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19.03.2018 |  Ingrid Bertel

Spaziergang im erotischen Paradies - Band II/1 der Kritischen Ausgabe von Robert Walser

Seine Malerei werde sowieso nur von Malern verstanden, glaubte Pierre-Auguste Renoir. Dass Robert Walser vor allem von Autoren verstanden wurde, ist ebenfalls bewiesen. Es muss aber nicht so bleiben. Deshalb widmen sich die Verlage Stroemfeld/Schwabe der kritischen Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte Walsers. Soeben erschienen ist Band II/1 - der Band mit jenen Feuilletons, die Robert Walser zwischen 1907 und 1927 in der tonangebenden Zeitschrift „Die neue Rundschau“ veröffentlichte.

Der 31-jährige Verleger Samuel Fischer hatte intellektuell und geschäftlich ein klares Konzept, als er im Jahr 1890 zusammen mit dem Theaterkritiker Otto Brahm „Die neue Rundschau“ gründete. Die dicken, buchkünstlerisch unter anderem von Karl Walser gestalteten Hefte sollten einer jungen Generation von Autoren die Möglichkeit bieten, sich zu profilieren und so auf dem Markt durchzusetzen. Die Auswahl dieser Autoren und ihrer Texte lag in den denkbar besten Händen: Zu den Redakteuren der Zeitschrift gehörten Robert Musil, Albert Ehrenstein, Oscar Bie oder Alfred Döblin. Es ist vermutlich Karl Walser gewesen, der seinen Bruder Robert in Kontakt mit der „neuen Rundschau“ brachte – und der Autor wusste die Chance zu nutzen. Zwischen 1907 und 1927, also über einen sehr langen Zeitraum hinweg, spielte er mit so gut wie allen Genres des klassischen Feuilletons.

Gott ist das Gegenteil von Rodin

Ein märchenhaft verträumter Künstlerspaziergang eröffnet den Band. „…du bist Dichter und kannst dazu ruhig deine Hände in den Taschen deines hoffentlich anständigen Überziehers behalten, du bist Maler und hast vielleicht bereits während deines Morgenspaziergangs fünf Bilder fix und fertig gemacht.“ Und frohgemut träumt sich der Spaziergänger von Erfolg zu Erfolg. „…he da, was? Sollte das? Ja, da ist dir dein Kollege Kitsch begegnet…“. Eine sehr speziell Walser’sche Ironie zieht sich durch die Geschichten, Kitsch begegnet Kutsch ein ums andere Mal, und die Künstler sind große Spaziergänger auf dem Land und in der Stadt. Die Stadt ist Berlin – erkennbar an der Stehbierhalle Aschinger, an der Friedrichstraße, den Märkten, deren Verkäuferinnen sie nicht nur an das Landleben erinnern, sondern an Gott selbst, „der sicher auch keinen gar so übertrieben schönen Leib hat. Gott ist das Gegenteil von Rodin.“

Diner bei Samuel Fischer

„Die neue Rundschau“ verstand sich als „mediale(r) Knotenpunkt“ für die politischen und ästhetischen Diskurse. Samuel Fischer richtete dafür auch die sogenannte „Donnerstagsgesellschaft“ ein, die Walser über Jahre hinweg besuchte. Hier traf er seine Rezensenten und publizistischen Vermittler. Bisweilen muss ihn Fischer auch privat eingeladen haben. Eine Erzählung wie „Dinerabend“ lässt darauf schließen: „Ich gieße immer mehr flüssige und leuchtende Laune in die allezeit, wie es scheint, durstige Kehle hinunter. Wie das anhumort.“ Solche Abende inspirieren auch Schilderungen des Berliner Gesellschaftslebens wie die Rollenprosa „Die kleine Berlinerin“ oder das Mode-Feuilleton „Hose“, in dem sich Walser – gute 50 Jahre zu früh – für Stretch-Jeans stark macht.

Dazu kommen Reportagen, Satiren auf den journalistischen Jargon, vor allem aber Spaziergänge, die von einer sinnlich aufgeladenen Landschaftserfahrung zeugen. „Die schöne Mondnacht scheint den prachtvollen Ballon in unsichtbare Arme zu nehmen“, heißt es. Oder „Parkluft grüßt mich; die vielen tausend grünen Blätter der hochaufragenden Bäume sind Lippen, die mir guten Tag sagen“. Norbert Loacker hat in einem Essay diese Beschreibung Walsers in die Nähe jener Mystik gerückt, die sich auch in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ findet – und eine beinah brüderliche Nähe findet sich auch im utopischen Entwurf der beiden Autoren. Ihre Utopien, erkennt Norbert Loacker, sind durchaus fluide. Es geht nicht um Staatsentwürfe, sondern um „versunkene kindliche Reaktionen“. Dabei erfüllt der Park durchaus die Bedingungen eines utopischen Orts, aber Loacker sieht die Doppelnatur, die Walser in ihm anlegt und nennt ihn ein kindliches Traumzimmer. „Kinder wollen solche Traumzimmer gar nicht eindeutig. Weite, Stille und Absonderung bergen die Gefahr der Verlorenheit in sich, Kinder brauchen aber viel Nähe, Lärm, Kontakt … Die Vertreibung aus den infantilen Paradiesen entspricht auch den Wünschen der Vertriebenen.“

