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03.09.2022 |  Anita Grüneis

Literaturhaus Liechtenstein: Das «Augenmerk» des allgegenwärtigen Wissenschaftlers Hans-Jörg Rheinberger  

«Seit seinem Studium zeichnet sich Hans-Jörg Rheinberger durch intellektuelle Neugierde und Offenheit aus, liebt Schnittstellen und Grenzübergänge und wartet mit einem unvoreingenommenen, freien Blick auf Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft auf: So hängte er beispielweise an ein Studium der Philosophie und Linguistik in Tübingen und Berlin ein zweites Studium der Biologie und Chemie an», meinte die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Margrit Vogt, die neu im Liechtensteiner Literaturhaus in der Programmgestaltung mitarbeitet. Sie moderierte die Eröffnung der Herbstsaison mit der ersten Lesung von Hans-Jörg Rheinberger, dem renommierten Wissenschaftler und Literaten, der sein neuestes Buch «Augenmerk» vorstellte.  

Autobiografische Reminiszenzen

Hans-Jörg Rheinberger selbst nannte seine Gedichte «in Worte gefasste Alltäglichkeiten, Reminiszenzen, botanische Miniaturen, Reflexionen». Das Buch enthält Werke aus den letzten fünf Jahren, die Mikro-Geschichten bilden auf eine gewisse Art seine «poetischen Memoiren». Jede einzelne konstatiert einen Sachverhalt, mit dem er irgendwann einmal konfrontiert wurde. Das konnten Szenen im Berliner Umfeld sein, so heißt es im Gedicht «Cour Carrée» über eine alte Berliner Urkneipe:

«Zwischen der Dicken Wirtin
und dem Zwiebelfisch
lag das Cour Carrée
mit seinem Wintergarten. [...]
war hier nicht Robert Walsers Stammlokal?»

Ein andermal fielen ihm in Amsterdam die «Kopffüßer» ein, jene zoologische Eigenart, die nur aus Beinen und einem kopfartigen Gebilde bestehen. Dazu schreibt Hans-Jörg Rheinberger:

«Sein Gehäuse windet sich aus
zu einer Spirale.
Sie weitet sich
in logarithmischen Proportionen
nach der Art des Gnomons
im goldenen Schnitt
der Restfläche
zwischen zwei selbstähnlichen
geometrischen Figuren.»

Von seiner Reise nach Holland hat er auch Gedichte zu den Blumenbildern von Jan der Brueghel d. Ä. mitgebracht, wie auch zu den Äpfeln, die Paul Cezanne gemalt hat. 

Von Pflanzen und ihrem Eigenleben

Immer wieder kreisen seine Gedichte um Pflanzen. Eine Zeitlang spürte er bestimmten Pflanzenarten „auf Schritt und Tritt“ nach und fotografierte sie, wie er selbst erzählte. Bis er bemerkte, dass man selber nicht richtig «da» sein kann, wenn man fotografiert. Also ließ er es sein und blieb allgegenwärtig. So notierte er zur Clematis:

„An ihr kann man
das Klimmen der Pflanzen/beobachten. [...]
in weiten Bögen
schlingen sie sich
um den Stab
suchen immer wieder
nach Berührung».

Und zu den wuchernden Rhododendron heißt es:

«Noch heute zieren sie
die Parkanlagen
der Herrenhäuser
die Vorplätze
der Hütten und der Ställe.
Und weit hinein
sind sie gewandert
in den lichten Busch.» 

Schreiben fordert kleine Unendlichkeiten

Als Wissenschaftler steht Hans-Jörg Rheinberger mit der Inspiration und mit der Kreativität eher auf Kriegsfuß, für ihn hat Schreiben mehr mit dem Experimentieren zu tun und die Sprache besteht aus Partikeln, die eine eigene Widerstandsfähigkeit haben. Das wird auch im Gedicht über das Schreiben deutlich:

«Schreiben fordert
kleine Unendlichkeiten
die Unabsehbarkeit
eines Horizonts
von Wolkenstrichen.
Wir müssen
nicht immer schon
wissen wollen
was dahinterliegt.
Ohne das Unabsehbare
geht alles verloren.
Das Schreiben ist
wie eine Schwalbe
die sich ins Luftloch
fallen lässt.»

Im Gedicht «Skripturen, die nicht verweisen» schildert er die Geschichte eines Mannes, der vor mehr als dreißig Jahren anfing, ein Zeichen an das andere zu reihen, dabei galt nur eine Regel: keines durfte dem anderen gleichen, dazu heißt es:

«Was es bedeutet
ein asemisches Universum
zu schaffen
und in ihm zu leben
das wissen wir
eigentlich alle.
Aber wir haben gelernt
es zu ignorieren.» 

Aus der Symbiose hervorgegangen

In den Gedichten von Hans-Jörg Rheinberger wird nicht nur der Wissenschaftler, sondern vor allem der Philosoph deutlich. So meinte er an diesem Lese-Abend unter anderem: «Mit dem Zurückblicken ist es so eine Sache. Was wir hinter uns haben, vor uns zu stellen, ist und bliebt eine Farce». Zudem ist er überzeugt, dass das Thema Nicht-Wissen im Wissensgewinnungsvorgang eine unglaubliche Relevanz hat, «denn das totale Vakuum ist nichts anderes als eine Fiktion». Im Gedicht „Symbiose“ ehrte er die Biologin Lynn Margulis, die überzeugt war, dass der Übergang vom Einzeller zum Mehrzeller eine Kooperation war und alle Lebensformen nur im Verbund die Temperatur und die Atmosphäre der Erde stabilisieren können. Dazu schreibt Hans-Jörg Rheinberger:

«[...] Dass jeder von uns
hervorging
aus einer zyklischen Symbiose.
Und dass der
gedämpfte Rhythmus
des organischen Gefüges
dieser Erde
wieder einmal
im Begriff steht
aus den Fugen zu geraten.
Ein Vorgang
auf Leben und Tod.
Nur ist diesmal
das Gift
nicht der Sauerstoff
sondern sein Gegenspieler
das CO2

Da wird seine Poesie nicht nur zum Experiment, sondern auch zum Mahnmal.

Hans-Jörg Rheinberger: "Augenmerk", Books on Demand, April 2022, 144 Seiten, EAN: 9783756259762

Hans-Jörg Rheinberger, 1946 in Grabs geboren, ist ein Liechtensteiner Wissenschaftshistoriker und war von 1997 bis 2014 Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte in der Wissenschaftsgeschichte sind die Geschichte und Epistemologie des Experiments, die Geschichte der Molekularbiologie und der Proteinbiosynthese. Seit 1993 publiziert er Essays und Gedichte in der Edition Isele.

Moderatorin Margrit Vogt und der Wissenschaftler und Poet Hans-Jörg Rheinberger im Literaturhaus Liechtenstein

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