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30.09.2022 |  Martin Hartmann

Der mit dem Wald tanzt – „Geheimnisse des Waldes“ von Jürgen-Thomas Ernst

Ich bin aufgewachsen am Waldrand. Dort im Wald gab und gibt es einen kleinen Weiher mit Kröten, Molchen, Wasserläufern. Den erdigen Geruch des Mooses auf dem Felsen daneben habe ich heute noch in der Nase. Das Glitzern der Sonne durch vielfältigste Arten von Grün, das Rascheln des Laubes im Herbst, wenn man knietief darin versinkt. Zwei imposante Buchen wuchsen an einem leichten Hang, deren Wurzeln waren so gewachsen, dass sie eine kleine Höhle bildeten. Mit einem Freund habe ich mich dort eingerichtet und wir haben immer wieder gesagt, dass wir jetzt einmal dort übernachten. Wir haben es nie getan. Und jetzt habe ich „Geheimnisse des Waldes“ gelesen. Jürgen-Thomas Ernst erzählt darin von seinen Erfahrungen, seinen Emotionen, es geht ihm darum, die Faszination des Waldes zu vermitteln, seine Schönheit und Heilkraft.

Die 240 Seiten sind eingeteilt in vier große Abschnitte: „Die Welt des Waldes“, „Das Geheimnis von Feuer und Holz“, „Das Geheimnis der Waldpflanzen“ und „Der Waldspielplatz“. Der Text ist übersichtlich gestaltet, in kurze Kapitel gegliedert, liest sich leicht, ist getragen von einem poetischen Ton. In der Einleitung heißt es etwa: „Bäume sind von ihrem Wesen her voller Hoffnung. […] Ein Baum lässt sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen, wenn sein Lebenslauf einmal ein bisschen aus dem Ruder läuft. […] Er setzt seinen Weg, den ihm die Natur vorgegeben hat, unbeirrt und beharrlich fort und ist so ein Gleichnis für unbeirrbare Hoffnung.“

Waldbaden

Der gelernte Förster schreibt über die vom amerikanischen Autor Richard Louv beschriebene nature-deficit disorder, das Natur-Defizit-Syndrom – die Menschen verlieren zusehends den Kontakt zur Natur. Er stellt Achtsamkeitsübungen vor, in denen es darum geht, wieder offen zu werden, den Kontakt mit der Natur wieder aufzunehmen – mit allen Sinnen, vom Schlafen im Naturbett in Blättern bis zum japanischen Shinrin Yoku – dem Waldbaden, wobei man die Atmosphäre des Waldes in sich aufnimmt. Er spricht die Leser:innen direkt an, erklärt, dass die Bäume Phytonzide an die Umgebungsluft abgeben, von ihnen selbst produzierte antibiotische Substanzen, um sich selbst vor Schädlingen zu schützen. „Atmet der Mensch solche Stoffe ein – und das tut er im Wald zwangsläufig – helfen ihm diese ebenfalls bei biotischen oder viralen Angriffen.“

Brennnesselpädagogik

Seit Jahrzehnten führt Ernst mit Empathie, Verständnis und Begeisterung Menschen als Waldpädagoge durch die heimischen Forste. Und das, obwohl er doch ursprünglich Förster werden wollte, um möglichst wenig mit Menschen zu tun zu haben. Eindrucksvoll schildert er, wie er mit Volksschulkindern Bäume fällt, Brennnesseln isst, Schutzwälder nachbaut und deren Funktion mit Holzkugellawinen testet. Er beschreibt, wie Gruppen mit im Wald gefundenen Dingen Bilder legen, Kinder als Igel in riesigen Haufen von Buchenblättern verschwinden – „Wie köstlich einfach und beglückend ist das doch!“ – oder es zum ersten Mal schaffen, selbst Feuer zu machen. Auch wo im Wald der im Titel des Buches erwähnte Mandarinenduft zu riechen ist, wird geklärt.
Ernst stellt den Wald als Gegenpol vor zu „landwirtschaftlichen Flächen, die jahrelang von Pestiziden vergewaltigt und manchmal für lange Zeit ruiniert wurden.“