Hohle Gedanken

Und gegenüber dem erotischen Paradies, das in seinem Park angelegt ist, verhält sich Walser ja durchaus ambivalent. In seiner schier unbegreiflichen sexuellen Bedürfnis- und Beziehungslosigkeit liege der Schlüssel zum enormen erotischen Flair seines Werks, nahm schon Robert Walsers Biografin Catherine Sauvat an: „Sein ganzes Werk ist von einem physischen Begehren durchdrungen“, schreibt sie, und beim Wiederlesen der Erzählungen scheint sich diese Vermutung zu bestätigen. Das kann durchaus witzig und schwerelos sein, etwa wenn es um einen Pfarrer geht, der sich seiner Lust zu erwehren weiß, indem er plötzlich befindet: „…es passt alles in die hohlen Grundgedanken. Tatsächlich ist so ein Gedanke meist hohl und zwar deshalb, damit er mit Gefühlen angepfropft werde.“ Werben heißt bei Walsers Pfarrer nicht, um eine Geliebte werben, sondern die Methoden der Werbe-Industrie beruflich geschickt einzusetzen.

Der Maler in „Leben eines Malers“ deutlich erkennbar der Bruder, der nicht eben begeistert war von der Veröffentlichung, ist er doch ein zum Zynismus neigender Bursche. „Die Frauen liebten ihn, weil sie einen edlen, liebenswürdigen, romantischen Seelenschmerz, eine Menschenliebe und eine Liebe zur Welt an ihm erblickten.“ Und boshaft setzt Robert Walser hinzu: „Es versteht sich von selbst, dass er sich vorteilhaft zu kleiden wusste.“

Walser gehörte nicht zu den ständigen Mitarbeitern der „neuen Rundschau“, dennoch verschaffte ihm die Zeitschrift ein weit gespanntes Beziehungsnetz. Robert Musil konnte da an die Fäden anknüpfen, die zu Franz Kafka führten, denn, so die Herausgeberinnen Barbara von Reibnitz und Caroline Socha: „Max Brod hatte in seiner Sammel-Besprechung ‚Kleine Prosa‘ (1913) eine Beziehung zwischen Walsers ‚Aufsätzen‘ und Kafkas ebenfalls bei Kurt Wolff erschienener ‚Betrachtung‘ sowie der Novelle ‚Der Heizer‘ hergestellt, indem er beiden Autoren die gleiche Souveränität des Stils über den Stoff zuschrieb. Musil hat diese Beziehung in seiner ‚Literarischen Chronik‘ nochmals ausführlich entwickelt und suchte auch Kafka als Mitarbeiter zu gewinnen.“

Höflichkeit und Abgrund

Warum verließ Robert Walser Berlin, das ihn als Autor doch so freundlich aufgenommen hatte? Möglicherweise findet sich eine Antwort in den Feuilletons, die er für die „neue Rundschau“ schrieb. Da beschreibt er in „Friedrichstraße“ das Erleben der Stadt als ein Erleben von Distanz, Höflichkeit und Zivilisiertheit. Das schätzt er wohl – und gleichzeitig irritiert es ihn. „… hier herrscht Duldung, und zwar deshalb, weil sich niemand mit Ungeduld und Unfrieden aufhalten und abgeben will.“

Als klein, geduldet, ja „nichtswürdig“ erleben sich viele Walser’sche Gestalten, vor allem Tobold, der immer wieder auftaucht. „Tobold liebte alles Alte, alles Ge- und Verbrauchte, ja, er liebte sogar bisweilen Verschimmeltes. So zum Beispiel liebte er alte Leute, hübsch abgenutzte alte Menschen.“ Walsers Gestalten sind immer randständig, niemals Mitglied der Gesellschaft. Und das haben sie mit den Figuren Franz Kafkas gemein. Aber wie bei Kafka liegt in ihrer Demut ein unbändiger Widerstand und Eigensinn. Auch Tobold, schlussendlich Diener in einem adeligen Haushalt, blickt auf die snobistische Attitüde einer Welt von Gestern mit der gleichen Distanziertheit, mit der er die rasende Berliner Gegenwart betrachtet, mit sanfter, fassungsloser Ironie: „Was beliebt dem Adel im allgemeinen zu essen? Diese schwierige und feinsinnige Frage wird meiner Meinung nach am einfachsten dadurch beantwortet, dass man sagt: Der Adel isst mit Vorliebe Speck mit Ei.“ So zerrt Walser was sich erheben will auf den Boden der erbärmlichen Tatsachen, und irgendwann ist er vermutlich einfach deshalb weitergezogen, weil er anderes sehen wollte, der renitente Schweizer.

 

 

Hans-Joachim Heerde, Barbara von Reibnitz, Caroline Socha (Hrsg.), Robert Walser. Band II/1. Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte. Drucke in der Neuen Rundschau, Gebunden, 245 Seiten, 11 Abbildungen, Verlage Stoemfeld/Schwabe, ISBN 978-3-7965-3677-9, € 78.-

 

 

 

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