto. Die Folge: Fast alle Insassen der Armen- und Versorgungshäuser im Kreis Feldkirch blieben unbehelligt und wurden nicht, wie angeordnet, in die Valduna abtransportiert. Im Gegensatz zu den Betroffenen aus den Bezirken Bregenz und Bludenz blieben sie am Leben. Es gab also – zumindest in diesem Fall, wo es um eine mörderische Aktion ging, die nach Möglichkeit geheim gehalten werden sollte – durchaus Handlungsoptionen für die Beteiligten.

Erstaunlich schnelle Reaktion

Zum anderen sollte wohl auch erwähnt werden, wie dieses – von den Kummenberg-Gemeinden unterstützte – Projekt zustande kam: Es war der Zivildiener Alp Sanlialp aus Götzis, der im Sommer 2018 die Bürgermeister der Region darauf aufmerksam machte, dass es am Kummenberg zwar etliche Gefallenen-Denkmäler, aber keine Gedenkorte für die NS-Opfer gebe. Sanlialp hatte für eine Arbeit für die Studienberechtigungsprüfung am Studienzentrum Bregenz nach solchen gesucht. Das Erfreuliche (und Überraschende) war die Reaktion des Altacher Bürgermeisters Gottfried Brändle: Er veranlasste die entsprechenden Recherchen – und kann nach wenig mehr als einem Jahr das vorliegende Buch präsentieren, das auch als Grundlage für die Gedenktafel dient, die es jetzt also doch noch geben wird. 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, aber immerhin.

Markus Barnay ist Redakteur des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Harald Walser (Hg.), Die NS-Opfer der Kummenberg-Gemeinden, edition v, Bregenz 2019, 112 Seiten, ISBN 978-3-903240-13-1

Buchpräsentation und Gedenktafelenthüllung: 25. Oktober 2019, 16 Uhr, Garnmarkt Götzis

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