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01.12.2016 |  Willibald Feinig

Hat Klawa auch Kirschen bekommen? - Albert Summers mikrohistorische Studie über das NS-Musterdorf Fraxern

Im Jahr 1934 ist das Dorf am Sonnenhang der Hohen Kugel abgebrannt, 34 Häuser, darunter zwei Gastwirtschaften, Sennerei, Sägerei, Schule und Pfarrhaus. Die Fraxner Feuerwehr konnte die Katastrophe nicht verhindern, es gab keine Motorspritze und keinen Wagen um sie zu transportieren.

1945 war beides vorhanden in der Vorderländer Gemeinde (wenn auch im Ernstfall Benzin gefehlt hätte). Außerdem eine große Materialseilbahn, über die Ruine Alt-Montfort nach Weiler führend, und eine andere, die den vorher nicht nutzbaren Gemeindewald erschloss, vier neue, noch unverputzte Wohn- und Stallgebäude. Es gab neu zwei Traktoren („Schlepper“ im nationalsozialistischen Jargon, davon einer mit Holzgas betrieben), kilometerlange Gülleleitungen auf den Gemeindealpen, eine Kiesgrube, zehn Elektromotoren und andere landwirtschaftliche Maschinen. Und die fertige, neu trassierte Straße Richtung Hohe Kugel.

„Aufbau“-Gemeinde

Josef Summer war „Amtswalter“ und dann Bürgermeister des 400-Seelen Ortes geworden, in dem jeder Bauer mindestens einem Nebenerwerb nachging. Er war der Partei beigetreten – wie sogar der Lehrer, Josef Bitsche, später Herausgeber der Lesebücher für Vorarlbergs Volksschulen, der wegen politischer Unzuverlässigkeit aus dem Bregenzerwald nach Fraxern zwangsversetzt worden war (Summers Vorgänger aus der verhöhnten „System“-Zeit wurde mangels Personal gar Kassier der lokalen NS-Organisation). Insgesamt waren 49 Fraxner „Pg“ (Parteigenossen). Vor (damals noch Landeshauptmann und) Kreisleiter Toni Plankensteiner legte der Pomologe im März 1939 den Amtseid auf den Führer ab – „so wahr mir Gott helfe“ - und baute mit Charme, d.h. nicht zuletzt mittels Fraxner Kirschen, Beziehungen zu Kreisbauernschaft (in Bregenz), Landrat (in Feldkirch), Partei (in Dornbirn) und zu „Reichsstatthalter“ Franz Hofer und seinem Büro (in Innsbruck) auf. Als ein Unwetter den Hauptgüterweg wegschwemmt, verankert er sein Dorf im „Gemeinschaftsaufbau“-Programm der Nationalsozialisten, das etwa hundert (meist alpine) Gemeinden zu Mustern der Produktivitätssteigerung und Modernisierung machen sollte; auch Silbertal-Bartholomäberg und Damüls sind „Aufbau“gemeinden der ersten Stunde, später kommen Übersaxen, Schwarzenberg, Sibratsgfäll, Laterns, Fontanella und Sonntag dazu. Eine „Aufbaugenossenschaft“ mit 80 zahlenden und versicherten Mitgliedern wird gegründet. Mitten im Krieg, während der Briefträger Einberufungsbefehle und Vermisstenmeldungen zustellt und die mehrgleisige NS-Hierarchie durch Denunziation, Bürokratie und „Bewirtschaftung“ in alle Lebensbereiche eindringt, administriert Summer, zugleich „Aufbau“-Obmann, so etwas wie einen Bau-Boom in seinem Musterdorf. Das Projekt war noch nicht abgeschlossen, als Krieg und Hitlerei zu Ende gingen. Erst 1946 wurde die erfolgreiche Genossenschaft abgewickelt – das dürfte der Hauptgrund sein, warum in Fraxern das Gemeindearchiv aus den dunkelsten Jahren des 20. Jahrhunderts erhalten geblieben ist. Albert Summer, Lehrer – auch für Zeitgeschichte und politische Bildung – und Musiker, aus Fraxern gebürtig, hat dessen Bestand in jahrzehntelanger Arbeit gesichtet, kommentiert und in Buchform publiziert unter dem Titel „Musterdorf Fraxern“. 636 Seiten mutiger Mikrogeschichte - ich kenne Ortschaften in der zeitweiligen „Ostmark“, wo man dem Autor einer solchen Studie, wenn sie noch möglich wäre, das Leben schwer machen würde.

