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20.11.2022 |  Florian Gucher

Stephan Alfare: „Neuneinhalb Finger“

Ein 448 Seiten umfassender Roman, der die im Innersten des Menschen schlummernden Abgründe der Seele emporholt und dabei auch das unerbittlichste Grauen nicht ausspart. Stephan Alfares neues Werk mit dem sprechenden Titel „Neuneinhalb Finger“ ist nichts für schwache Nerven.

Beinahe harmlos mit einer Zugfahrt und einem verloren gegangenen und wiedergefundenen Gepäck beginnend, entspinnt sich allmählich die Geschichte eines omnipräsenten Psychopathen, der selbst in das scheinbare Idyll abseits der bitteren Realität eindringt, harmonische Bedingungen auf den Kopf stellt und paradigmatisch vorführt, dass das Böse überall auf uns lauert, nicht zuletzt im eigenen Selbst. Kann ein Roman mit fast ausschließlich negativem Figurenpersonal geliebt werden? Stephan Alfare legt das Beweisstück mit irren Gedankenspielen, einem bis zum bitteren Ende packenden Erzählstil und einer Sprache vor, die sich dem Lesepublikum so präzise auftut, wie sie die Leser:innen dann mitten ins Geschehen hineinträgt.

Gehirn auf Rest Mode

Gnadenlose Messerstiche, entsetzliche Misshandlungen und grauenerregende Vergewaltigungen: Die Schlagzeilen unserer Welt sind vollgepumpt mit Inhalten, die erschaudern lassen. Doch was gibt den Menschen Antrieb, Derartiges zu vollziehen? Stephan Alfare versucht, eine Antwort auf die unerklärlichen wie unentschuldbaren Dinge zu finden und blickt tief hinein in das menschliche Seelenleben. Sein ineinander verschachtelter Episodenroman zeigt jedenfalls, dass Fantasie und Wirklichkeit, bloßes Hirngespinst und vollzogene Tat näher beieinander liegen, als einem lieb ist. Eine Rahmenerzählung mit sieben (Überlebens-)Künstler:innen, darunter ein dazugestoßener Massenmörder und ein Kleinkrimineller, bringt den Ball ins Rollen. Und wie auch! Sie treffen auf einer Stiftungsreise im Münsterland durch Zufall und doch wie ausgemacht aufeinander und eröffnen ihre eigenen Erzählungen und mit ihnen ihre Vergangenheit voller Gewalt, Sex, Zwang und unkontrollierter Leidenschaften. Vielfach aus der Perspektive des Schriftstellers Leon Schillinger beschrieben, der mitunter die Rolle des Ich-Erzählers übernimmt, das Heft aber sukzessive weiterreicht, hangeln sich die erzählten wie am Gutshof geschehenen Begebenheiten Hand in Hand ins Extreme. Die weiße Weste ist abgelegt und füllt sich mit blutbedeckten Spuren, die Grausamkeiten scheinen sich ineinander und miteinander aufzuschaukeln. Seien es Töffels grausame Mord- und Lustspiele mit Selbstbefriedigungsgedanken, Schillingers projizierter Hass auf ihn, aber auch die in einer Gefängnisstrafe mündenden Raubzüge des Schriftstellers Thilo Fenske sowie Luisas Vergewaltigung am Heiligen Abend: Realität und Traum verschwimmen in „Neuneinhalb Finger“ zu einem dichten Konvolut an sich aufstauenden Begebenheiten mit ungezügelten Leidenschaften, die Ordnungen aushebeln und mitunter schonungslos das emporkeimen lassen, was unterdrückt wird. Und zwar so lange, bis es sich derart aufstaut, dass es überquillt. Gefühle kommen in Alfares Werk jedenfalls in vielen Facetten ans Tageslicht, oft in Form von Trauer, Angst oder Wut und nicht selten in verworren bleibenden Zwischenstadien. Dabei bauscht sich die Handlung Schritt für Schritt auf, was zunächst nur angedeutet wird, erreicht bis zum Ende hin grausamste Ausformungen.

Wenn sich Hass und Liebe antreiben

Der Erzählfluss stoppt kaum, dann und wann mischen sich Alltagsereignisse in den düsteren Grundtenor ein, die bei genauer Lektüre stets etwas Tiefgreifendes enthalten. Vom Stimmverlust einer nicht auslebbaren Homosexualität bis hin zu der kurzzeitig in Liebe umschlagenden Aufnahme eines Jungen mit Down-Syndrom lässt der Roman viele Aspekte zusammentreffen. Allmählich ergibt sich dann ein Geflecht an Querverbindungen voll mit Personen, Ereignissen und Handlungen quer durch Europa, das die Protagonist:innen zusammenheftet und in ihrer Verdorbenheit, aber auch Ausweglosigkeit zu Gleichgesinnten macht. Es sind die verborgenen Emotionen, die ihre Kreise um die Figuren ziehen, bis ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Luft geraubt wird. Die Ereignisse sind wie aus schmutzigsten Fantasien hervorgezogen, um eine Welt zu beschreiben, die sich nach außen förmlich gibt, doch innerlich blutet. Wobei es zeitgleich schwer fällt, die Reihe um Reihe aus dem Blickwinkel der Schriftsteller:innen, Komponist:innen oder Bildhauer:innen wiedergegebenen Geschichten für bare Münze zu nehmen. Ist nicht alles eine bloße Erzählung, die sich in den Gehirnen der Romanprotagonist:innen fortspinnt?

