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01.09.2014 |  Ingrid Bertel

Die Methode des Clowns – Michael Köhlmeier gelingt mit dem Roman „Zwei Herren am Strand“ ein artistischer Drahtseilakt

Zwei Männer mittleren Alters gehen miteinander spazieren. Sie empfinden wirkliche Freundschaft füreinander, obwohl ihnen nichts gemeinsam ist, nicht die Herkunft, nicht die Interessen, nicht die Einstellungen zu Politik und Gesellschaft, auch nicht der Lebensstil. Sie heißen Winston Churchill und Charlie Chaplin, und was sie trotz allem gemeinsam haben, das hat Michael Köhlmeier herausgefunden.

Michael Köhlmeier kann kühle Aphorismen schreiben: Sorge, zum Beispiel, sei nichts anderes als bemäntelter Egoismus. So ein Köhlmeier-Satz steht zwischen Bildern, die darauf zu warten scheinen, dass Tim Burton einen Film daraus macht. Das Bild vom Mann zum Beispiel, dem eine Frisur wächst, „die man vom Mond aus erkennen konnte“. Oder das Bild der Finsterlinge, von denen anzunehmen sei, „dass sie sich nachts in Dostojewskis Dämonen zurückzögen und den Buchdeckel über sich schlössen“.

Mit Dämonen kennen sich Charlie Chaplin und Winston Churchill aus. „Sie hatten einen gemeinsamen Feind, der saß in ihnen; er lauerte nicht in dem mondänen, gold- und vanillefarbenen Speisesaal des Biltmore Hotels, nicht in dem skandalsüchtigen Hollywood, nicht in den Hirnen irgendwelcher heruntergekommener Schreiber, nicht in Anwaltskanzleien und nicht hinter Richterpulten, er lauerte nicht in irgendeiner Parteizentrale und nicht im Schützengraben jenseits einer Stacheldrahtbarriere – er saß in ihnen, und diesem Feind galt ihre Allianz; alles andere stand nicht zur Diskussion und würde nie zur Diskussion stehen.“ Über Methoden, ihre Depressionen zu bekämpfen, tauschen sich die beiden aus und über Methoden, dem Leben ein Ende zu setzen. Darüber haben sie schon im Alter von sechs Jahren nachgedacht. Noch einer gehört zu dieser Sorte Menschen: Adolf Hitler. Mit ihm werden sie sich intensiv beschäftigen müssen.

„Vielschichtig“ ist für einmal eine treffende Beschreibung dieses Romans: Auf den ersten Blick geht es um Depressionen. Auf den zweiten um das Lachen. Aber der Herzschlag ist die Frage nach dem Wesen des Schöpferischen.

Chaplins Tugend


Chaplin und Churchill lernen einander im Sommer 1927 kennen, nach der aufsehenerregenden Scheidung Chaplins von Lita Grey und der darauf folgenden medialen Schlammschlacht. Chaplin stürzt sich in die Arbeit an „The Circus“ und gerät in einen veritablen Siegesrausch. Er glaubt die vollkommene, die überzeugendste Geschichte für den Tramp gefunden, etwas absolut Neues geschaffen zu haben.
Ansatzlos überfallen ihn gnadenlose Selbstzweifel. „Er hatte den Tramp verraten.“ Er werde in diesem Film zum Kuppler, der sich obendrein noch als Glücksengel aufspiele. Alles nur, um die Scheidung von Lita Grey in einem für ihn günstigen Licht erscheinen zu lassen. Ein Plagiat seines Tramps sei „The Circus“ – und Köhlmeier setzt einen seiner bittersten Sätze akkurat an diese Stelle: „Plagiat leitet sich vom Lateinischen her und bedeutet Seelenverkauf.“
Ist der Künstler ein Betrüger? Ja, davon ist Charlie Chaplin seit Kindertagen überzeugt. Und der Künstler betrügt nicht nur die Menschen, er betrügt auch Gott, indem er den Menschen besser oder schlechter macht, als er ist. Weil er Gottes Ebenbild verzerrt, wird er bestraft. In einem an Mozart gemahnenden Trotz meint Chaplin: „Ich bin, was sie über mich sagen: eitel, egozentrisch, geizig, herrschsüchtig, brutal, rücksichtslos, bösartig, lüstern. Aber ich habe einen geschaffen, der besser ist als ich. Darin besteht meine Tugend.“

