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30.11.2019 |  Anita Grüneis

Rockmusik als Tor zum Aufbruch in Liechtenstein - Neuerscheinung in der Reihe „Liechtenstein erzählen“

„Aufbrüche“ ist der zweite Band der Buchreihe „Liechtenstein erzählen“. Ziel dieser Reihe ist es, markante Ereignisse oder Zeitströmungen im Fürstentum Liechtenstein mittels Zeitzeugen lebendig werden zu lassen. Dafür interviewen Roman Banzer, Hansjörg Quaderer und Roy Sommer bestimmte Personen und geben das Erzählte so weit als möglich im „Originaltonfall“ wieder. Waren es im ersten Band die „Demokratischen Momente“, wie beispielsweise die Themen Frauenstimmrecht und die EWR-Abstimmung, so sind es in „Aufbrüche“ die siebziger Jahre. „Die Chiffre 1968 steht für neue Musik, neue Mode, neue Lebensformen, neue Gesellschaftsentwürfe und die kollektive Unruhe, die eine ganze Generation erfasst hat“, schreiben die drei Herausgeber in ihrer Einleitung. Natürlich blieb auch das kleine Fürstentum damals nicht verschont von den Unruhen.

Die Zeit der Pioniere

Es war auch eine Zeit der Pioniertaten, wie dieses Buch deutlich aufzeigt: 1961 wurde die Landesbibliothek gegründet, 1963 die Musikschule, 1964 führte Alois Büchel sein erstes politische Kabarett Kaktus auf, ein Jahr später wurde der Liechtensteinische Entwicklungsdienst, 1970 das Theater am Kirchplatz in Schaan ins Leben gerufen. Menschen marschierten gegen das Kernkraftwerk Rüthi, Kraus Reprint siedelte sich in Nendeln an, Schellenberg ließ sich eine topmoderne Kirche bauen, das Centrum für Kunst in Vaduz entstand und der Künstler Martin Frommelt schuf seine „Apokalypse“. Es ist vieles passiert in dieser Zeit und beim Lesen des Buches entsteht der Eindruck, als sei der Zeitgeist wie ein frischer Wind durch das Land gefegt, nachdem einige junge Leute ihm die Türe zum in sich ruhenden und sehr katholisch geprägten Land geöffnet hatten. 

Als das Land rock’n’rollte

Neunzehn Personen erzählten den Herausgebern ihre ganz persönlichen Geschichten. Ein Schwergewicht bildete dabei die Musik, die in jener Zeit für die größten Aufbrüche sorgte. Es gab die Beatles, die Rolling Stones und im Fernsehen am Samstagnachmittag den Beat-Club. Johann Wanger, bis zu seiner Pensionierung geschäftsführender Direktor bei der AMAG Buchs, hatte damals mit seinem Freund Karl Gassner (dem späteren Tangente-Gründer) jede Sendung angeschaut. The Kinks, The Who, The Hollies, The Cream, Jimi Hendrix, Chuck Berry usw., sogar die Beatles und die Rolling Stones spielten im Beat-Club live vor dem Studiopublikum. „Wir sind so begeistert gewesen, dass wir beschlossen haben, eine Band zu gründen. Karl hat dann einen Gitarrenverstärker gebaut und ich habe die elektrischen Gitarren organisieren müssen (... ) Jetzt haben wir nur noch einen Schlagzeuger gebraucht. Und weil auch Xander Vogt ein Freund von mir gewesen ist, ist klar gewesen: Xander muss Schlagzeug spielen. Obwohl Xander keine Ahnung vom Schlagzeugspielen gehabt hat, ist er sofort mit dabei gewesen“. Jeden Samstag nach dem Beat Club wurde geprobt. Zuerst im alten Schaaner Bierhüsle, dann im Vereinshaus, das später zum TaK umgebaut wurde. Aus Toni Ritter, Karl Gassner, Johann Wanger und Xander Vogt wurden die „The Four Cormycs“. Die Konkurrenz war groß: Daneben gab es „The Light Stones“ und „The Chayns“. 