Bürgermeister Summer im Zentrum

Um es vorwegzunehmen – der umfangreiche Band über „Gemeinschaftsaufbau im Bergland“, herausgegeben von der Rheticus-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Gemeinde und ermöglicht dank der Archivierung durch die ‚Arbeitsinitiative des Bezirks Feldkirch’, enthält nicht Geschichtsschreibung im gewohnten Sinn. Summer hat keine Interviews mit Zeitzeugen geführt – im Gegenteil, wo Dokumente lebende Personen betreffen, sind sie anonymisiert. Er verfolgt Wege nicht weiter, die sich in Fraxern gekreuzt haben, und schärft Profile und Charaktere nicht nach, die die Akten im Halbdunkel lassen. Mit einer Ausnahme – der des geistig behinderten Fraxners, der aus der Valduna zur Tötung nach Hartheim gebracht wurde. Wenn Literatur herangezogen wird, dann um Lokales verständlicher zu machen. Summer stellt im Prinzip dar, was im Archiv seines Heimatdorfs über die Nazizeit aufscheint. Das Kirchenaustrittsformular zum Beispiel, mit NS-Definition des „Begriffs Gott, nicht aber, ob es jemand benützt hat und wer. Der pfarrliche Alltag unter einem (laut NS-Kartei, jetzt Diözesanarchiv) „gleichgiltigen“ älteren Pfarrer wird so zum blinden Fleck.

Die Amtlichkeit der Quelle führt dazu, dass Bürgermeister Josef Summer (1904 – 1986) ins Zentrum der Darstellung rückt. Ähnlich wie andere NS-‚Vorsteher’ in manchen Nachbargemeinden war er ein pragmatischer Mann, der Konflikte nicht scheute, wenn sie im Interesse der Fraxner notwendig waren. Nicht mit dem eigenen Ortsgruppenleiter, nicht mit dem Bezirksjägermeister - nach der verordneten Aufhebung der kommunalen Eigenjagd, die dieser „der Willkür einiger reicher Sportsfreunde ausgeliefert“ habe. Manches, was sich in dem Bergdorf abspielt, könnte in einem (Thomas-)Bernhard-Roman stehen.

Wodurch hat der Bürgermeister unter „Reichsstatthalter Hofer relativen Wohlstand für sein Dorf erreicht? Einmal durch Flexibilität. Als der Treibstoffmangel offenkundig wird, forciert er den Bau der Seilbahn statt auf „Schleppern“ zu beharren. Der vorgeschriebene Kindergarten? - Sinnlos, vor allem im Winter! Ein Mehrzweckgebäude wird immer wieder zurückgestellt, statt seiner entstehen vier „neue Häuser“ für Bewohner baufälliger oder wegen des Straßenbaus abzubrechender Höfe – und das noch 1945. 

Musterdorf dank systematischer Zwangsarbeit

Stoisch füllt Josef Summer Fragebögen und Statistiken aus, ohne sich bei den Landräten und Kreisleitern anzubiedern (die der Reihe nach in Ungnade fallen) oder mit seiner Meinung über die Bürokratisierung hinter dem Berg zu halten (in einem Deutsch, das an Elfriede Jelinek gemahnt); zu Ingenieuren und Fachleuten baut er Beziehungen auf, die auch nach dem Krieg halten werden. In der NS-Zeit gab es Güter des Alltagsbedarfs nur gegen Bezugsscheine, auch Leder z.B. war „bewirtschaftet“, wer ein Paar Schuhe wollte, musste es beantragen und genehmigen lassen. Ein Gutteil der Akten besteht aus Anträgen und Interventionen des Chefs der Aufbaugemeinde: Es sei ein Widersinn, den Kriegsgefangenen und später den Zwangsarbeitern, die an der Morgengabe-Straße bauten, im Winter Holzknospen mit Stoffoberteil auszufolgen! Wegen Unwirtschaftlichkeit urgiere er, nicht aus „Gefühlsduselei“ (das entsprechende Modewort heißt heute ‚Gutmenschentum’). Summer hat Verdunkelung und Kartoffelkäfersuchdienst zu organisieren, vor allem aber erreicht der Kriegsbürgermeister, der ein „Aufbau“-Budget zwischen 315.000 (1941) und 447.000 (1943) Reichsmark zu verwalten hat (eine Kuh kostet damals um 870 RM, eine Zimmermiete etwa 20 RM pro Monat, der Lagerführer verdient 200 RM) von 1941 auf 1943 eine Verdreifachung der Milch- und Käseproduktion (und –ablieferung). Und das ohne die eingerückten Männer.

