Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

14.11.2022 |  Kurt Greussing

„Mi subers Ländle", herausgegeben von Kathrin Stainer-Hämmerle

Die Vorarlberger Meinungsmacher hatten es fast geschafft: Wenn in anderen Bundesländern und erst recht im Lande selbst von Vorarlberg die Rede war, dann dominierten positive Zuschreibungen. Die Verwaltung sei sparsam, die Justiz unbestechlich, die Kirchenmänner tugendhaft, die Unternehmerschaft fleißig und weltoffen. Dieses Selbst- und Fremdbild hat in jüngerer Zeit deutliche Risse bekommen. In unmittelbarer Erinnerung sind die Testamentsaffäre, die Wirtschaftsbundkalamitäten oder das dünne 126.000-Euro-Schlachthofkonzept des Landes.

Die Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle hat gemeinsam mit 13 Autorinnen und Autoren die Rückseite dieses beschönigenden Bildes in Augenschein genommen. Sie lässt die Zeit ab dem Ende der 1930er Jahre bis heute unter der Perspektive von Skandalen, politischen Machenschaften und anderen Affären Revue passieren. Im Folgenden eine Auswahl.

Vermögen und Karrieren

Der Historiker Harald Walser greift in zwei Beiträgen zur NS-Zeit und danach die Laufbahnen verbrecherischer Akteure und wirtschaftlicher Profiteure aus Vorarlberg auf: Dornbirner Textilfabrikanten bereicherten sich in Wien systematisch an arisiertem Vermögen, das den jüdischen Besitzern bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1938/39 abgepresst wurde. Für NS-Funktionärsgrößen aus Textilfirmen wie Rudolf Hämmerle, Hermann Rhomberg oder Hans Ganahl wurde nach dem Krieg rasch wieder Platz in der Vorarlberger Wirtschafts- und Politikelite geschaffen.
Um Textilfabrikanten geht es auch im Beitrag des globalisierungskritischen Autors Hans-Peter Martin. Er legt dar, wie die Firma F.M. Hämmerle (und andere) durch die Hereinnahme billig gehaltener Arbeitskraft aus der Türkei und Jugoslawien die technologische Modernisierung samt Weiterqualifizierung des Personals unterließ und damit im internationalen Wettbewerb unterging.
Bleiben wir bei der Verlockung des schnellen Geldes. Klaus Feldkircher, Journalist und Autor, folgt der Spur des „Mannes mit dem Koffer“, nämlich Bela Rabelbauers, der Fußach zu seinem Domizil erwählt hatte. Dieser wollte durch eine Bargeldübergabe in Höhe mehrerer Schillingmillionen zu nächtlicher Stunde an ÖVP-Bundesparteiobmann Alois Mock und andere hochrangige Funktionäre der Volkspartei zwei Sitze im Nationalrat erkaufen.
Eine verschwundene Million Euro bei den Bregenzer Festspielen samt deren ebenfalls verschwundenem Buchhaltungstrickser, finanzielle Malversationen bei der Gemeindeinformatik, bei der BH Dornbirn oder bei der landeseigenen Sportservice GmbH und nicht zuletzt beim Fußballclub SW Bregenz finden in dem Gerichtsreporter Seff Dünser ihren Chronisten.
Die Bemühungen um eine angebliche Reinhaltung des Landes fanden auch in der Kulturpolitik ihren Niederschlag – dort in der Zensur- und Verbotspraxis für Film und Theater, Untersagung von Tänzen (Twistverbot 1962) und von Popveranstaltungen (Flint-Verbot 1971). Markus Barnay zeigt, dass diese Zensurpolitik bruchlos aus der christlichsozialen Vorkriegszeit übernommen worden war.

