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11.07.2022 |  Florian Gucher

Mut lässt sich nicht kaufen

Vom mit Füßen getretenen Hund zum durchsetzungsstarken Wolf, der sich in der Gesellschaft einen Platz zu behaupten weiß und niemals aufgibt, seien die Umstände noch so widrig. Aus der Feder der Schweizer Autorin Katharina Morello beginnt ein aus Afghanistan geflüchteter Mann, im Buch Hazara genannt, nach und nach sein jugendliches Leben als Außenseiter und Fremdling Preis zu geben und das mit all den schicksalhaften Wendungen, inneren Kämpfen und äußeren Widrigkeiten, die das Leben parat zu haben scheint. Sowie sich allmählich eine Welt bestehend Leid, Schmerz, Trauer, aber auch Glück auftut, lüftet sich auch die Antwort nach dem Sinn unseres Daseins. Eine Parabel zum friedlichen Zusammenleben.

Manche Lebensgeschichten sind es wert, erzählt zu werden. Manche sind so essentieller Natur, dass sie ganz nebenbei in psychologisch-soziale Dimensionen abdriften und ganze Lebensweisheiten in sich bergen. Die Entwicklung Hazaras vom Blumenjungen zum selbstständigen Mechaniker ist ein solches Beispiel. Es ist ein weiter Weg, den der Heranwachsende mit Bravour, aber nicht ohne Mühen und enormer Anstrengung bewältigt. Brotverdiener der Familie, in den freien Stunden Schüler, lernt und arbeitet Hazara immer an der Schwelle, halb drinnen, halb draußen und nie ganz zugehörig, weht dem am Rand stehenden Jungen als Flüchtling ein kalter Wind um die Ohren, nicht zuletzt, weil er sich mit eisernem Willen selbst in die Mitte der Gesellschaft durchbeißen will. Tritte aus eben dieser Mitte werden zum Alltag und machen es ihm schwer. Doch so wie er sich emporarbeitet, um von den im Buch so überraschend und unplanbar daherkommenden Höhen und Tiefen zu lernen, wächst ihm ein Fell, das resistent gegen Schläge von außen macht. Was jedoch viel schwerer wiegt als alle kurablen Tritte und Verletzungen, sind die inneren Verwundungen, die dem Protagonisten im Laufe des Erwachsenwerdens widerfahren und nur sehr schwer verheilen können. Und plötzlich kommt das Buch auf substantielle Dinge unserer Existenz zu sprechen, Werte, auf die es wirklich ankommt im Leben. Was nützt Besitz, Geld und Ansehen, wenn man am Ende sein Ein und Alles, seine große Liebe verliert und noch dazu neu beginnen und sich von der eigenen Familie trennen muss? Es ist die Vergänglichkeit, die ins Gedächtnis ruft, Momente des irdischen Glückes auszukosten und schätzen zu wissen, bevor es zu spät ist und sie der Vergangenheit angehören. Hazaras Schicksal ist herzzerreißend, trifft die Leser:innen wie ein Pfeil mitten ins Herz und hat doch nach jeder so schwierigen Situation Erkenntnisse und Schlussfolgerungen parat, die beeindrucken. „Wolf werden“ kann mehr als eine klassische Fluchtgeschichte, dringt tiefer und beinhaltet Themen wie Resilienz und psychische Widerstandsfähigkeit. So sehr Hazara in seinem Leben auch gebeutelt wird, vergisst er nicht, das Gute aus jeder Lage zu erkennen. Die Jahre der Schule des Lebens hinterlassen Spuren in ihm. Unglaublich, wie reif und erwachsen der knapp zwanzigjährige Hazara gegen Ende des Buches wirkt, es scheint fast so, als ob der viel Leid und Qual in sich hineingefressene Junge von damals seinen Schafpelz ein für alle Mal abgelegt hat und keine Furcht mehr kennt, vor nichts und niemandem. Wenn er seinen kleinen Bruder vor den rassistisch handelnden Lehrern schützt, so versucht er, das in seiner Kindheit Versäumte wieder gut zu machen. Vom Tod seiner geliebten Leyla aus der Bahn geworfen, findet er doch wieder den Weg zurück ins Leben, weil seine Familie ihn braucht. Leyla war sein Ruhepol, seine Antriebskraft, ihr Tod raubt ihm die Luft, wie auch sein aufgebautes Kartenhaus einstürzt, er nach dem Sinn fragt. Doch sofern er in unmoralische Lebenswelten abdriftet, ist da eine Hand, die ihn emporzieht und auf das Wesentliche pocht. Oft in Form seiner Mutter. Und selbst als er ganz am Ende des Buches aus dem Land flüchten muss, lässt er sich nicht unterkriegen. Er bleibt seinen Prinzipien treu, zieht nicht in einen sinnlosen Krieg, sondern entscheidet sich für Flucht und Neubeginn.

