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23.02.2021 |  Ingrid Bertel

Sie war ein ziemliches Vögelchen! - Simon Deckerts hauchzarte Coming-of-Age-Geschichte „Siebenmeilenstiefel“

In seinem Romandebüt „Siebenmeilenstiefel“ mischt Simon Deckert eine Prise Fantasy und viele Märchen in die Suche zweier Geschwister nach ihrer verschwundenen Mutter.

Ziemlich aufregend und anregend, was der dreißigjährige Simon Deckert als Romandebüt präsentiert: Zwei jugendliche Ausreißer streifen durch Feldkirch, Vaduz, Basel und erkunden dabei die totgeschwiegene Familiengeschichte. Ihre Kindheit hat sie an den Rand des Suizids getrieben, ihr Erwachsenwerden ist begleitet von einem Buch mit dem Titel „Vergessenes Österreicher Volksgut“ sowie Drachenschuppen, Siebenmeilenstiefeln und sonstigen Elementen der Fantasy-Literatur.
Der Drache sei in den Roman gekommen, als er zum Thema „Von oben“ eine Kurzgeschichte schrieb, erzählt Simon Deckert – mit ausgesprochen österreichischem Timbre, obwohl er in Liechtenstein aufgewachsen ist und heute in der Schweiz lebt. Er hat am Schweizerischen Literaturinstitut studiert und seinen Master an der Hochschule der Künste in Bern gemacht. Ein Schnellschuss ist sein Roman „Siebenmeilenstiefel“ jedenfalls nicht. Aber Märchen und Drachen und Feen? Das sei eben die Kindheitslektüre, die ihn geprägt habe, sagt er gelassen.

Das entlaufene Rösslein

„Der Ludescher saß schon bei laufendem Motor im Wagen und drehte am Radio herum, da entdeckte Miko unter einem der Hufe des betäubten Fohlens einen kleinen, schimmernden Gegenstand. Er zog ihn zwischen dem Huf und dem Eisen hervor und ließ ihn sofort in seiner Hosentasche verschwinden.“
Michael hat die Schuppe eines Drachen gefunden, als er seinem Onkel hilft, ein verunfalltes Fohlen zu bergen. Das Fohlen wiederum erinnert seine Schwester an das Märchen vom entlaufenen Rösslein. Mit der Drachenschuppe als Gepäck beschließen die Geschwister auszureißen. Michael will Rockgitarrist werden – und die Drachenschuppe soll sein magisches Plektrum sein.
Beim ersten Durchblättern des Romans fühlt man sich an den Flug von Atréju auf dem Glücksdrachen Fuchur erinnert – und an das One Hit Wonder, das Limahl 1984 mit dem Song zu „The never ending story“ landete. Nur war damals Simon Deckert noch gar nicht geboren. Haben solche popkulturellen Bilder eine derart never ending Wirkung?
Vermutlich eher nicht, denn „Siebenmeilenstiefel“ ist keine Fantasy-Geschichte, und die Art, wie Simon Deckert die Romanhandlung mit märchenhaften Elementen verknüpft ziemlich tricky. Miko und Ariane, das sind die Traumnamen für Michael und Andrea, Namen, die ihnen Mut machen, und den brauchen sie.

Aufbruch nach Basel

Seitdem ihr alkoholkranker Vater das Haus mit seiner Schnapsbrennerei abgefackelt hat, wohnen die drei bei Onkel und Tante Ludescher. Die Mutter der Geschwister ist verschwunden, seit langem schon. Damals war Andrea zwölf und Michael acht. Jetzt sollte Andrea eigentlich auf die Matura lernen, aber wie, wenn der Bruder gerade versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Als Andrea dann auch noch beobachtet, wie ihr Vater mit Tante Astrid anbandelt, reicht es endgültig: Andrea und Michael hauen ab und landen ohne viel Überlegen in Basel bei Tante Ilma.
Dort informiert sich Michael als erstes über einen möglichen Brückensuizid. Bern wäre gut: „Wenn man zum ersten Mal von einer Brücke springt, ist es natürlich das Gescheiteste, sich für eine zu entscheiden, von der schon viele Leute erfolgreich Gebrauch gemacht haben.“ Andrea sucht unterdessen im Keller und auf dem Dachboden („Sieht aus wie im Heimatmuseum in Schruns.“) nach Spuren ihrer Mutter. Sie findet das Buch „Vergessenes Österreicher Volksgut“ mit dem Märchen vom entlaufenen Rösslein, der Geschichte vom magischen Schuhlöffel und den Siebenmeilenstiefeln – Erinnerungen an die Kindheit. Es habe ihm einfach Freude gemacht, aus bekannten Märchenmotiven Neues zu erfinden, sagt Simon Deckert.

