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04.04.2020 |  Annette Raschner

Die offene Türe des Kinderzimmers

Wer Texte von Christian Futscher liest, sollte auf der Hut sein. Der Vorarlberger Schriftsteller ist mit allen Wassern gewaschen! Da wird mitunter auf Teufel komm‘ raus schwadroniert, kalauert und geschwindelt, was das Zeug hält, und dann passiert es! Die Pointe kehrt alles in sein Gegenteil. „Alles außer Lyrik ist Irrsinn“, zitierte Christian Futscher in seinem letzten Buch „Alles außer Lyrik“ den großen österreichischen Dichter Andreas Okopenko. „Das Pfeifen der Gräser“ heißt sein neuer Gedichtband.

„Ich pfeife mich durchs Leben, bis ich tot umfalle.“ Dieser Ausspruch der 2005 verstorbenen österreichischen Kunstpfeiferin Jeanette Baroness Lips von Lipstrill ist den neuen kurzen bis sehr kurzen bis ganz kurzen Texten von Christian Futscher vorangestellt, und dann schreibt er gleich vom Glück.

Ich liege in der Wiese
und lese.

Christian Futscher liest leidenschaftlich gerne. Im neuen Buch werden etwa Ernst Jandl, Wolfgang Herrndorf („falls ich jemals etwas anderes als reine Fiktion schreiben sollte, erschießen Sie mich bitte!“), Charles-Albert Cingria, Max Sessner, Bertolt Brecht u. v. a. erwähnt. Aber Christian Futscher, der 2008 mit dem Dresdner Lyrikpreis ausgezeichnet wurde, schreibt auch leidenschaftlich viel und gerne. Am liebsten „unterschiedliche Gedichte“ – wie er sagt – und immer wieder auch absichtlich „schlechte“.

Wunsch

Mögen die Leserin
und der Leser
den Blödsinn
mit gütigen Augen
überhuschen
und sich an den Perlen
festsaugen.

Von den besagten Perlen gibt es auch im neuen Buch so einige! Der übermütige Kindskopf, melancholische Träumer, schamlose Tabubrecher und charmante Phrasen- und Pointendrescher schafft es doch immer wieder, mit Zeilen wie diesen mitten ins Herz zu treffen.

Kapriole

Am Abend ging die Sonne auf,
denn unser Sohn
schaute vorbei.

Und da man über Christian Futschers Texte eigentlich nicht schreiben sollte – man sollte sie ganz einfach lesen! –, hänge ich noch folgende Gedanken des Autors an, die er mir auf einige Fragen meinerseits per Mail geschickt hat (und auch, weil sie einfach großartig sind!):

Ich habe nie das Gitterbett verlassen, ich rüttle an den Stäben, finde meinen Schnuller nicht mehr – die Sehnsucht danach treibt mich an, lässt mich Gedicht-Knüller erfinden, hoho. Ich spiele gern, blödle gern, idealerweise verbinde ich Ernst mit Quatsch, Tragik mit Komik, Scheiße mit Blumen (vergl. Bohumil Hrabal) ... Tod und Leben, Tiefsinn und Blödsinn halten Händchen, zwischen komischen, absurden Zeilen soll was Hintergründiges funkeln, herauslugen, sichtbar werden (…) Das Kind in mir ist quietschlebendig, pudelmunter – es ist mein Kern, mein inneres Schwein (dem ich auch immer die Treue hielt, dem wilden, vielseitigen, neugierigen Ferkel in mir) – und auch wenn es in Anbetracht meines Alters zugegebenermaßen lächerlich klingt und vielleicht peinlich ist, ich habe noch heute immer wieder das prickelnde Gefühl, ich habe noch gar nicht richtig angefangen, bald werde ich ernsthaft beginnen (bezieht sich auf meine Kunst, aber auch auf anderes), jedenfalls liegt der Ernst des Lebens noch vor mir, und wenn ich dann groß bin …

Und dann hat er mir noch drei Lieblingszitate drangehängt:
„Ich mag keine lustigen Gedichte, ein Gedicht muss traurig sein.“ (Johanna Knaack, die Tochter eines Freundes)
„Mich interessiert nur der Quatsch.“ (Daniil Charms)
„We are here on earth to fart around. Don’t let anybody tell you any different.“ (Kurt Vonnegut)

Am 19. April feiert Christian Futscher seinen 60. Geburtstag. Aber was heißt schon feiern?!

Ich war nie ein großer Feierer und werde das auch auf meine alten Tage nicht mehr. So gern ich trinke, singe, tanze. Ja, auch tanze, und zwar so, dass kein Afrikaner Mitleid mit mir bekommt. Afrikanisches Sprichwort, das ich auch gern zitiere: „Willst du mit einem Europäer Mitleid haben, dann sieh ihm beim Tanzen zu.“

„Das Pfeifen der Gräser“ ist im Wiener Czernin Verlag erschienen.

Wildschwein

Morgen gibt es bei uns Wildschwein.
Grüße an Obelix!
War das früher immer ein Fest:
Der neue Asterix-Band,
dazu Brotreste: altes, hartes Brot…
Das war in den wilden 1970-er Jahren.
Heute, 2018, will ich behaupten:
Das Brot damals schmeckte mir besser
als das Wildschwein morgen
schmecken wird.
Ich fühle mich manchmal
wie Troubadix,
nur dass ich gefesselt nix.

(Annette Raschner ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg.)

Christian Futscher: Das Pfeifen der Gräser, Czernin Verlag, Wien 2020, Hardcover, 192 Seiten, ISBN: 978-3-7076-0693-5, € 20

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