Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

09.10.2022 |  Annette Raschner

Der neue Roman „Morden und Lügen" von André Pilz – Jenseits von Gut und Böse

Der Vorarlberger Schriftsteller André Pilz ist so etwas wie ein Garant für literarische Spannung, der ehrlich, häufig heftig und stets ohne Tabus seine Geschichten erzählt. Zuletzt hatte Pilz vor sechs Jahren mit „Der anatolische Panther“ einen temporeichen, dialogstarken Kriminalroman rund um einen jungen türkischen Underdog in Schwierigkeiten vorgelegt, nun ist mit „Morden und lügen“ bei Suhrkamp ein Thriller des Schriftstellers erschienen, dessen brisanter Inhalt es wieder in sich hat.

Im Jahr 2000 wird die Studentin Angelika Reitmann vor ihrem Studentenwohnheim in einer österreichischen Universitätsstadt mit einem einzigen Messerstich ins Herz ermordet. Der Täter wird nie gefunden. Ein halbes Jahr später ereignet sich in derselben Stadt in einer Wohnung am Ostring ein weiterer Mord, der – im Gegensatz zum anderen – den Medien kaum eine Schlagzeile wert ist: Zwei afrikanische Studenten sind bei einem angeblichen Einbruchsversuch von einer Polizistin erschossen worden. Zwischen beiden Taten scheint es keine Verbindung zu geben, was sich aber als falsch herausstellt.
Die Geschichte ist frei erfunden, betont André Pilz. Allerdings hat er für diesen fiktiven Roman lange recherchiert und viel gelesen. Etwa über den Fall Bakary J.; der Afrikaner war 2006 von österreichischen Beamten der Sondereinheit Wega auf grausamste Art und Weise gefoltert worden, weil er sich gegen seine Abschiebung gewehrt hatte. Einer dieser Folterpolizisten wurde vor vier Jahren vom damaligen Innenminister Herbert Kickl ins Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorbekämpfung befördert. „In manchen Krimis vermisse ich eine gewisse Differenziertheit“, sagt Pilz. „Die Ermittler sind häufig schräge, aber fast immer sehr positive Charaktere. In diesem Buch geht es nun um Polizisten, die schlimme Dinge machen. Und nachdem ich so vieles gelesen habe, muss ich sagen: Es ist leider durchaus vorstellbar, dass sie passieren oder passieren könnten.“
Auch der Icherzähler ist eine zwielichtige Figur: „Ich bekam in letzter Zeit nichts mehr auf die Reihe. Kein verkaufbares Skript, nicht einmal ein Treatment, mit dem ich wieder mal etwas Geld beim Film verdienen hätte können, kein Theaterstück, keine Lesungen, nichts.“

Himmel und Hölle

Jan Halder, der Icherzähler des Romans, ist ein Schriftsteller in der Krise. Mit seiner Freundin Delma zieht er in ein altes Haus, um neu durchzustarten. Doch die Geister der Vergangenheit holen ihn ein. Ein Himmel-und-Hölle-Spiel bringt die Mutter von Angelika R., die 16 Jahre zuvor mit einem einzigen Messerstich ins Herz getötet worden war, auf seine Fährte. Jan und Geli, so der Name des Mordopfers, wohnten damals beide im gleichen Studentenwohnheim und waren sich sehr nahe. Viel näher, als Jan zugeben möchte, was unter anderem das Himmel-und-Hölle-Spiel zutage fördert. „Im Höllenfeuer schmorten ein Typ mit Bomberjacke und einer Mütze mit Adleremblem sowie ein Lockenkopf mit Brille und Bartstoppeln.“

