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09.05.2017 |  Ingrid Bertel

Der Dude packt das! - Monika Helfers neuer Roman „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“

In ihrem neuen Roman „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ variiert Monika Helfer ihre seit Langem durchdachten Themen, schlägt dabei aber einen vollkommen neuen Ton an.

Sonja liegt zugedröhnt auf dem Bett. Ihr Freund dreht sie auf den Rücken. Sie schlägt die Augen auf wie eine Schlafpuppe.
Sonja sitzt mit ihrer Tochter Vev in der U-Bahn. Die Luft zwischen ihnen ist so zum Schneiden dick, dass alle rundum darauf aufmerksam werden. „Wie heißt deine neue liebe, liebe Mama?“, fragt Sonja. „Ich vergesse ihren Namen immer, weil er so blöd ist.“ Das Kind zieht den Kopf ein, versucht der mütterlichen Wut zu entgehen. Vergebens natürlich. „Sag, dass deine Mama, die jetzt nicht mehr deine Mama ist, dass die blöd ist, sag es! Sag es!“
Sonjas Freund schreibt ihrem Ex-Mann einen Brief. „Sonja, Vev und ich möchten dich, Milan, deine neue Frau und ihre beiden Töchter zu einem Abendessen einladen, das sich gewaschen hat. Niemand muss kochen, niemand muss aufräumen, das wird alles erledigt.“ Sogar eine Limousine will er schicken, „damit die Sache auch ein bisschen nach Hollywood aussieht.“

Unfähige Eltern und gefährdete Kinder – darüber hat Monika Helfer immer wieder geschrieben, und wohl keine andere Autorin hat sich mit solcher Intensität das Wohlergehen der Kinder gewünscht, um die Eltern gebangt, sich Möglichkeiten ausgedacht, wie psychische Verletzungen entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch heilen könnten. In „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ hat sie den Glauben an die große, einmalige, alles heilende Liebe nicht mehr. Vielleicht hatte sie die auch vorher nicht. Die ist nämlich sowieso ein Kitschroman, findet Nati.

Que la vie me semble vide …


Nati ist Krankenschwester und hat Sex mit einem Arzt. Dafür hat sie einen recht kuriosen Grund: Milan, ihr geliebter Milan, will nämlich keine Kinder mehr. Sie dagegen möchte ein Kind von Milan. „Sie wollte sich von einem beliebigen, halbwegs hübschen, halbwegs intelligenten, netten, kräftigen Mann ein Kind machen lassen und es Milan unterschieben. Es wäre mehrfacher Betrug, das war ihr klar, aber alles in allem vertretbar.“ So bizarr wie dieses Arrangement ist die kurze Affaire mit dem Arzt: Ob er Nati bei ihrem richtigen Namen, Nathalie, nennen dürfe, fragt er und stimmt mit 100.000 Volt das alte Gilbert Bécaud-Chanson an. Die populäre Folie gibt der Szene eine Art Glanz. Da macht es Nati nichts mehr aus, wenn das Leben kein Kitschroman ist. Wer wird denn der großen romantischen Liebe nachweinen? „Jede und jeder“, sagt die Autorin, „aber erst der Witz macht aus dem Kitsch etwas Schönes.“

Glamour bringt auch der Dude ins Leben – und nicht nur in Sonjas. Der Mann, den es bisweilen aus der Kurve trägt und der die Patchwork-Familien aussehen lassen will wie Hollywood-Personal, hat sich den Namen einer Kultfigur geborgt: Der Dude ist jener unsagbar faule Sack aus der Komödie „The Big Lebowski“ von den Coen-Brüdern. Bei denen habe sie viel gelernt, schwärmt Monika Helfer, und wer wollte nicht lernen bei den Coen-Brüdern! Vor allem aus „The Big Lebowski“, diesem Panorama sämtlicher Bilder der Populärkultur, durchpulst von Ironie, von pointierten Dialogen. Es gibt keine tragische Einsamkeit in dieser Welt, in der jede Äußerung gefärbt und geformt ist vom kulturellen Gedächtnis. „Die Welt des Schmerzes“, um den Dude zu zitieren, die ist Monika Helfers Figuren vertraut. Aber in ihrem neuen Roman ist ihnen auch die Leichtigkeit des Zitats, die Vertrautheit mit der Populärkultur gegeben. Und das ist ein tröstliches Licht, betrachtet mit jener feinen Ironie, die aus den Lichtern vor der Bowling-Bar des Dude herüberschimmert.

„Einer wie ich will tief blicken, weil er jedem Menschen Tiefe zutraut“, sagt der Ex-Schwiegervater über Sonja, „ihre Seele aber war flach wie ein Parkplatz.“ Ist das nicht ein Satz aus „Madame Bovary“? Schon aber: „Das war mir gar nicht bewusst“, sagt Monika Helfer und lächelt. „Stimmt schon!“
Na wenn das so ist, dürfen wir uns ein schönes Glas White Russian genehmigen und den Roman gleich wieder aufschlagen!


 

Monika Helfer, Schau mich an, wenn ich mit dir rede!, 186 Seiten, gebunden, € 20,-, ISBN 978 3 99027 094 3, Jung und Jung Verlag, 2017

 

 

 

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