Aktuelle Affären

In die Tiefen der Vorarlberger ÖVP reicht die Affäre um deren Wirtschaftsbund. Freihändig ausgezahlte Gelder, großzügige Parteispenden und eine mit teuren Inseraten gespickte, weitgehend inhaltslose Zeitschrift stehen im Mittelpunkt der laufenden Untersuchungen. Die Standard-Redakteurin Lara Hagen, deren Beitrag im Spätsommer 2022 abgeschlossen wurde, zeichnet die Verstrickungen der Wirtschaftskammer mit dem Wirtschaftsbund und die Rolle von Russmedia nach und verortet diese Affäre als systemisches Problem der polit-ökonomischen Eliten des Landes.
Um 125.800 Euro für 44 oft nur mit einer Abbildung oder einem Slogan versehenen Powerpoint-Folien geht es in einem Konzept für den Vorarlberger Schlachthof, das Landesrat Christian Gantner ohne Ausschreibung und ohne Festlegung eines Honorars sozusagen zwischen Tür und Angel in Auftrag gegeben hatte. Der Chefredakteur der „Neuen Vorarlberger Tageszeitung“, Moritz Moser, hat in einen entsprechenden Bericht des Landesrechnungshofes Einsicht nehmen können. Konstatiert wurde dort ein Umgang mit Steuergeldern, der eher nach dem Motto „Ma kennt anand, ma hilft anand“ als nach den Regeln des Vergaberechts vor sich ging.
Nach Meinung der Vorarlberg-Ideologen ist der Drang zu Eigenheim und Boden den Einheimischen gleichsam genetisch eingeschrieben. Bestätigt wurde das durch die sogenannte Testamentsaffäre, in der gewiefte Dornbirner Grundbuchbeamte und eine Feldkircher Richterin prospektive Erben und Erbinnen um Haus und Hof brachten. Die Aufdeckung dieses Justizskandals erschütterte das ganze Land. Der Journalist und Redakteur Jörg Stadler entfaltet diese Kriminal- und Sittengeschichte anhand von Polizeiakten und Gerichtsurteilen sowie eigenen Recherchen in voller Pracht.
Um unverständlich-unverantwortliches Verhalten von Exekutivbeamten ging es 1979 im Höchster „Kotterskandal“. Da wurde ein unbescholtener 18-jähriger Lehrling 18 Tage lang im Gemeindekotter eingesperrt – und ohne Wasser und Brot schlicht vergessen. Der Fall schaffte es in das Guinness-Buch der Rekorde. Der pensionierte Leiter des Vorarlberger Morddezernats Norbert Schwendinger hat ihn in allen Details noch einmal aufgerollt.

Rassismuserfahrungen und Medienlandschaft

Ein Thema, das die Dimension von einzelnen Fällen überschreitet, nimmt die Presse-Redakteurin Duygu Özkan auf: Rassismus und Rassismuserfahrungen in Vorarlberg. Sie fasst den Begriff Rassismus denkbar weit, indem sie auch Konflikte mit türkischstämmigen Muslimen einbezieht, etwa im Zusammenhang mit den Diskussionen um eine Moschee in Bludenz und in Lustenau. Thematisiert werden auch das Logo der Mohrenbräu und die „Black Lives Matter“-Bewegung in Vorarlberg. Angesichts der damit aufgeworfenen Fragen wäre, wie Özkan hervorhebt, eine solide empirische Erhebung über Rassismus und fremdenfeindliche Einstellungen in Vorarlberg wünschenswert.
Kein Skandal ohne Transport durch die Medien: Rundfunk und die beiden Tageszeitungen teilen sich in Vorarlberg das schwindende Feld, das zunehmend an die digitalen Kanäle und sozialen Medien abgetreten wird. Umso schwerer wiegt die Verantwortung von Journalistinnen und Journalisten, ohne Anbiederung an die Mächtigen und Einflussreichen Skandale und Malversationen aufzudecken. Kurt Bereuter, freier Journalist und Organisationsberater, behandelt die Chancen und Schwierigkeiten von kritischem Journalismus in Vorarlberg. Dass es im vorliegenden Band viele Beiträge von (freien) Journalistinnen und Journalisten gibt, stimmt hoffnungsvoll.

Kathrin Stainer-Hämmerle (Hg.): Mi subers Ländle. Politische Machenschaften, Skandale und andere Affären, mit Karikaturen von Silvio Raos, edition v, Bregenz, 2022, ISBN: 978-3-903240-51-3, Euro 32

Buchpräsentation: Fr, 18.11., 19.30 Uhr, J. J. Ender-Saal, Schlössleweg 3, Mäder

 

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Subers Laendle Cover-AR.jpg