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10.06.2021 |  Ingrid Bertel

Die Atmosphäre einer Stadt

„Die Stadt als Anlass“ nennt sich ein Feldkirch-Buch, das als Beginn einer Reihe gedacht war. Wenn es jetzt erscheint, bedeutet das allerdings Bilanz, denn die „Stadtkultur Feldkirch“ (SKF), die die darin dokumentierten Projekte anstieß und begleitete, gibt es nicht mehr. Das Buch wird so zum Dokument eines Prozesses, der bedauerlicherweise abgebrochen wurde.

„Die Stadt als Anlass“ – das ist ein absichtsvoll irritierender Buchtitel. Edgar Eller, langjähriger Leiter der „SKF“ macht so etwas gern: eine kleine Fahne des Zweifels aufstellen und dann dem Suchenden zarte Hinweise geben. So findet jede und jeder einen eigenen Weg durch die Stadt. Und Stadt, das ist für Eller ein Geflecht aus Beziehungen.
Im Sommer 2020 stand am Churer Tor eine Schubkarrenküche, umgeben von einem Tisch und Hockern. Passanten konnten fröhlich dekorierte Sandwiches oder einen Saft erwerben und dabei miteinander ins Gespräch kommen. Das freute die Lockdown-Geplagten. Nach neun Jahren war die „mobile Gastfreundschaft“ an ihren Ursprungsort zurückgekehrt. 2011 von Ania Rosinke und Maciej Chmara entwickelt, verfolgte die kleine, mobile Küche einen ebenso einfachen wie überraschenden Ansatz: Gastfreundschaft bringt Menschen zusammen und macht das Unbekannte vertrauter. Warum also nicht Gastfreundschaft im öffentlichen Raum üben? Das war derart überzeugend, dass die mobile Küche nach Berlin, Bratislava, Paris, Mailand, Wien und New York eingeladen und mit zahlreichen internationalen Awards ausgezeichnet wurde. „Mobile Gastfreundschaft“ ist ein wundervolles Beispiel für die von Edgar Eller entwickelte „atmosphärische Stadtraumgestaltung“.

Atmosphärische Stadtraumgestaltung

Die SKF, der Edgar Eller bis zum 1.1.2021 vorstand und die danach aus schwer nachvollziehbaren Gründen zerschlagen wurde, sah in ihrem Auftrag mehr als die Beobachtung von Baunutzungszahlen, Mobilitätskonzepten oder Nachverdichtung. Sie begriff „Stadt“ nicht als Verwaltungseinheit, sondern als Netzwerk sozialer Wirklichkeit. „So wie die Vergangenheit das Ergebnis aller in der Stadt Lebenden ist, speist sich auch die Zukunft nicht nur aus Entscheidungen von Politik und Verwaltung“, schreibt Edgar Eller. „Ziel muss die Aktivierung möglichst breiter Netzwerke sein.“
Eigentlich war die SKF Anfang 2018 gegründet worden, um das neu eröffnete Montforthaus im Bewusstsein der Feldkircher zu verankern. Mit dem Format „Montforter Zwischentöne“ gelang das (nach zwei missglückten Anläufen für ein „Feldkirch Festival“) in herausragender Weise. Aber die „Montforter Zwischentöne“ bespielten nicht allein das Montforthaus, sie reichten weit in den Stadtraum hinein. Was lässt einen Ort in der Stadt vibrieren? Was erzeugt einen neuen Blick auf einen alten Platz? Was belebt ein „totes Eck“? Welches Potenzial steckt in bestehenden Häusern, Straßen, Plätzen? Das versuchten die „Montforter Zwischentöne“ in vielfältigen Formaten herauszufinden; ebenso die Designmesse „Potentiale“. Es geht „nicht um den `Einkauf` kultureller Leistungen“, schreibt Eller, „sondern um die gemeinsame Entwicklung neuer Formate zu einem Thema in einem bestimmten Erfahrungsraum“.