Nächstenliebe als wiederkehrendes Motiv

Doch was ein Leben pendelnd zwischen grauenvollen Erlebnissen und Glücksmomenten lehrt, ist das immer von uns selbst ausgehende Streben nach Gerechtigkeit. „Wenn du einen Rassisten hasst, bist du selbst einer“, sagte seine Mutter einst zu Hazara und was ihm zunächst unbegreifbar anmutet, erfährt er Stück um Stück am eigenen Leibe. Auch wenn so manche Aktion unüberlegt und naiv wirkt, wie das Stehlen eines Autos des in der Nachbarschaft lebenden Doktors und Ausnutzen einer gesellschaftlich privilegiert wirkenden Position, gibt sich der Protagonist am Ende erwachsen, klärt seine Missetaten auf, denn währt nicht Ehrlichkeit am längsten? Sein Gewissen zerfrisst ihn regelrecht nach jeder unrechten Tat, sodass er gar nicht drum rum kommt, Fehler wieder gerade zu bügeln. Es scheint, als ob das Aufrichtigsein (fast) alles verzeihe und manches Mal sogar neue Wege eröffne. Hazara ist niemanden böse, das lehrte ihn der Lauf der Zeit. Selbst als ein Polizist der todkranken Leyla den Zutritt zum Krankenhaus verwehrt und er sich in eine Rauferei mit dem Beamten verwickelt, aus der er sich zahlreiche Verletzungen zuzieht, ist er ihm am Ende sogar dankbar, weil er die letzten Tage von Leylas Leben unmittelbar an ihrem Krankenbett verbringen darf. „Wolf werden“ verurteilt nicht, sondern hält der Gesellschaft einen Spiegel vors Gesicht, konfrontiert sie mit ihrem eigenen Antlitz und leitet nicht selten eine Gedankenrevision ein. Sowie die Leser:innen das oft vorherrschende negative Bild bezüglich Migrant:innen hinterfragen und ihren Blick weiten sollen: „Es ist mir ein Anliegen, die Chancen der Migration aufzuzeigen, mit all den menschlichen Werten, die uns als Gesellschaft weiterbringen“, betont Morello.

Eine ganz persönliche Geschichte

Hazara gibt es wirklich. In Realität mit anderem Namen, stammt die Geschichte aus seinem Mund, um von Katharina Morello in passende Worte gegossen zu werden: „Ich war sofort von den berichteten Erlebnissen des nunmehr in der Schweiz lebenden Flüchtlings beeindruckt, da sie eine solche Tiefe und Kraft besitzen und uns an wunden Punkten treffen.“ Begegnet sind sie sich in der Autonomen Schule Zürich, in der Morello engagiert ist, und Hazara erzählte weiter, zunächst Heiteres, Witzig-Unbeschwertes, um letztlich die noch fehlenden Lücken mit den unschönen Seiten seines Lebens zu füllen. Mit jedem Treffen reihte sich Puzzleteil an Puzzleteil, sowie die Geschichte eine substantielle Note erhielt: „Behutsam brachte ich Hazara im Laufe der Zeit dazu, auch die belastenden Stationen seiner Entwicklung zu offenbaren. Das war nicht nur für den Erzählstrang wichtig, sondern auch für ihn selbst. Wie ein Aufarbeitungsprozess, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen.“ Wodurch sich allmählich auf authentische Weise die Leichtigkeit des Daseins mit der auf uns prallenden Schwere verschränkte, bereit, gegebene Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Alles ist ein Lernprozess. Und „Wolf werden“ eine Schule des Lebens, herausgegriffen, um ganze Welten zu eröffnen, Blickverschiebungen einzuleiten und schlussendlich das Große im Kleinen zu finden.

Katharina Morello: Wolf werden. Eine afghanische Lebensgeschichte, Limmat Verlag, Zürich 2022, 208 Seiten, gebunden, ISBN: 978 3 03926 034 8, SFr 34/€ 29

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