Café Wolf und das TaK

Im Mittelpunkt des neuen Musikgefühls stand das Café Wolf in Vaduz. Dort gastierten die „Weltmeister“, und wer dort einmal spielen durfte, der hatte es fast schon geschafft. Der spätere Lehrer Peter Hasler erzählt, dass er als 17-jähriger Bub für seine erste elektrische Gitarre mit dem Fahrrad nach Konstanz gefahren ist, um sie dort zu kaufen! Und dass er mit den „Chayns“ sogar auf dem Schloss gespielt hat. „Zu der Zeit, als ich hier aufgewachsen bin, ist das Land so was von konservativ gewesen, so katholisch, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen (...) Sicher hat die Rockmusik Liechtenstein nicht viel genützt, aber für mich war sie das Tor zur Welt.“
Im Mittelpunkt des allgemeinen kulturellen Lebens standen die Landesbibliothek mit seinem Freigeist Robert Allgäuer und das neue TaK, für das der Gründer Alois Büchel einen Kirchplatz erfand, den es nie gab und die wichtigsten Kabarettisten ihrer Zeit ins Land holte: Franz Hohler, Emil Steinberger, Hanns Dieter Hüsch. Der damalige ORF-Literaturreferent, Leonhard Paulmichl formulierte es so: „Unbestritten wird bei uns hier die Institution in Schaan gewürdigt. Man spricht von ihr als jenem Theater mit dem zeitnahesten Programm. Niveau ist ein Auftrag.“

Frauen politisieren sich 

Auch für die Frauen war diese Zeit ganz speziell. So meint die Kindergärtnerin Susanna Kranz, dass damals alles möglich war. „Flower Power, sexuelle Befreiung, antiautoritäre Erziehung. Es herrschte Aufbruch-Stimmung an allen Ecken und Enden.“ Sie hätten gefeiert und es genossen, im Wolf-Keller im Vaduzer Städtle oder beim Waldhotel. „Schmusen erlaubt. Wir haben im Freien getanzt, und The Five Sharks, eine Studentenband aus dem Collegium Marianum, hat versucht, ihre billigen Gitarren nach dem Vorbild von Jimi Hendrix jaulen zu lassen (...) aber auch die Auftritte der „Light Stones“ oder der „Chayns“ waren schuld an so mancher kurzlebigen Romanze. 

Vom Ausland und zurück

Für Barbara Rheinberger waren die 68er auch eine Zeit der sexuellen Befreiung, da die Heterosexualität nicht mehr das einzig Denkbare war. 1968 machte sie in Sargans die Matura – in Liechtensteiner Gymnasium waren Mädchen nicht zugelassen, sie studierte dann in München und Berlin und kam 1974 als politisierte Frau nach Liechtenstein zurück, war Präsidentin der Liechtensteinischen Gesellschaft für Umweltschutz und engagierte sich für das Frauenstimmrecht.
Ihr Bruder, der Molekularbiologe Hans-Jörg Rheinberger, der heute in Berlin und in den Niederlanden lebt, beschreibt, dass für ihn zu Schulzeiten die Welt spätestens am Bodensee aufgehört habe. Als er nach Tübingen zum Studium kam, wusste er nicht einmal, welche Parteien es in Deutschland gab. „So wie ich es sehe, haben wir damals im Land eine Art mikropolitisches Klima gehabt, das im Grunde genommen von irgendwelchen politischen Grosswetterlagen völlig abgekoppelt gewesen ist. (...) Ich habe acht Jahre, von 1958 bis 1966, am Collegium Marianum verbracht. Die Maristenbrüder sind in ihrer Weltanschauung entschieden konservativ gewesen. Es hat einen Religionsunterricht gegeben, da würden einem heute die Haare zu Berge stehen.“
Jede „Wirklichkeitserzählung“ in diesem Buch „Aufbrüche“ dokumentiert die Zeit zwischen 1964 und 1984 aus verschiedenen Perspektiven, je nach Lebensgestaltung der Person, mal ist es die Musik, mal die Kunst, die Gesellschaft, die Architektur oder die Literatur, die im Mittelpunkt steht. Angereichert wird der Hauptteil des Buches durch wissenschaftliche Erörterungen aus regionaler und internationaler Perspektive.
Auffallend bei der Lektüre ist eine Ähnlichkeit zu den heutigen Demonstrationen und Unruhen betreffs der Klimasituation. Ob wir wieder in einer Zeit des Aufbruchs stecken?

Roman Banzer/Hansjörg Quaderer/Roy Sommer (Hg.), Aufbrüche, Liechtenstein erzählen (02), Zürich, Limmat Verlag 2019, gebunden, mit 59 Fotos, Dokumente und Abbildungen (teilweise in Farbe), 336 Seiten, ISBN 978-3-85791-879-7, SFr/€ 24

 

Peter Hasler und Josef Walser waren Teil der „Chayns“

Peter Hasler und Josef Walser waren Teil der „Chayns“

Die „Light Stones“ mit ihrem Cabriolet vor dem Schloss Vaduz (v.l.n.r.): Felix Rheinberger, Franz Rheinberger, Anton Schädler, Rudolf Schächle, Stefan Davida im Ford Fairlane

Die „Light Stones“ mit ihrem Cabriolet vor dem Schloss Vaduz (v.l.n.r.): Felix Rheinberger, Franz Rheinberger, Anton Schädler, Rudolf Schächle, Stefan Davida im Ford Fairlane

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