Das öffentliche Wohnzimmer

Stadtplanung beschränkt sich allzu oft auf bauliche Maßnahmen und fragt nicht, was zwischen den Bauten geschieht. Wie werden die „Resträume“ genutzt? Als Abstellplatz? Als Hinterhof? Es darf ein bisschen mehr sein.
„Also Leute sind hier sicher nie“, hörte Petra Nachbaur über den Raiffeisenplatz sagen. „Oder wenn, dann Jugendliche. Oder Junkies.“ Der Platz schien ein Brennpunkt. Dabei wirken die Bäume und Stehlaternen, die Fachwerkhäuser und die elegant renovierte Rückseite des Palais Liechtenstein durchaus gediegen, die langen Eckbänke einladend. Studierende der Universität Liechtenstein untersuchten im Februar 2018 den Ort und luden zu einer Teezeremonie – ins temporäre rote Teehaus. Die Besucher*innen entdeckten neue Qualitäten, „und als sie den Platz wieder verlassen“, schreibt Petra Nachbaur, „sieht dieser plötzlich ganz anders aus.“
Atmosphärische Stadtraumgestaltung bedeutet, dass Angebote geschaffen werden, dass Möglichkeiten ausprobiert werden. Es geht nicht um Events in der Stadt, sondern darum, die Stadt selbst als Anlass zu begreifen, oder, wie Hans Geißlinger formuliert: „Städtische Interventionen, die wie Akupunkturnadeln Veränderungen anregen, können helfen, sich selbst zur Stadt neu ins Verhältnis zu setzen und neu zu verhalten.“

Feldhotel

Aus alten Fenstern und Dielenbrettern bauten 2013 die Architekten Martin Mackowitz und Nikolaus Skropik das „Feldhotel“ als konsumfreien Treffpunkt und verbindendes Element zwischen den Standorten der Messe „Art Design“. Das Feldhotel stand auf der Wiese des Reichenfelds und wurde auf vielfältige Weise genutzt: für Workshops, Kochkurse, Musikproben, Vorträge. Seine Ausstrahlung war so stark, dass es auch acht Jahre danach noch zum festen Bestandteil der Vorarlberger Kulturlandschaft gehört und mit dem Hauptpreis bei den tourismus-innovationen ausgezeichnet wurde.
Intensiv widmeten sich auch die „Montforter Zwischentöne“ der atmosphärischen Stadtraumgestaltung. 2016 luden sie den Ausstellungsdesigner Roland Stecher ein, eine Feldkircher Gaststätte zum Raum für Versuch und Irrtum umzumodeln – Stecher verwendete in einer symbolträchtigen Geste zerknülltes Papier. Ein Jahr später verwandelte der Architekt Georg Bechter die Jugendstil-Turnhalle hinter dem Montforthaus in einen Ort für kulturelle Gymnastik. 2018 baute Juri Troy aus den Kirchenbänken der ehemaligen Kapelle der Stella Matutina eine sakrale Bühne. Das Architektenduo Saal verwandelte Leerstand in der Altstadt in ein kleines Kino, und Repliken der berühmten Glasfenster der Kapelle Notre Dame de Chartres deuteten 2020 in einer Konstruktion aus Gerüstelementen ein Kirchenschiff an – philosophisch und musikalisch zu Grabe getragen wurden in diesem Ambiente: die Gewissheit, die Muße und die Privatsphäre.

Ein optimistischer Park

Das Reichenfeld ist ein ruhiger Park und gleichzeitig der vibrierende Schnittpunkt mehrerer (Hoch)schulen – ein Ort der Jugend und der Kultur. Wäre es also nicht naheliegend, im Reichenfeld einen Campus für das 21. Jahrhundert einzurichten? Und wie sähe der aus? In einem von Edgar Eller geleiteten Projekt ging es „ad fontes“ - mit deutlichem Bezug zum historischen Erbe des Humanismus in Feldkirch und mit einer zuversichtlichen Investition in das Gemeinwohl. Die Wettbewerbsgewinner realities:united aus Berlin betonten, „dass es sich lohnt, die Menschen in ihrem Tun verantwortlich zu unterstützen, und dass die Menschen diese Unterstützung dazu verwenden zu reifen und zu wachsen und ihrerseits verantwortlich in ihrer Umgebung handeln.“
Mit solchen Experimenten ist jetzt Schluss. Das Portfolio der SKF sei zu groß geworden – so begründete Bürgermeister Matt die Auflösung des Teams. Mit „zu groß“ kann wohl nicht die Finanzierung, sondern nur der kreative und intellektuelle Anspruch gemeint sein.

Edgar Eller, „Die Stadt als Anlass“, herausgegeben von Stadtkultur und Kommunikation Feldkirch, edition v, Bregenz 2021, 128 Seiten, ISBN 978-3-903240-25-4, € 36,-

Buchpräsentation und Gespräch mit dem interessierten Publikum
Theater am Saumarkt, Feldkirch
Sonntag, 13. Juni 2021, 10:30

Edgar Eller "Die Stadt als Anlass"

Edgar Eller "Die Stadt als Anlass"

Edgar Eller © Dietmar Mathis

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  • Edgar Eller "Die Stadt als Anlass" Edgar Eller "Die Stadt als Anlass"
  • Edgar Eller © Dietmar Mathis Edgar Eller © Dietmar Mathis