Der schwarze Hund


Wenn sich der schwarze Hund in seine Kehle verbeißt, beginnt Chaplin zu schreiben. Er legt sich nackt auf einen großen Bogen Papier und schreibt spiralförmig um sich herum einen Brief an sich selbst. Churchill probiert diese „Methode des Clowns“ aus und findet sie brauchbar. „Die Methode des Clowns bestehe also aus nichts anderem als der Leistung, sich selbst vor sich selbst lächerlich zu machen – mit dem Ziel, sich selbst zu entfremden. Ganz bei sich selbst kann der Mensch nämlich nicht über sich selbst lachen, denn Lachen bedeutet immer Lachen auf Kosten eines anderen. Er muss sein Ich aufspalten in ein Ich, das lacht, und in ein anderes, das ausgelacht wird. Dies ist das Ziel der Methode.“ Und das, konzediert Köhlmeier, zeuge von „kühlem Pragmatismus.“

Zwei Herren am Strand


Als „Modern Times“ in die Kinos kommt, erfährt Chaplin die erbitterte Ablehnung der Kapitalisten ebenso wie jene der Kommunisten. Er begreift, „dass die Unversöhnlichen sich einig waren in ihrer Empörung gegen die bloße Abbildung des Schwächsten, des Leisesten, des Bemitleidenswertesten, darin sah er den Fingerzeig, dass die Methode des Clowns auch die Seele der Gemeinschaft heilen könnte“. Ist es der Freund, der ihn auf solche Gedanken bringt? Ist es der Freund, der ihm neue Wege zeigt? Chaplin plant seinen ersten Tonfilm: „Ein Zweipersonenstück. Titel: Zwei Herren am Strand. Besetzung: Buster Keaton und Charlie Chaplin. Wer sonst? Bitte, wer sonst! Damit würde niemand gerechnet haben. Chaplin als Anti-Chaplin. Das Leben, wie es ist!“
Das böse, abgründige Leben spielen die beiden zunächst an einer historischen Gestalt durch: Sie entwickeln ein gemeinsames Drehbuch über Napoleon. Und sie sind sich einig, den Franzosen mit einem Doppelgänger kämpfen zu lassen. Das Drehbuch wird nie fertiggestellt, aber das Thema des Doppelgängers lässt Chaplin nicht mehr los; es findet Eingang in den „Großen Diktator“.
Chaplin findet darin seine eigenen ersten Schritte in den Tonfilm: „Kauderwelsch war … wie Pantomime, universell verständlich, Stummfilm mit Worten.“ Das politische Establishment zeigt sich empört über das Ansinnen, einen Staatsmann, mit dem man bestes Einvernehmen pflegt zu parodieren. Noch ist Cordell Hull, ein eingefleischter Antisemit, Außenminister im Weißen Haus. Noch pflegt Edgar Hoover freundschaftliche Beziehungen zu Heinrich Himmler und intensiviert die Zusammenarbeit mit der Gestapo. Das Hays Office, die US-Zensurbehörde erklärt, „die Firma United Artists könnte sich einen Haufen Geld sparen, wenn sie jegliche Tätigkeit für diesen Film unverzüglich einstellte, denn unter keinen Umständen…werde der Streifen in einem amerikanischen Kino zugelassen.“ Chaplin lässt sich nicht einschüchtern. Seinen Film über Hitler könnte man doch als Film über den Diktator in Chaplin (und in uns) sehen, postuliert der Roman. „Die Methode des Clowns besteht darin, dem Irrsinn mit Irrsinn zu heilen.“

„Zwei Herren am Strand“ ist ein artistischer Drahtseilakt, ein helles Vergnügen, ein umwerfend ehrliches Buch. Lachen, das zeigt dieser Roman, ist nicht – wie Philosophie und Psychoanalyse seit jeher behaupten – ein Ergebnis der Schadenfreude. Lachen kann sich der Erkenntnis des Diktatorischen und Bösen im eigenen Ich verdanken. Wenn der Weg dazu durch dunkle Täler führt und über löchrige Hängebrücken, auf denen ein Mann, sein Klavier auf dem Rücken, einem Gorilla begegnet, dann ist das der Weg Chaplins und Churchills und auch Köhlmeiers.

 

Michael Köhlmeier, Zwei Herren am Strand, 256 Seiten, EUR 18,40, ISBN 978-3-446-24603-4, Hanser Verlag, München 2014

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