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11.09.2019 |  Arno Löffler

Dionysische Revolte der reinen Kunst - Jens Dittmar: „Baby Palazoles – ein Reigen“

Seit sich Jens Dittmar vor einigen Jahren aus dem klassischen Erwerbsleben verabschiedet hat, widmet sich der Liechtensteiner Germanist ganz der Literaturproduktion. Seine Bücher, von denen mittlerweile schon eine stattliche Anzahl erschienen ist, sind nicht immer leichte Kost, obwohl oder vielleicht gerade weil Dittmars Schreiben von einer ausgesprochenen und gerne wild ausufernden Fabulierlust geprägt ist, verbunden mit viel Freude an der Sprache an sich.

Plapperhafte, gefällige Literatur ist Dittmars Sache nicht. Die Frage, worum es in irgendeinem seiner Werke gehe, lässt sich in der Regel nicht einfach beantworten. Handlung findet durchaus statt, aber sie steht nicht wirklich im Fokus von Dittmars Schriftstellerei. Gedanken, Meinungen, Beobachtungen, oft und gern im Widerspruch zueinander stehend und keinen sicheren Schluss auf die Geisteshaltung des Autors zulassend und allerlei kauzigen Figuren in den Mund gelegt, sorgsam recherchierte Details fügen sich zu einem bunten und mitunter wilden Reigen, der den Leser mitreißt – oder eben auch nicht.
Das ist bei „Baby Palazoles – ein Reigen“, Dittmars neuestem Roman, ein wenig anders. Man ist versucht zu sagen, dies sei Dittmars lesbarstes Buch. „Baby Palazoles“ hat eigentlich alles: Kunst, Trump, Sex und (das Post-Treuhand-)Liechtenstein. Man erfährt eine Menge über den Protagonisten, der eine echte Entwicklung durchmacht. Warum sich der schwule Künstler Mariss G. (Künstlername „Baby Palazoles“ und Eigendefinition „Cantomime“) aus Balzers FL, offenbar eine recht schillernde Figur und mitunter als „Lebenskünstler“ verspottet, am Ende des Buches (spoiler alert!) dazu entschließt, nach dem Tod seiner Tochter (?) brav im Land zu bleiben, anstatt zu seinem durchaus spannenden und künstlerisch erfolgreichen Leben nach New York zurückzukehren, wohin er in der Ära Clinton ausgewandert ist, bleibt dennoch unklar. Das muss kein Fehler sein. Dittmar schreibt nach wie vor keine Erklärliteratur. Präsident Trump wird öfter, wenn auch nie namentlich, erwähnt. Baby Palazoles ist offensichtlich kein Trump-Fan, aber mit der Politik hat sein Entschluss, wie er selbst sagt, „nur am Rande zu tun“. Es geht auch irgendwie um Heimat. Auch sie hat sich verändert.
Wie so oft bei Jens Dittmar, fragt man sich beim Lesen unwillkürlich, wie viel von dem Autor in den handelnden Personen steckt, in Mariss G. z. B., dem Balzner Künstler mit liechtensteinisch-deutschem Hintergrund, den es nach langjährigem Auslandsaufenthalt wieder in die Heimat zieht. In einer Szene, die 1998 spielt, legt G., dessen Straßenkunst-Auftritt in einem New Yorker Park so beschrieben wird, dass man geneigt ist, ihn sich als eine Art liechtensteinischen Klaus Nomi vorzustellen, seinem künftigen Agenten Bill Wiseman beim Wein in emotionalen Worten seine Vorstellungen vom Wesen der Kunst dar: „Unter Kunst stelle ich mir etwas Absolutes vor. Sie lässt sich nicht vor irgendeinen Karren spannen. […] Kunst ist Kunst und mehr nicht. Weder Wissenschaft noch Zeitvertreib. Weder Zukunftsvision noch Tabubruch. Sie soll keinen Staub von der Seele waschen und noch nicht einmal dem Vergnügen dienen. Sie ist sich selbst genug.“ Das tönt schon ein wenig nach Dittmar.

