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13.10.2022 |  Peter Niedermair

„Die Trachten in Vorarlberg“

Der Vorarlberger Landestrachtenverband mit seiner Obfrau Ulrike Bitschnau hat ein (ge)wichtiges, inhaltlich lesenswertes und mit vielen Abbildungen sehr schön gestaltetes Buch vorgelegt, das in dieser Fülle und Vielfalt eine Gesamtschau zum Thema „Die Trachten in Vorarlberg“ bietet. Es versammelt aktuelles und historisches Wissen um die Trachten in Vorarlberg und stellt regionale Ausprägungen in kulturelle Zusammenhänge. Namhafte Fotokünstler machen das Buch zu weit mehr als einem Nachschlagewerk.

Peter Niedermair: Das Buch ist eine Augenweide …
Ulrike Bitschnau:
Wir freuen uns sehr, wenn unser Buch gefällt. Wir haben sehr viel Arbeit und Hingabe in dieses Werk gesteckt. Die letzten drei Jahre war ich damit beschäftigt, Autoren zu finden, zu unterstützen, bei den Fototerminen dabei zu sein, Termine zu koordinieren und vieles mehr. Eine große Herausforderung war die Finanzierung des Werks. Unser Grafiker Wolfgang Rützler, mit dem ich schon das Buch „Die Trachten im Montafon“ gemacht habe, war mir eine ebenso große Hilfe, wie unser Lektor Dr. Dieter Petras. 1984 wurde die letzte namhafte Publikation über Trachten in Vorarlberg in Form der Vorarlberger Trachtenmappe vom Trachtenverband herausgegeben. Wir haben gemerkt, dass viel Wissen um Tracht verloren geht, wenn wir nicht alle Trachten, die derzeit getragen werden, dokumentieren und fotografieren und zwar jetzt! Wichtig war uns, ein gut lesbares, modernes und interessantes Buch herauszugeben und darüber hinaus wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, um die Geltung des modernen Trachtenwesens gebührend zu unterstreichen. Es war uns wichtig, Trachtenträger – keine Models – abzubilden, damit das Buch lebt!
Niedermair: Was umfasst der Begriff „Trachten“ heute?
Bitschnau: Jeder, der Freude an Tracht, Volkstanz und Volkslied hat, ist in einem unserer Mitgliedsvereine willkommen. Der Landestrachtenverband hat 4500 Mitglieder in 60 Vereinen, da gibt es genügend Platz für jeden Interessierten. Besonders stolz sind wir auf unsere 14 Kindertrachtenvereine. Wir versuchen unseren Mitgliedern Möglichkeiten zur Fortbildung zu bieten. Es gibt Ausbildungsreihen für Kindertanzleiter, Volkstanzseminare, Schuhplattlerseminare, Trachtenpflegeseminare u.v.m. Darüber hinaus gibt es im Blasmusikverband Vorarlberg noch weit über 100 Blasorchester, die fast alle in Tracht gekleidet sind. Es gibt auch viele private Trachtenträger, die sich aus Freude, Wertschätzung oder einfach, weil ihnen eine Tracht gefällt, eine solche anschaffen. Es ist mir besonders wichtig, dass der Begriff Tracht verbindet und nicht trennt – anders als dies gelegentlich in der Vergangenheit der Fall war. Wir möchten, dass jede und jeder, der sich in einem unserer 60 Mitgliedsvereine wohl fühlt, ungeachtet der Herkunft, Religion oder Präferenz, egal welcher Art, wohl fühlt und willkommen geheißen wird – das ist auch ein persönlicher Wunsch von mir.
Niedermair: Das Buch stützt sich auf eine Reihe wissenschaftlicher Beiträge, die vom historischen Bezugsrahmen bis zur Systematik der Trachten reichen.
Bitschnau: Verschiedene Autoren sind eine Herausforderung für den Herausgeber, den Grafiker, den Lektor – es ist aber genau das, was unser Buch abwechslungsreich und interessant macht. Die Beiträge von Theresia Anwander über Hüte zum Beispiel, von Meinrad Pichler über Tracht und Tourismus oder von Bernhard Tschofen – Traditionslinien, Ressourcen und Hypotheken – zeigen verschiedene Sichtweisen auf das Thema Tracht. Der Beitrag über unsere Landmannschaften – Südtiroler, Steirer und Osttiroler – von Dieter Petras war genauso wichtig, wie die vielen anderen Beiträge namhafter Autoren, unter ihnen auch unser Bischof Benno.
Niedermair: Trachten in Vorarlberg werden in einer regionalen Übersicht präsentiert und deren Materialien und handwerkliche Entstehung dargestellt. Was wird dabei sichtbar?

