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04.09.2013 |  Ingrid Bertel

Die Depressionsfalle – bedenkliche Strategien zur Vermarktung von Psychopharmaka

Bis 2030, so die Prognose von Experten, werden psychische Leiden in Europa zu den am häufigsten diagnostizierten Krankheiten zählen. Das verspricht gute Geschäfte für Novartis und Co. Das Ärztepaar Marianne Springer-Kremser und Alfred Springer hat aus diesem Grund recherchiert, was die gängigen Mittel nützen und wie sie auf dem Markt gepusht werden. Der Befund ist alarmierend!

Als Sigmund Freud 1916 den Essay „Trauer und Melancholie veröffentlichte, war die österreichisch-ungarische Monarchie am Zusammenbrechen. In Europa begann eine unglaubliche Völkerwanderung, und die Menschen litten an den Wunden, die der Krieg ihnen zugefügt hatte – dazu gehörten eben auch „Trauer und Melancholie“. Heute heißen sie Depression. Dabei ist unsere Situation der Globalisierung mit ihren Flüchtlingsströmen in manchem derjenigen von 1916 vergleichbar, befindet das Ärztepaar Marianne Springer-Kremser und Alfred Springer. Um sogleich vor der „Depressionsfalle“ zu warnen. Was ist damit gemeint?

Marianne Springer-Kremser und Alfred Springer konstatieren eine Tendenz, Krankheiten anhand des Wirkungsspektrums von Arzneimitteln zu definieren, und eine verbreitete Praxis der Pharmakonzerne, massiven Einfluss auf Ärzte, Selbsthilfegruppen und Internetplattformen zu nehmen. Das führe nicht allein zur gesundheitlichen Gefährdung von PatientInnen, es banalisiere auch ein schweres Leiden.

Inneres Verbrennen


„Daliegen und weinen“, so beschrieb die früh verstorbene Sängerin Amy Winehouse ihren Alltag. „Back to Black“ wurde zu ihrem erfolgreichsten Song und schien hunderttausenden von Jugendlichen ebenso aus dem Herzen zu sprechen wie einst Robbie Williams‘ „Let me entertain you“. Darin gibt es eine ausgesprochen treffende Zustandsbeschreibung der Depression: „I’m a burning effigy of everything I used to be.“
Let me entertain you! (Robbie Williams)

Gegen dieses Gefühl inneren Verbrennens, gegen den völligen Zusammenbruch des Selbstwertgefühls, gegen die quälende Abwärtsspirale aus „Ich bin nichts. Ich kann nichts. Niemand mag mich, und schuld daran bin ich selber!“ wurde seit den 1980er Jahren eine „Glückspille“ angepriesen – unter dem Namen „Prozac“ in den USA und „Fluctine“ in Europa. Im Jahr 2000 betrug der Gewinn aus dem Verkauf von „Prozac“ 2,6 Milliarden Dollar. Im August 2001 lief das Patent aus; die Verkaufszahlen sanken um 70 %. Das Medikament war wegen seiner Nebenwirkungen (Hautausschläge, Konzentrationsstörungen, Schwindelgefühle) umstritten. Und nun passierte etwas Wundersames: „Prozac“ kam unter dem Namen „Sarafem“ neu auf den Markt.

„Was war neu an Sarafem? Erstens tauchte plötzlich eine neue Diagnose auf: Prämenstrueller Verstimmungszustand. (…) Die produzierende Firma änderte die Farbe der Tabletten von grün auf pink und den Namen des als Antidepressivum stigmatisierten Prozac in den betont feminin klingenden Namen Sarafem.“ Ein strafrechtlich relevanter Tatbestand ist das nicht!
Shut Your Eyes! (Snow Patrol)