Janusköpfiger Protagonist

Der Typ mit der Bomberjacke und der Mütze mit Adleremblem ist Jan. Eine liebenswerte und zugleich ambivalente Figur, denn Jan hat ein ganz großes Problem. Er kann seinem eigenen Erinnerungsvermögen, die Mordnacht betreffend, nicht trauen. „Könnte ich es gewesen sein? Könnte ich es getan haben in einem Moment des Wahnsinns im Alkrausch, aber mich schlicht und einfach nicht mehr erinnern?“
Für Elisabeth Reitmann ist Jan hochverdächtig. Sie bittet ihn, in die Stadt zu fahren und mit dem damaligen, mittlerweile pensionierten Chefermittler zu sprechen. Jan verwehrt zunächst und willigt schließlich ein. Auf der Zugfahrt macht er dann die Zufallsbekanntschaft mit der eigentlichen Heldin des Romans: Haddah.

Bloggerin Haddah

André Pilz lässt sich diesmal recht viel Zeit, um das Tempo seiner Geschichte voranzutreiben. Haddah ist eine unerschrockene Muslimin, die im Netz Berühmtheit erlangt hat und alles auf eine Karte setzt, um Licht ins Dunkel des Falles Owusu und Kwabena zu bringen, die von einer Drogenfahnderin erschossen worden waren. Aus Notwehr, meint diese, aber Haddah sagt: „Es war Mord!“ Sie bittet Jan um Mithilfe.
„Drei Seiten online auf der Ungelöste-Kriminalfälle-Plattform. Drei! Eine hübsche, einheimische Studentin wie Angelika Reitmann? Hundertzwanzigtausend Seiten.“
Haddah, eine der vielen, von Pilz so lebendig gezeichneten Figuren, lässt sich weder von den Drohgebärden der Beamten einschüchtern noch beirren und nimmt, gemeinsam mit Jan, die Herausforderung an, den üblen Machenschaften auf den Grund zu kommen.

Sexorgien im Oliver-Kahn-Heim

Die Fäden und Verbindungslinien laufen langsam zusammen, und schließlich ist auch noch von Sexorgien in einem weiteren Studentenheim die Rede, für die überwiegend schwarze Frauen von einem gewissen „Dottore“ angeheuert wurden. Die Hauptakteure im üblen Spiel von damals: Drogenfahnder, die eigentlich die Gegend hätten kontrollieren sollen. Warum das nicht untersucht worden sei, fragt Jan Haddah. „Weil manche Menschenleben nichts wert sind und weil es sich ja gut lebt mit seinen Privilegien, wer gibt schon gerne was von seiner Macht und seinem Geld ab?“
Ohnmacht und Wut angesichts schreiender Ungerechtigkeiten: Sie sind wichtige Antriebsfedern für den Schriftsteller André Pilz, der sich auch in sozialen Medien nicht davor scheut, Farbe zu bekennen und Haltung zu zeigen. Mittlerweile sind siebzehn Jahre seit der Publikation seines Erstlings vergangen, der viel diskutiert und schließlich auch dramatisiert wurde: „No llores, mi querida – Weine nicht, mein Schatz“; ein Buch über den Skinhead Rico Steinmann. André Pilz sagt dazu: „Ich habe im Frühjahr in Bregenz zum ersten Mal seit langem wieder Passagen daraus gelesen. Da habe ich mir gedacht, dass es einfach Bücher gibt, die nicht besonders gut altern. Es sind Passagen drin, die ich so sicher nicht mehr schreiben würde, weil sie falsch interpretiert werden könnten.“
Mittlerweile tüftelt André Pilz sehr lange an seinen Büchern, das war auch im Falle von „Morden und lügen“ nichts anders. „Mindestens eine Rohfassung schmeiße ich immer weg. Ich brauche mehrere Anläufe. Dafür bin ich dann meistens aber mit dem Endprodukt sehr zufrieden. Das war auch diesmal der Fall.“

André Pilz: Morden und lügen. Suhrkamp, Berlin 2022, 304 Seiten, Klappenbroschur, ISBN: 978-3-518-47285-9, Euro 16

Lesung / Mod. Katharina Leissing
27.9., 19.30 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz
www.theaterkosmos.at

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Bild 1 cover.jpg