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23.02.2022 |  Annette Raschner

Robert Schneider und sein „Buch ohne Bedeutung“

In den letzten zwei Jahrzehnten ist es um den Meschacher Autor Robert Schneider ziemlich still geworden. 2007 war sein bisher letzter Roman „Die Offenbarung“ erschienen, 2020 kam ein Kinderbuch mit dem Titel „Der Schneeflockensammler“ heraus; eine Publikation, die den Wallstein Verlag dennoch nicht davon abgehalten hat, im Zusammenhang mit Robert Schneiders „Buch ohne Bedeutung“ etwas großspurig von der ersten literarischen Veröffentlichung seit fünfzehn Jahren zu sprechen.

Es versammelt 101 Kurzgeschichten, alle nicht länger als eine Seite; Mikromärchen, Legenden, Fabeln und persönliche Betrachtungen der Zeit. Seine Anspielung auf den berühmten Klassiker der Weltliteratur, „Tausendundeine Nacht“, nennt Robert Schneider ein „Panoptikum aller möglichen Spielarten der Märchenerzählung mit immer wechselnden Sujets und Tonfällen“. Letztlich sei das Buch aber eine Hommage an die Schönheit des Lebens.
In einem Interview, das der Verlag auf seiner Homepage anführt, sagt Schneider, dass es in den vergangenen Jahren für ihn keine Notwendigkeit gegeben habe, ein Buch zu schreiben. Er habe stattdessen lieber die Zeit mit seinen drei Söhnen „vergeudet“. Die schönste Erfahrung seines Lebens.
In der ersten Erzählung „Ich, Verschwender“ lässt er den Icherzähler zu dessen Verlegerin sagen, dass es keine Schande sei, vergessen zu sein, als diese ihn zum täglichen Schreiben antreiben möchte. Er ziehe es vor, seinem kleinen Sohn zu assistiere, wenn dieser Kreidestriche „von hier nach Paris“ ziehe. „Ich erinnere mich gut. Als junger Mann, als die Zeit noch vor mir lag, fehlte sie mir. Nie wurde ich richtig fertig. Nie fing ich richtig an. Heute habe ich sie im Überfluss. Ich muss nicht mehr anfangen und auch nicht mehr fertig werden.“

Von großen Gesten zu kleinen Schritten

Das Vorarlberger Landestheater hat im Frühjahr 2021 anlässlich des 60. Geburtstags von Robert Schneider eine Theaterfassung von „Schlafes Bruder“ auf die Bühne gebracht und den Autor, der regelmäßig in den Sonntagsausgaben der „Kronen Zeitung“ persönliche Beobachtungen und Gedanken publiziert, wieder in Erinnerung gerufen. Denn es ist nun doch schon 20 Jahre her, seit Robert Schneider mit seinem Debütroman rund um Johannes Elias Alder ein Welterfolg gelungen ist. Es folgten sechs weitere Romane, eine Novelle, Theaterstücke, zwei Lyrikbände und das bereits erwähnte Kinderbuch. Aber nie mehr konnte Schneider auch nur annähernd an seinen Erfolg von 1992 anknüpfen; im Gegenteil. Schon sein zweiter Roman „Die Luftgängerin“ wurde in geradezu beispielloser Weise von der deutschen Literaturkritik verrissen.
Nun also hat der Autor für seine Kurzgeschichtensammlung den Titel „Buch ohne Bedeutung“ gewählt, und man kann darüber spekulieren, was wohl der Beweggrund dafür war. Bescheidenheit? Trotz? Sarkasmus? Koketterie? - Wie dem auch sei. Die Bedeutung einer Sache, eines Menschen oder auch eines Buches liegt bekanntlich stets im Auge des Betrachters.
Robert Schneider hat sich jedenfalls – zumindest vorerst – von der großen Geste verabschiedet und sein Image des einsamen Künstlergenies, der per se zu polarisieren hat, abgestreift. Die kleine Form wieder zu schätzen und die kurzen Schritte, nicht die langen Umwege zu gehen, sei für ihn „die Erkenntnis aus dieser Zeit“, sagt Schneider. Alles Monumentale ist fragwürdig geworden.

Ein vielfältiges Angebot

Die vielen kurzen Geschichten, die er in seinem „Buch ohne Bedeutung“ erzählt, sind vielstimmig, ideenreich und stilistisch uneinheitlich. Ein freudvolles, spielerisches, anarchisches Moment ist erkennbar, wenn Schuhe und Einkaufswägen miteinander debattieren, Regenwürmer philosophieren und Schneeflocken darüber sinnieren, wie sie ihr ephemeres Dasein besser auskosten können. Ein Plus und ein Minus riskieren BIC, IBAN und Leben, Schornsteine weinen und ein Obdachloser erklärt den vorübergehenden Passanten, im U-Bahn-Schacht den Himmel gefunden zu haben.
Hier ein Dorf im Wallis, da der Central Park in New York. Hier der Präsident aus dem Land der blauen Berge, da ein Junge aus Flandern, der das Mädchen seines Herzens mit einem Pinsel zeichnet, der nur aus einem einzigen Hermelinhaar besteht. Ja, Robert Schneider scheut auch in seinen Kurzgeschichten das Pathos nicht, schließlich sei er inhaltlich, so sagt er, der Alte geblieben, „ein hoffnungsloser Träumer“.
Das Angebot ist vielfältig. Die 101 Geschichten sind skurril, sehnsüchtig, frech, ironisch, wehmütig und dann wieder tragikomisch, und sie bieten oft augenzwinkernde, überraschende Wendungen und Winkelzüge. Der Autor bedient die gesamte Klaviatur an möglichen Emotionen, hält fast beiläufig große Fragen, originelle Ideen und lehrreiche Gedanken bereit und überzeugt immer dann, wenn er sprachlich nicht über die Stränge schlägt oder sein ursprüngliches Vorhaben vergisst: nämlich ein Buch ohne Bedeutung zu schreiben.
Als problematisch, mitunter sogar qualvoll, erweisen sich jene Kurzgeschichten, für die Schneider die Kitschschublade aufgezogen hat und mit Formulierungen wie den folgenden aufwartet: „Liebe ist, was nach Abzug der Irrtümer bleibt (…) Ich ein Mann ohne Arme, der im Phantomschmerz noch immer nach Sternen griff (…) Du hast mich gehalten in der Engführung eines langsam verdämmernden E-Dur (…) Nichts ist machbar, das Zufallen Zufälligkeit.“ Sätze wie diese dürften selbst für eingefleischte Schneider-Fans schwer verdauliche Kost sein. Aber nicht nur über Bedeutung, sondern auch über Geschmack lässt sich bekanntlich immer streiten.

Robert Schneider: Buch ohne Bedeutung. Wallstein Verlag, 2022, 212 Seiten, ISBN 978-3-8353-5195-0, € 24,70.

Lesungen
Fr, 18. 2., 19.30 Uhr, Konzertlesung mit Robert Schneider und Martin Stadtfeld, Landestheater, Bregenz
Fr, 25. 2., 20 Uhr, Literaturhaus, Schaan

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