Erzählerische Polyphonie

Das Buch ist durchgehend aus ständig wechselnder Ich-Perspektive erzählt. D. h. die handelnden Personen kommen in einem oder mehreren Kapiteln als Erzähler zu Wort. Diese erzählerische Polyphonie bewirkt, dass keine der unterschiedlichen oder kontroversen Sichtweisen, die in den Wortmeldungen der Romanfiguren zum Ausdruck kommen, verabsolutiert wird. Was alle Erzähler aber verbindet, ist ein gewisser Hang zur Lakonie und zur wurschtigen Relativierung der eigenen Aussage: „Trudy ist hässlich wie eine Kreissäge. Dafür kann sie jedoch nichts. Außerdem tut es nichts zur Sache.“ (Ludwig) „Man kann davon halten, was man will.“ (Dr. Risch) „Doch das nur nebenbei.“ (Gerda W. Klein) „Denn wie Paulus im zweiten Korintherbrief schreibt: Gott tröstet uns in all unserer Bedrängnis, sodass auch wir andere zu trösten vermögen. Oder so ähnlich.“ (Pfarrer Künzli) Gleichzeitig wird das Geheimnis um Mariss G. nie vollständig gelüftet, obwohl dieser sich durchaus äußert (Edith hält ihn für einen „Dampfplauderer“), oft in ruppigem Ton, und es mehr mit „Mariss“ überschriebene und von diesem erzählte Kapitel gibt als andere. Dass die Geschichte dieser einen Figur erzählt wird, und zwar recht stringent, gerät nie aus dem Fokus. 

Liechtenstein als Bühne für echte Literatur

G.s hassgeliebtes Liechtenstein nimmt deutlich und plastisch Gestalt an, nicht als zufällige Lokalkolorit-Folie für irgendeine Geschichte und sicher auch nicht, weil Dittmar keinen anderen Ort imaginieren könnte und Gefangener seiner eigenen Umgebung wäre. „Baby Palazoles“ gehört nicht in die Liechtensteinensia-Ecke. Vielmehr wird das kleine Land, von dem im Ausland oft wenig mehr als Klischees bekannt sind, als Bühne für echte Literatur genutzt, wo die Figur des kompromisslos Suchenden, des dionysischen Revoluzzers aus der Provinz sehr real und plausibel verortet wird. Dem Kenner des Fürstentums wird die nicht immer schmeichelhafte Schilderung von Orten und v. a. Personen in der Geschichte ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Richtig: Der „Zauberfuzzi“ kommt auch vor. Dittmar hatte beim Schreiben sichtlich seinen Spaß. Und es wird munter ausgeteilt: über missglückte heilpädagogische und Integrationsversuche, über die Neigung zum Selbstmitleid seitens gewisser Bevölkerungsgruppen, über die eine oder andere Person des Liechtensteiner öffentlichen Lebens sowieso. Jens Dittmar wäre auch nicht Jens Dittmar, wenn er nicht den einen oder anderen literarischen Querverweis in seinen Roman eingebaut hätte. Ein Kapitel wird von Darrell Standing erzählt, jenem lebenslang einsitzenden Mörder in Jack Londons „The Star Rover“, der es versteht, in Trance seinen Körper und seine Gefängniszelle nach Belieben zu verlassen. Bei Dittmar begegnet Standing auf einem seiner surrealen Ausflüge dem in knappes Leder und eine Einhornhaube gekleideten Mariss G., als Zugtier vor eine Kutsche gespannt. Es ist dieser Baby Palazoles, von Illustrator Felix Scheinberger mit nervösen Strichen gezeichnet, der auch den Umschlag ziert.

Jens Dittmar, Baby Palazoles – Ein Reigen, Ill. v. Felix Scheinberger, Bucher Verlag, Hohenems 2019, gebunden, 192 S., ISBN 78-3-99018-507-0, € 18,50

Lesesalon mit Stefan Sprenger und Jens Dittmar, 14.9., 15.30 Uhr, Hotel Gasthaus Krone Hittisau

 

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