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05.05.2022 |  Annette Raschner

„Hier endet die Fremde“ – eine Werkausgabe von Kundeyt Şurdum ist im Sonderzahl Verlag erschienen

Hunderte Gedichte waren es, die Michael Köhlmeier vor 35 Jahren las, um gemeinsam mit dem Dichter Kundeyt Şurdum jene Texte auszuwählen, die in dessen erstem Gedichtband „Unter einem geliehenen Himmel“ Eingang finden sollten. Damals, so formulierte es Köhlmeier im Rückblick, hätte er am liebsten alle genommen. Und: „Jedes dieser Gedichte hätte ich selbst gern geschrieben."

Seit Langem sind die drei zu Lebzeiten des vor sechs Jahren verstorbenen Autors publizierten Gedichtbände „Unter einem geliehenen Himmel“, „Landlos. Türken in Vorarlberg“ (mit Fotografien von Nikolaus Walter) und „Kein Tag geht spurlos vorbei“ vergriffen.  Aber jetzt ist unter dem Titel „Hier endet die Fremde“ im Sonderzahl Verlag eine von Claudio Bechter herausgegebene Werkausgabe erschienen, die sämtliche Gedichte, Hörspiele, Reden und Prosatexte von Kundeyt Şurdum erstmals gesammelt zugänglich macht.

aufregend ist es das reiten
auf unbekannten ebenen
stolpern auf den fremden steinen
sich freuen nach einem gelungenen sprung
über einen bach
in meiner deutschen sprache

1971 ist Kundeyt Şurdum in Folge des Militärputsches als politischer Flüchtling nach Vorarlberg gekommen. Damals, am Höhepunkt der Zuwanderung, lebten rund 24.000 türkische und jugoslawische Arbeitnehmer:innen in Vorarlberg. Kundeyt Şurdum unterstützte sie als Dolmetscher, er unterrichtete türkischsprachige Kinder in ihrer Muttersprache und las türkische Nachrichten bei Radio Vorarlberg. Sein wichtigstes Sprachrohr aber war stets die Lyrik, die er in deutscher Sprache abfasste. Das Deutsche wurde früh zu seiner Bildungssprache, nachdem ihn sein Vater in Istanbul an einem österreichischen Auslandsgymnasium, dem St. Georg College, eingeschrieben hatte.
Zwei Jahre lang ist sein Nachlass in einem interdisziplinären Forschungsprojekt am vorarlberg museum von den Projektverantwortlichen Fatih Özçelik und Christina Jacoby aufgearbeitet worden. Er befindet sich im Besitz des Franz-Michael-Felder-Archivs der Vorarlberger Landesbibliothek. Eine entsprechende Vereinbarung wurde am 2. September 2021 von Kundeyt Şurdums Witwe Ayse und seinem Sohn Abrek Şurdum unterzeichnet.

Wieviel Sommer habe ich gesehen
wieviel Sommer hast du gesehen
sind sie schöner gewesen
wenn du sie mit meiner Liebe vergleichst
meine Sommer sind vergangen
meine Liebe die währt weiter

Im Sommer 2020 machte sich Claudio Bechter nach Abschluss seines Studiums der Germanistik und der Europäischen Ethnologie im Auftrag des vorarlberg museums und des Felder-Archivs an die Arbeit. Die erste Frage musste lauten: Was soll zunächst einmal in der Werkausgabe publiziert werden? „Natürlich haben wir uns gefragt, ob wir auch bisher Unveröffentlichtes hineinnehmen. Aber das hätte auch den vorgesehenen zeitlichen Rahmen gesprengt. Und es sollte schließlich keine Gesamtausgabe und auch keine historisch kritische Ausgabe werden, sondern eben eine Werkausgabe. Also eine Studienausgabe, die sich an ein breites Publikum richtet. Unser oberstes Ziel war es, dass Kundeyt Şurdums Werk wieder zugänglich gemacht wird und gelesen werden kann.“
In weiterer Folge mussten zahlreiche Detailfragen formaler Art geklärt werden: Wie soll das Gedicht aussehen? Wo setze ich die Zeilensprünge? Wie gehe ich in orthografischer Hinsicht vor? „Ich wollte natürlich so wenig wie möglich in das Werk eingreifen.“ Claudio Bechter hat alle seine Entscheidungen in der editorischen Notiz im Anhang offengelegt. Darüber hinaus sind Kommentare zu jedem einzelnen Gedicht nachzulesen. Und es finden sich auch kritische Vergleiche, etwa, wenn ein Gedicht zunächst in einem Hörspiel vorkam, bevor es in veränderter Form in einen Lyrikband Eingang fand. Eine besondere Herausforderung stellte für den Herausgeber dar, die drei vom ORF Landesstudio produzierten Hörspiele für die Werkausgabe zu transkribieren. Zusätzlich findet sich in der Werkausgabe Kundeyt Şurdums Prosatext „Siehst du, mein Kind, wie sehr das Marmarameer dem Bodensee gleicht?“ sowie seine Rede anlässlich der Verleihung des Johann-Peter-Hebel-Preises 1996.

Für das Literaturbild Vorarlbergs prägend

Kundeyt Şurdum war in der heimischen Literaturszene hochgeschätzt. Aber er war kein Mann der Öffentlichkeit und hat den Literaturbetrieb eher gemieden als gesucht. „Was in den Schubladen seines Schreibtisches liegt, kann man nur ahnen“, sagte einst der ehemalige Vorstand des Instituts für Germanistik an der Universität Innsbruck und Förderer Şurdums, Sigurd Paul Scheichl. Heute haben wir zumindest eine Ahnung, schreibt Claudio Bechter in seinem Nachwort und fügt hinzu: „Sein Nachlass mag zugegebenermaßen klein sein, groß jedoch ist seine Hinterlassenschaft; gibt uns die bisherige Forschungsarbeit doch zu erkennen, dass Şurdum mit seiner progressiven, grenzüberschreitenden Haltung nicht nur dem defizitären kulturellen Austausch versuchte entgegenzuwirken; als eine der frühesten Stimmen der interkulturellen deutsch-türkischen Literatur schrieb er sich vor allem nachhaltig in das Literaturbild Vorarlbergs ein.“

Im ersten Jahr Gastarbeiter, im zweiten
Jahr Gastarbeiter,
im dritten Jahr Gastarbeiter,
mit schwarzem Schnurrbart,
Gastarbeiter,
mit gebücktem Rücken,
Gastarbeiter

Claudio Bechter hofft, dass die Menschen durch die Lektüre des Werks von Kundeyt Şurdum sensibilisiert werden. Vor allem auch im Umgang mit Fremden.
Und wie sieht er im Rückblick die Arbeit an dieser, seiner ersten Werkausgabe? „Es war sehr arbeitsintensiv, denn natürlich sind Probleme und Herausforderungen aufgetaucht, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber es hat überwiegend Freude bereitet. Vor allem, sich mit ihm auseinanderzusetzen und etwas für die Community tun zu können. Wir waren auch im engen Austausch mit dem Sonderzahl Verlag, was die Buchgestaltung anbelangt. Ich glaube, das Ergebnis kann sich sehen lassen!“

Kundeyt Şurdum: Hier endet die Fremde. Werkausgabe, hg. v . Claudio Bechter, Sonderzahl, Wien 2022, 360 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-85449-593-2, € 32

Kundeyt Şurdum war in der heimischen Literaturszene hochgeschätzt. (© Nikolaus Walter)

Kundeyt Şurdum war in der heimischen Literaturszene hochgeschätzt. (© Nikolaus Walter)

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