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24.10.2021 |  Ingrid Bertel

Susanne Alge: „Von Fremden und anderen Aussenseitern“

Eine ziemlich unvollkommene Familie Seit 30 Jahren lebt die gebürtige Lustenauerin Susanne Alge in Berlin. Aber wenn sie „Von Fremden und anderen Aussenseitern“ erzählt, könnten wir die auch gleich um die Ecke finden.

Gute Literatur hat zwei Voraussetzungen: Empathie und handwerkliches Können. Über beides verfügt Susanne Alge in reichem Maß. Sie führt uns sehr nahe an ihre Figuren – so nahe, dass es keine Distanz mehr gibt. Da sind zum Beispiel zwei Brüder, die sich ständig in die Haare geraten, „und bei näherem Nachdenken liegen nicht mehr Gutes und Schlechtes nebeneinander, sondern aus dem Schlechten allein lässt sich eine Wand aufrichten, an der Nachsicht, Liebe und Geduld zerschellen.“
Wer hat diese Erfahrung nicht gemacht? Die besonderen Umstände der Brüder kommen später ins Spiel, dann nämlich, wenn wir so vertraut sind mit ihnen wie mit eigenen Brüdern oder Schwestern. Dann aber hallen die Schrecken des 20. Jahrhunderts nach. Der eine versucht sich mit seinem Schreibwarengeschäft durchzuschlagen und die NS-Diktatur irgendwie zu ignorieren; der andere zieht als Partisan in den Spanischen Bürgerkrieg und von dort, zutiefst enttäuscht, nach Mexiko. Das sind Stationen des Autors Gustav Regler – und es wäre nicht die erste Biografie, die Susanne Alge schreibend erkundet. Aber eigentlich ist es egal, ob wir von Gustav Regler je etwas gehört haben. Es geht um einen Konflikt, den wir alle schon einmal kennengelernt haben und um eine Zeit, die wir alle zu begreifen suchen.

Es heißt ja nicht umsonst Seilschaften

Dass sich der NS-Oberst, der sie als Kind so ängstigte, 1945 erhängt hat, erzählt eine Putzfrau. „Mein seliger Vater fand immer ein bisschen verdächtig, woher alle plötzlich ihre Seile hatten, aber es heißt ja nicht umsonst Seilschaften…“  Eine „Frau Professor“, die damals als Kind vor den Nazis versteckt wurde, die hat die Putzfrau sehr gerne. Als sie die Dame leblos in ihrer Wohnung auffindet, ist sie überzeugt, das war Mord. Schließlich sieht sie sich jeden Abend einen Fernseh-Krimi an. Und sie weiß auch, wer der Mörder ist: Ahmed, der Lehrling in der Bäckerei nebenan. „Spinnst jetzt du komplett?“, fragt Resi, die Bäckerin. „Da krieg ich gleich einen ganzen Roman erzählt, dass der Lehrling, der zarte Bub, die ganze Woche schon mit hohem Fieber im Bett liegt…“
Kann das eine Rassistin überzeugen? Natürlich nicht. Aber die Putzfrau ist eben nicht nur Rassistin, sie ist auch Mensch, und Susanne Alge erzählt von ihr so, dass sie uns in die Verwirrtheit dieser Frau hineinzieht. Ihre klare Haltung gibt sie dabei nicht auf, aber Susanne Alge hat jene Empathie, die Menschen ihre Würde zugesteht.
„Sie half gern, damit war sie wenigstens beschäftigt“, sagt ein Sohn nach dem Tod seiner Mutter – den trockenen Witz soll einmal einer Susanne Alge nachmachen. Viele Worte braucht sie nicht, um zu zeigen, wie einem der eigene Egoismus bewusst wird.

Jene, die alles passend machen

Streng schaut Beethoven auf eine der Erzählungen herab. Alges Ehemann Hartwig Riemann steuert zu jeder eine exquisite Fotografie bei. Beethoven wegen der „Wut über den verlorenen Groschen“. Den wünscht sich eine Mutter als Musik bei ihrer Beerdigung. „Mich traf der Schlag. Andere Mütter wünschen sich Mozarts Requiem oder sonst etwas, was zum Tod passt.“ Alges Sarkasmus trifft jene, die alles passend machen. Denn es geht nicht an, dass die menschliche Familie auch nur um eine Macke ärmer wird.

Susanne Alge: Von Fremden und anderen Aussenseitern. PalmArtPress, Berlin 2021, 180 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-96258-073-5, € 20

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