Ein guter Musiker

Während Andrea also in Märchen Erinnerungen an die totgeschwiegene Familiengeschichte sucht, steht Michael auf der Brücke. Dort steht aber auch der Student Bastian Fink und holt ihn herunter. Die beiden beginnen eine Musiker-Kumpelei, proben miteinander, Michaels Plektrum erweist sich dabei als Talent-Beschleuniger. „Er hört zu, das merkt man sofort“, sagt Bastian. „Er kann richtig gut zuhören.
Das macht einen guten Musiker?
Ich denke, das macht einen guten Menschen.“

Während die beiden im Keller Songs spielen, arbeitet Andrea als Kellnerin im Restaurant von Bastians Eltern, fühlt sich wohl in dieser intakten Familie und noch mehr wohl mit Bastian. Aber anders als Michael, der die Familiengeschichte hinter sich lässt, stöbert sie weiter in Tante Ilmas Haus, findet falsche Fährten und stellt richtige Fragen. „Du hast dieselbe, wie soll ich sagen, lauernde Hartnäckigkeit wie sie“, beklagt sich Tante Ilma. „Du bohrst und bohrst, dass man sich in alle Richtungen winden muss, um dir zu entkommen. Du wirst nicht aufgeben, bis du eine Schwachstelle findest, richtig?“

Das Märchen von den drei Schwestern

Ilma – das ist die Schwester von Andreas Mutter Elisabeth. Aber gibt es vielleicht eine verschwiegene dritte Schwester? So wie im Märchen? Märchen fragen allerdings nicht nach Motiven, Beweggründen, Emotionen. Sie sind reine Handlung: Die Kinder ziehen aus, bestehen die Bewährungsproben und kehren als Königinnen und Könige zurück. Berauschend sei das, sagt Simon Deckert. Und fügt hinzu, dass es für einen Roman trotzdem so etwas wie Psychologie brauche.
Warum hat der Vater angefangen zu trinken? Welches Geheimnis verbindet ihn mit Tante Astrid? Warum ist Elisabeth verschwunden und hat ihre beiden Kinder zurückgelassen? Ilma verrät nichts, die Geschwister kehren nach Hause zurück. Und endlich macht Tante Astrid den Mund auf.
„Ich bin als junge Frau für ein Praktikum hergekommen, Andrea“, erzählt sie. „Die Ilma war eine meiner ersten Freundinnen hier, und der Bernhard war ein alter Schulfreund von ihr. Wir sind fast drei Jahre ein Paar gewesen und haben eine gute Zeit gehabt. Bis ihm irgendwann eingefallen ist, dass er zum Heiraten und Kinderkriegen dann doch mit einer Hiesigen besser beraten wäre.“

Ausgerechnet Elisabeth

Da hat er sich gründlich geirrt. Warum kümmert sich Astrid um die Kinder einer Freundin, die ihr den Mann ausgespannt hat und dann getürmt ist? Andrea will es unbedingt wissen – und sie ist wohl alt genug für die Wahrheit. „… sie war ein ziemliches Vögelchen. Mal hier, mal da, tut mir leid, dass ich so eindeutig bin.“ Ein solches Nichts an Liebe zu den eigenen Kindern, das tut denen weh. Ist solche Wahrheit zumutbar? Ist sie weniger grausam als die Märchen?

Ingrid Bertel ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Simon Deckert: Siebenmeilenstiefel, Rotpunktverlag, Zürich 2020, 328 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-85869-889-6, € 28

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