Ein etwas anderer Lesegenuss

Der Roman ist schwer zumutbar und birgt durchaus das Potential in sich, für Albträume nach der nächtlichen Lektüre zu sorgen, nicht nur, wenn Töffels Misshandlungen an Tieren ebenso authentisch auf seine menschlichen Mordphantasien und Mordtaten übertragen werden. Die glasklare Sprache, bereichert mit bildhaften Metaphern, trägt das Ihre dazu bei. Wie verstümmelte spinnenartige Wesen tanzen und zucken die Opfer in ihrem Netz, ohne vor und zurück zu kommen. Es sind Gefangene, dem Tode Geweihte und nichts als das Lächeln des Teufels bleibt über, der sie wie Käfer zerdrückt. Töffels Mord an seinen Neffen oder an dem Liebhaber seiner Begehrten wird derart schonungslos dargelegt, als sei es das Normalste auf der Welt – und erhält gerade dadurch eine Steigerung ins Unermessliche: „Als der Rumäne sich nicht mehr rührte, erweckte er im Wasser den Eindruck eines zerstörten Gegenstandes. Er war für ihn auch nichts anderes als ein Gegenstand, der zerbrochen war“, heißt es an einer Stelle des Romans. Reue gibt es im Roman nur selten. Eher überwiegen die Lust und der Genuss, dem Leiden der Anderen zuzusehen. „Schließlich rammt ihm der Unsichtbarste von uns allen eine Gabel in die linke Hinterbacke. Oh ja, es schmerzt mich heute noch, zugeben zu müssen, dass ich, wie all die anderen auch, hinterher Beifall geklatscht habe“, so ein Erlebnis Theo Fiskes im Gefängnis. Manchmal scheint es fast so, als ob Schillinger und Kumpanen im Massenmörder Töffels ihr verhasstes Alter-Ego erkennen. Blickt man auf das Ende der Erzählung mit der Peinigung Töffels durch die anderen Protagonist:innen, so dreht sich plötzlich das Verhältnis tatsächlich um. Der Massenmörder kann nicht weggesperrt werden, vielleicht auch, weil sich die eigenen Gedanken in den schwarzen Abgründen der Seele nicht bändigen lassen. Sobald sie befreit von diesem Schurken scheinen, taucht er wie vom heiteren Himmel wieder auf, übermannt sie und gewinnt die Oberhand. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Eigeninitiative zu ergreifen und sich an seinem Leiden noch zu erquicken, wie er es selbst so lange tat.
„Neuneinhalb Finger“ ist ein Buch, das einem selbst die Fesseln auferlegt und einen nicht fliehen lässt. Wie in einem Horror-Schauspiel, aus dem es kein Entkommen gibt, ertappt man sich Mal für Mal dabei, die erschreckendsten und grausamsten Szenarien mit größtem Genuss zu verschlingen und geradezu nach authentisch niedergeschriebenen Peinigungen zu dürsten. Lebt in jedem von uns gedanklich ein Massenmörder Töffels? Ein Buch, das beweist, wie das Lesepublikum sich gerade am Grauen ergötzen lässt, indem es Gedanken um Gedanken weitertreibt, bis zur vollständigen Ekstase. Wer „Neuneinhalb Finger“ liest, verspürt Angst, Lust, Freude, Ekel und Genuss zugleich. Ganz im Sinne des Figurenpersonals selbst.

Stephan Alfare: Neuneinhalb Finger. Dachbuch-Verlag, Wien 2022, 448 Seiten, broschiert, ISBN: 978-3-903263-47-5, Euro 20,60

Gefühle kommen in Alfares Werk in vielen Facetten ans Tageslicht, oft in Form von Trauer, Angst oder Wut und nicht selten in verworren bleibenden Zwischenstadien (© Dachbuch Verlag)

Gefühle kommen in Alfares Werk in vielen Facetten ans Tageslicht, oft in Form von Trauer, Angst oder Wut und nicht selten in verworren bleibenden Zwischenstadien (© Dachbuch Verlag)

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  • Gefühle kommen in Alfares Werk in vielen Facetten ans Tageslicht, oft in Form von Trauer, Angst oder Wut und nicht selten in verworren bleibenden Zwischenstadien (© Dachbuch Verlag) Gefühle kommen in Alfares Werk in vielen Facetten ans Tageslicht, oft in Form von Trauer, Angst oder Wut und nicht selten in verworren bleibenden Zwischenstadien (© Dachbuch Verlag)