Trachten – weit mehr als Bekleidung

Bitschnau: Die Trachten wurden wirklich nach einem gewissen Schema beschrieben – von Osten nach Westen bis in den südlichsten Teil Vorarlbergs – dargestellt. Für Trachten verwendet man ausschließlich Naturmaterialien und Stoffe daraus, wie Wolle, Baumwolle, Leder, Seide u. v. m. Viele Vorarlberger Kunsthandwerker sind im Buch beschrieben, aus jeder Region und zu jeder Tracht. Es ist eine Freude, ihnen bei ihrer Arbeit zuzuschauen, seien es Stickerinnen, Frauen und Männer, die Kopfbedeckungen herstellen – bis zum Montafoner „Mäßli“, das aus Wolle von Hand gefilzt wird. Man sieht im Buch, wie viele Menschen damit beschäftigt sind, eine Tracht herzustellen. Wir waren einige Tage im Land unterwegs. Patrick Säly hat die Fotos der Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker gemacht. Die Zusammenarbeit war ganz toll, das spiegeln auch die Fotos wieder. Eine unserer Kleidermacherinnen, unsere Isolde Moosbacher aus Schruns, sagt immer: „A Tracht ischt des billigschte Hees, des ka ma überall a‘lega, ma ischt immer guat aglet und des schafft ma emol im Läba a.“ Eine Tracht wird immer auf Maß gearbeitet und kann mindestens zwei Kleidergrößen abgeändert werden.
Niedermair: Trachten sind weit mehr als Bekleidung. Was spiegeln sie kultur- und zeitgeschichtlich?
Bitschnau: Wir sehen uns in einer schnelllebigen Zeit als wichtige Kulturvereine und Kulturträger in Vorarlberg. Unsere Vereine zeigen Volkstänze, singen Volkslieder, Volksmusik wird gepflegt. In unseren Reihen gibt es auch sogenannte Trachtenträgervereine. Die Mitglieder rücken bei vielen verschiedenen Gelegenheiten in Tracht aus. In unseren Vereinen zeigt sich bei den zahlreichen Veranstaltungen immer wieder, dass die Trachtenträgerinnen und Trachtenträger sehr gesellige Zeitgenossen sind. Wir alle haben etwas gemeinsam: Wir freuen uns an unseren schönen Trachten und hoffen, dass wir diese noch lange erhalten können. Unsere Trachten verbinden, sie trennen nicht!

Die Trachten in Vorarlberg, hrsg. von Ulrike Bitschnau, Vorarlberger Landestrachtenverband. edition V, Bregenz 2022, ISBN: 978 3 903240 41 4, Euro 42

Viele Kunsthandwerker:innen sind im Buch abgebildet – hier entsteht eine Bregenzerwälder Spitzkappe.

Viele Kunsthandwerker:innen sind im Buch abgebildet – hier entsteht eine Bregenzerwälder Spitzkappe.

Die Trachten werden nach einem gewissen Schema beschrieben. Hier eine Trachtengruppe aus dem Kleinwalsertal.

Die Trachten werden nach einem gewissen Schema beschrieben. Hier eine Trachtengruppe aus dem Kleinwalsertal.

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  • Viele Kunsthandwerker:innen sind im Buch abgebildet – hier entsteht eine Bregenzerwälder Spitzkappe. Viele Kunsthandwerker:innen sind im Buch abgebildet – hier entsteht eine Bregenzerwälder Spitzkappe.
  • Die Trachten werden nach einem gewissen Schema beschrieben. Hier eine Trachtengruppe aus dem Kleinwalsertal. Die Trachten werden nach einem gewissen Schema beschrieben. Hier eine Trachtengruppe aus dem Kleinwalsertal.