Sarafem, Prozac und co sind psychoaktive Stoffe, die nicht süchtig machen. Deshalb wurden sie – nach einer langen Reihe von Stimmungsaufhellern wie Opium, Kokain, Barbituraten, Amphetaminen und Benzodiazepinen auch so euphorisch begrüßt. Sie greifen in die Signalübertragung im Gehirn ein, indem sie auf ein bestimmtes Enzym wirken.
„Dieses Enzym hat die Funktion, die Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, die aus den Nervenendigungen im Prozess der Neurotransmission ausgeschüttet werden, zu zerstören. Diese Zerstörung ist für den Kommunikationsablauf im Gehirn wichtig. Sie beendet eine Reizübertragung und schafft Platz für eine neue Kommunikation.“ Die Produzenten Trizyklischer Antidepressiva gingen von einer einfachen Schlussfolgerung aus: ein niedriger Spiegel von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin bewirkt Depression; erhöht man den Spiegel, ist die Depression beseitigt. Alles easy. Ein Zuckerkranker braucht Insulin, ein Unfallpatient den Chirurgen – und ein Depressiver eben ein Antidepressivum. Aber gar so einfach sei das menschliche Seelenleben denn nun doch nicht, beteuern die Autoren. Außerdem werde seit 2010 die Serotonin-Hypothese der Depression für tot erklärt: „Führende Neurowissenschafter und Medizinhistoriker sprechen sich dagegen aus, dass man komplexe Erkenntnisse der Grundlagenforschung … in vereinfachender … Weise auf die psychiatrische Klinik überträgt und damit versucht, die psychiatrische Krankheitslehre und Behandlungspraxis auf eine pseudowissenschaftliche Basis zu stellen.“

Heiß-Kalt-Spiel


Medizinsoziologen nennen dagegen die Vertrauensbildung in einer Beziehung als wichtigsten Faktor der Krankheitsbewältigung. Allerdings ist gerade das im Falle einer Depression besonders schwierig. Wer depressiv ist, klagt in einer Tour, sieht sich beständig als Opfer und provoziert damit Unverständnis und Abwehr. Für Angehörige ist es schier unmöglich, mit dem Heiß-Kalt-Spiel aus Empathie-Aufforderung und Zurückgewiesen-Werden umzugehen. Die distanzierte Haltung professioneller Helfer, die viel eher Auswege eröffnen kann, birgt allerdings auch ihre Tücken. Sigmund Freud hat sie benannt: „Wir haben es entschieden abgelehnt, den Patienten, der sich Hilfe suchend in unsere Hand begibt, zu unserem Leibgut zu machen, sein Schicksal für ihn zu formen, ihm unsere Ideale aufzudrängen und ihn im Hochmut des Schöpfers zu unserem Ebenbild, an dem wir Wohlgefallen haben sollen, zu gestalten.“ Die Absage an erzieherische Absichten, das Vertrauen in die Fähigkeit des Patienten, seine Entwicklung selbst steuern zu können, scheinen manchem wohl zu mühsam – Ärzten ebenso wie Kranken. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass die psychoaktiven Stoffe mit einer derartigen Gläubigkeit verabreicht und eingenommen werden. 2002 betrug ihr Umsatz weltweit mehr als 31 Milliarden Dollar. Und es handelte sich um einen Wachstumsmarkt mit jährlichen Zuwachsraten von 6,8 %.
„Back to Black“ (Amy Winehouse)

Fragwürdige Vermarktungsstrategien


Haben Antidepressiva wirklich keine Nebenwirkungen? Marianne Springer-Kremser und Alfred Springer breiten die Langzeitstudien aus. Während der Schwangerschaft eingenommen etwa, können Antidepressiva zu Missbildungen des Babys führen. „Derzeit stehen in den USA 250 derartige Klagen an. Das erste Verfahren soll am 12. September 2014 eröffnet werden.“

Breiten Raum widmet das Ärztepaar einer Untersuchung der fragwürdigen Vermarktungsstrategien der Pharmaindustrie. Sie reichen von der Beeinflussung der Ärzte und ihres Verschreibungsverhaltens über die Unterdrückung negativer Studienresultate und den gezielten Einfluss auf Veröffentlichungen in der Fachpresse bis zur Unterwanderung von Selbsthilfegruppen und Internet-Plattformen, ja sogar bis zur Schaffung neuer Krankheitsbilder, vor allem in DSM-5, der aktuellen Ausgabe des diagnostischen und statistischen Handbuchs vom Mai 2013. „Unsere Darstellung ist darum bemüht aufzuzeigen, wie diese Praktiken dazu beigetragen haben, die „Depressionsfalle“ zu öffnen, die den wissenschaftlichen Umgang mit der Depression ebenso bedroht wie die professionelle Qualität und Identität der Psychiatrie, die Behandlung erkrankter Menschen, das Verständnis von Krankheit und Gesundheit und damit verbunden auch die Entwicklung der Gesundheitspolitik und des Gesundheitswesens.“
Marianne Springer-Kremser und Alfred Springer bieten mit ihrem gut lesbaren Buch ein kritisches Wissen an, das geeignet ist, Selbstkompetenz aufzubauen.

 

Marianne Springer-Kremser und Alfred Springer, Die Depressionsfalle, Hardcover, Euro 24,90, ISBN 978-3-9910008-8-4, Braumüller Lesethek 2013

 

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