Deren Arbeit taten 140 serbische Kriegsgefangene (bald in gutem Einvernehmen mit der Bevölkerung, sodass sie abgezogen wurden) und an die hundert „ausländische Zivilarbeiter“ oder „Ostarbeiter“, viele halbe Kinder, zwangsverpflichtet in Polen und vor allem in der Ukraine, unter ihnen sechs junge Frauen aus dem heutigen Dnipro (Dnepropetrowsk). Hofer besichtigte das neue Lager oberhalb des Dorfes im Sommer 1941. Es war für 200 Insassen ausgelegt, die zeitweise vom Gemeinschaftsaufbau abgezogen und um 2 bis 3 RM pro Tag von Firmen und Bauern „entliehen“ wurden. Der Reingewinn aus den von ihnen geleisteten Tagschichten betrug bis Ende 1941 37.600 RM; 1942 76.200 RM, 1943 18.100 RM, 1944 21.800 RM und noch 1945 (bis September) 7500 RM. Zwölf Westukrainer, sommersüber auf der Staffelalpe eingesetzt, taten sich zusammen und schrieben 1943 in ihrer Verzweiflung auf Ukrainisch an das Arbeitsamt – Verpflegung und Kleidung seien unmenschlich, schlechter als die der Kriegsgefangenen im Lager, dabei seien sie „freiwillig Grossgermanien zu Hilfe gekommen“. Ohne systematische Zwangsarbeit kein Musterdorf: Wo es Erfolge des Nationalsozialismus gab, beruhen sie wie selbstverständlich - im Großen wie im Kleinen, wo ihnen Albert Summer nachspürt - auf Ausbeutung, ja Versklavung von Menschen.

Das Lager am Fraxner Hang 

Je mehr das Kriegs- und Regime-Ende in den Akten des Gemeindearchivs herannaht, desto unheimlicher wird einem das Lager am Fraxner Hang, von dem nach Kriegsende alle Spuren beseitigt wurden. Hier wohnten zeitweise nebeneinander serbische Unteroffiziere und Familienväter, Minderjährige, zwangsverpflichtet in  der West- und Ostukraine, vor der Roten Armee geflohenes Großbürgertum, Kollaborateure und Nazifamilien – z.B. aus „Litzmannstadt“ (also Łódź, der Stadt mit einem der größten und mörderischsten Judenghettos), ein SS-Mann mit Anhang (den der Bürgermeister in die Schranken wies) und Ausgebombte z.B. aus Wien (aus Bonn flüchtete der verfemte, weil katholische Dichter Hans Eschelbach nach Fraxern; er schrieb hier einen Michelangelo-Roman).

Hier, in der Küche, arbeitete Klawa Tschepak, Jahrgang 1926, die Ende Juni 1944 (nicht im Krankenhaus Dornbirn sondern) in einer für ihresgleichen vorgesehenen Baracke in Hohenems ein Kind zur Welt brachte. Dessen Vater, ihr Freund, könnte Petro Beloschitzky sein, auch er Ukrainer, der einzige Schuster und daher unabkömmlich im Lager, 14 Jahre älter als Klawa – jedenfalls nützt er jede Gelegenheit, um die junge Mutter in Hohenems zu besuchen und wird auch dafür bestraft. Im Musterdorf gibt es keine weiteren Spuren von den Dreien. 1950 wählt die Gemeinde Josef Summer wieder zum Bürgermeister, wegen seines ‚Macherimages’, so Albert Summer. Wäre nicht eine Fahrt in die ukrainische Heimat von Frau Klawa ein guter Abschluss seiner Aufarbeitung der NS-Zeit, via Slowakei oder Polen, und zurück über den Südbanat, wo die Soldaten und Schwerarbeiter herstammen, denen in arger Zeit die Kirschbäume von Fraxern blühten?

Albert Summer, Musterdorf Fraxern. Gemeinschaftsaufbau im Bergland in der Aufbaugemeinde Fraxern. Feldkirch (Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft 70) 2016, ill., geb., 636 Seiten

 

 

 

 

Fraxern - vorne rechts das Dach des Gefangenenlagers

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Sechs Ostarbeiterinnen aus der Ukraine:  Wo es Erfolge des Nationalsozialismus gab, beruhen sie wie selbstverständlich auf Ausbeutung, ja Versklavung von Menschen.

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Auch 140 serbische Kriegsgefangene verrichteten in Fraxern die Arbeit der eingerückten Männer

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