Ski aus Eschenholz und Biber ohne Kopfweh

Im Abschnitt über die Laubbäume wird kursorisch auf die häufigsten Arten eingegangen, wie man sie erkennt, was die besonderen Eigenschaften sind: Der Kern von Alpinskiern besteht nach wie vor meist aus Eschenholz – bislang wurde kein künstlicher Stoff gefunden, der diese Elastizität bietet. Weidenrinde ist aufgrund des darin enthaltenen Salicins gut gegen Kopfweh – wohl auch beim Biber, wie Ernst meint. Wie man im weiteren Verlauf erfährt, ist Salicin auch in den essbaren Blättern von Himbeere und Brombeere oder im echten Mädesüß enthalten. Der Markenname Aspirin ist an den lateinischen Namen des echten Mädesüß „Spirea umaria“ angelehnt. Die im Titel verheißungsvoll geraunten „Zaubermittel“ gegen Kopfweh sind das also. Warum müssen an sich schon faszinierende Fakten sprachlich aufgeplustert werden? Auch das Wort „Geheimnis“, das in zig Unterüberschriften inflationär vorkommt, suggeriert einen – glücklicherweise nicht vorhandenen – Hang zur Esoterik.

Die wichtigen Fragezeichen

Ab und an werden Fragen aufgeworfen, die nicht direkt beantwortet werden: Störe ich, wenn ich, wie vorgeschlagen, im Winter Tierspuren durch den Wald folge, nicht Wild und Vögel? Kann man Wasser aus Bächen im Wald bedenkenlos trinken? Wenn es ums Sammeln von Waldfrüchten geht, denkt der im medialen Aufregungskarussell sitzende Waldlaie „Zu Hilfe, Fuchsbandwurm!“ Ernst hätte hier klären können, muss man sich nun wirklich so vor dem Parasiten fürchten? Lauert er auf jeder Erdbeere und jedem Pfifferling? Oder ist es wirklich nur gut, Flussläufe zu begradigen, wie es in einem beschriebenen „Flussläufe bauen“ – Projekt mit Kindern den Anschein hat?

Ach, die Großmutter

„Ach, was waren das für wunderbare Tage bei meiner Großmutter auf dem Bauernhof und in den umliegenden Wäldern.“ Immer wieder geht es um Erlebnisse und Erinnerungen – sie sind der emotionale Kern des Buches. Etwa Erinnerungen an die Kindheit, wie Ernst mit seiner Großmutter Buchenlaub für Bettdecken oder Löwenzahn für den Kartoffelsalat sammelte. Implizit wird dadurch klar – es sind Erlebnisse, die Wissen lebendig halten. Das Wissen aus Büchern verstaubt und ist nutzlos, solange es nicht im Leben angewendet wird. Ob das nun durch Eltern, Großeltern oder Jürgen-Thomas Ernst mit Schulkindern geschieht. Es gibt einen Faden der Wiedergabe des Wissens, ein Kontinuum von Generation zu Generation – oder es gab sie. Der Faden ist teils gerissen – das Kontinuum unterbrochen – Jürgen-Thomas Ernst knüpft neu an, stellt Verbindungen wieder her.
„Wenn ihr jetzt nach Hause geht, solltet ihr mehr wissen als noch vor einigen Stunden. Und wenn dem nicht so sein sollte, müsste ich zugeben, dass ich etwas falsch gemacht habe.“ So verabschiedet sich Jürgen-Thomas Ernst nach einer Waldführung. Er hat ein Buch verfasst für „Waldneulinge“ oder „Waldvergessene“ – das Lust auf mehr macht, manchmal ein kleines Fragezeichen zurücklässt – und dadurch anspornt, selbst weiterzusuchen. Vielleicht kommt ja demnächst Band zwei. Ich werde wieder öfter zum Weiher im Wald gehen. Und vielleicht gibt es die alte Wurzelhöhle noch …
Nein, Jürgen-Thomas Ernst hat mit seinem Buch nichts falsch gemacht.

Jürgen-Thomas Ernst: Geheimnisse des Waldes – Von Mandarinenduft, Zaubermitteln gegen Kopfschmerzen, natürlichen Lichtquellen und dem wohl gesündesten Ort der Welt, Braumüller Verlag, Wien 2022, gebunden, ISBN 978-3-99100-352-6, Euro 26

Lesung
13.10, 20 Uhr
Küefer-Martis-Huus, Ruggell
www.kuefermartishuus.li

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