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07.12.2016 |  Markus Barnay

Man aß alte Pferde, Hunde und Katzen: Sabine Sutterlütti studierte die Hungerkrise der Jahre 1816-1818 im Detail

„1816 ist gar [ein] schlechtes Jahr, es hat gar kein Wein geben und Türgen geben, denn es hat den ganzen Sommer bereits alle Tag geregnet und im Herbst früher gefrohren, der Türgen und der Wein ganz erfroren […] so ist eine große Not, das viele Leuthe fast zugrunde gegangen.“ So beschrieb ein Wolfurter Chronist ein Jahr, das in Mitteleuropa als eines der klimatisch schwierigsten Jahre des 19. Jahrhunderts in die Geschichte einging – und das erst rund 100 Jahre später den Beinamen „Jahr ohne Sommer“ bekam.

Als Hauptursache gilt mittlerweile der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815, der so gewaltige Mengen Asche, glühendes Magma, Gesteinstrümmer und Gase in die Luft schießen ließ, dass auf der Insel Sumbawa 90.000 Menschen starben. Die aufsteigenden Schwefelgase blieben über viele Monate in der Stratosphäre und sorgten so ein Jahr später in großen Teilen Europas und Nordamerikas für einen besonders kalten und regnerischen Sommer, wodurch vielerorts ganze Ernten ausfielen. Die nächste Katastrophe folgte im Sommer 1817: Als es endlich wieder wärmer wurde, schmolzen die großen Schneemengen, die sich in den Bergen in den vergangenen zwei Jahren angesammelt hatten, und sorgten für Überschwemmungen und Hochwasser. Das Rheintal war – vor allem auf der Schweizer Seite – streckenweise komplett überschwemmt, und am Bodensee standen Hard, Fußach und Teile von Bregenz weitgehend im Wasser.

Ernteausfälle durch „kleine Eiszeit“ und Vulkanausbruch

Dass die Hungerjahre 1816 und 1817 nicht nur dem Vulkanausbruch in Indonesien  zuzuschreiben sind, ist schon länger bekannt – schließlich gelten die Jahre von 1812 bis 1817 als das kälteste Jahrzehnt der „kleinen Eiszeit“, und so berichten die Chronisten auch schon 1813 und 1814 von sommerlichen Schneefällen, Überschwemmungen und Ernteausfällen. Weniger bekannt war bisher, wie sich diese Situation hierzulande im Detail auswirkte – und welche Maßnahmen in der Not getroffen wurden. 

Hilfloses Habsburgerreich

Die Historikerin Sabine Sutterlütti, die schon mit ihrer Detailstudie über die sozioökonomische Entwicklung von Fußach zwischen 1795 und 1836 gezeigt hat, dass konkrete Maßnahmen von Gemeinde- und Bezirkspolitikern und –beamten mitunter großen Einfluss auf die Entwicklung einer Gemeinde und das Wohlergehen ihrer BürgerInnen haben können, hat in den letzten Jahren Ursachen und Auswirkungen der Hungerkrise untersucht, die 1816/17 beinahe ganz Vorarlberg heimgesucht hat. Neben Chroniken über die Klima- und Wetterentwicklung stützt sie sich auf Berichte über Armenversorgung, Hilfsleistungen und milde Sammlungen für Notleidende – und auf die Berichte und die Korrespondenz des damaligen Kreishauptmanns Daubrawa. Ihr Fazit: Es waren nicht nur die ausgefallenen Ernten und die Überschwemmungen, die viele Familien in ärgste Not geraten ließen, sondern auch die Unfähigkeit des Staates, Hilfe zu leisten. Nach dem Staatsbankrott von 1811 hatte die österreichische Verwaltung keine Mittel zur Verfügung, um zu helfen: „Katastrophenhilfe, Notstandsunterstützung und Sozialhilfe existierten nicht als Budgetposten im Staatshaushalt.“ So war denn die Freude über die 1814 erfolgte Rückkehr Vorarlbergs (mit Ausnahme der allgäuischen Gerichte) von der bayerischen in die österreichische Obhut schon bald getrübt: „Aus Enttäuschung über die schlechte Zahlungsmoral der österreichischen Verwaltung wünschte sich so mancher die bayerische Regierung zurück.“ 

Abschiebungen von „fremden Bettlern“

Vor allem galt es aber, die ärgsten Auswirkungen der Hungerkrise zu bekämpfen: In Feldkirch beispielsweise wurden in sechs Wochen 37.000 Portionen Suppe an Bedürftige aus der Stadt und den umgebenden Gemeinden verteilt – also fast 900 Portionen pro Tag. Da die Armenversorgung Gemeindesache war, achteten diese darauf, dass keine „fremden Bettler“ um Almosen baten – und schoben sie kurzerhand ab. Dem standen Spendenaktionen gegenüber, an denen sich diejenigen beteiligten, die über das Lebensnotwendige hinaus noch etwas besaßen – und das waren nicht viele. 

Förderung des Ackerbaus

Die Krise der Jahre 1816/17 hatte einige Konsequenzen: In Vorarlberg wurde der Ackerbau gefördert, war doch eine der Ursachen für Teuerung und Not die geringe Eigenversorgung mit Getreide gewesen, das im Ausland teuer zugekauft (oder überhaupt illegal über die grüne Grenze importiert) werden musste. Und österreichweit wurde der so genannte „Ehekonsens“ eingeführt, der nur denjenigen erlaubte, zu heiraten, von denen die Gemeinde annahm, dass sie ihr nicht zur Last fallen würden. 

 

Sabine Sutterlütti, „Jammer, Elend und Noth!!“ - Vorarlberg 1814 bis 1818, Institut für sozialwissenschaftliche Regionalforschung, Veröffentlichungen 14, 230 Seiten, ISBN: 978-3-89783-848-2, Roderer Verlag, 2016

 

Mi, 14.12., 19 Uhr “Jammer, Elend und Noth” - Vortrag von Sabine Sutterlütti Montafoner Heimatmuseum Schruns

Fr, 16.12., 17 Uhr: Hunger, Not und Katastrophen – Vorarlberg im “Jahr ohne Sommer” 1816. Sabine Sutterlüti als Gast bei „Freitags um 5“, dem Dialog über Geschichte im vorarlberg museum
vorarlberg museum Bregenz

Sabine Sutterlüti

Sabine Sutterlüti

Rheintal-Karte von Joh. Feer mit den Überschwemmungen vom Sommer 1817 (Staatsarchiv St. Gallen)

Rheintal-Karte von Joh. Feer mit den Überschwemmungen vom Sommer 1817 (Staatsarchiv St. Gallen)

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  • Sabine Sutterlüti Sabine Sutterlüti
  • Rheintal-Karte von Joh. Feer mit den Überschwemmungen vom Sommer 1817 (Staatsarchiv St. Gallen) Rheintal-Karte von Joh. Feer mit den Überschwemmungen vom Sommer 1817 (Staatsarchiv St. Gallen)