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07.04.2021 |  Ingrid Bertel

Tod nach Fahrerflucht

In seinem Roman „Bogners Abgang“ fragt Hans Platzgumer nach dem feinen Unterschied zwischen Schuld und Schuldgefühl.

Eines muss man Hans Platzgumer lassen: Sein Roman „Bogners Abgang“ ist ein echter Pageturner. Dafür sorgen fein austarierter Suspense, eine Prise Lokalkolorit und ein Thema, über das sich trefflich diskutieren lässt. Der Kunstkritiker Kurt Niederer ist tot. Er wurde nachts beim Überqueren einer Innenstadtstraße in Innsbruck angefahren. Der Lenker beging Fahrerflucht.
Ob die Studentin Nicola Pammer den Unfall verursacht hat? Sie weiß es nicht wirklich, hat nur eine Notiz in der Zeitung gelesen – und ist zur fraglichen Zeit, etwas angesäuselt, nach einer Party Richtung Vorarlberg gefahren. Weil sie so gut wie jedes Wochenende zu Hause verbringt – das typische Vorarlberger Student*innen-Verhalten eben; offenbar hat sich daran in den letzten fünf Jahrzenten nichts geändert.
Möglicherweise ist Niederer aber auch auf der Flucht von einem Pistolen-Attentat in das Auto gerannt. Wurde er von einem Projektil aus seiner Walther PPK getroffen? Das fragt sich der Künstler Andreas Bogner. Die Pistole hat er sich bei seinem Schwiegervater ausgeborgt, um sie zu zeichnen. Aber er hat damit auch in der fraglichen Nacht dem verhassten Kurt Niederer aufgelauert.

Rich Kid Artist

Als „Rich Kid Artist“ hat ihn Niederer in einer Radiodiskussion verhöhnt. Und davor schon als Juror eine Videoinstallation, die Bogner für ein Projekt im öffentlichen Raum einreichte, in Grund und Boden gestampft. „Bogner plante eine ununterbrochen und auf unbestimmte Zeit laufende, in Echtzeit berechnete Computeranimation, die die fortschreitende Zunahme der Weltbevölkerung bildlich darstellte. Auf einer Videowand, die aus zwanzig HD-Monitoren bestand, wurde die Weltbevölkerung als Meeresspiegel dargestellt. Jeder neugeborene Mensch erschien in Echtzeit als Wassertropfen am oberen Rand, fiel ins animierte Menschenmeer hinab und ließ den Wasserspiegel somit, wenn auch unmerklich, ansteigen.“
Das könnte herrlich provokant wirken im Heiligen Land Tirol, freut sich Andreas Bogner. Er ist völlig überrumpelt, als ihn Kurt Niederer deswegen als Rassisten bezeichnet, „und ich glaube nicht, dass es im Interesse der Stadt Innsbruck ist, die sich als Touristendestination um ein weltoffenes Image bemüht …“
Genussvoll spielt Platzgumer mit der Beliebigkeit von Kunst-Kriterien und steigert die sardonische Distanz noch, wenn er Andreas Bogner in eine Krise stürzen lässt. Sie hat sich seit längerem angekündigt. Bogner lebt interesselos neben seiner Frau Astrid her, aber die ergreift jetzt die Initiative und schickt ihn zum Therapeuten. Wie das genau mit der ärztlichen Schweigepflicht sei, fragt der Künstler. Wenn er zum Beispiel erzähle, dass er jemanden umgebracht habe? „Dann wäre es ja zu spät, um noch einzugreifen. Dann könnte ich und dürfte ich nichts mehr unternehmen.“ Ja, wer was ausgefressen hat, kann sich einen solchen shrink nur wünschen!

Keine Zeugen, keine Anklage

Vor ihrem inneren Auge sieht Nicola Pammer immer wieder dieses Gesicht vor der Windschutzscheibe, „das dort von einem Moment auf den anderen aufgetaucht und von einem Moment auf den anderen wieder verschwunden war.“ Sie versucht sich den Unfall schön zu reden und verlässt sich im Übrigen auf ihre tatkräftige Mutter. Schon weil diese Mutter jegliche Zweifel im Keim erstickt.
„Du und Papa, ihr habt uns doch immer angehalten, nicht zu lügen?“
„Lügst du, wenn du diese Episode aus deiner Erinnerung streichst?“
Mama bucht ein Wellness-Hotel in Bezau, „und nach diesem Tapetenwechsel wirst du die Welt wieder mit anderen Augen sehen, mein Schatz.“ Da ist der Schatz zufrieden, es geht halt nichts über mütterliche Autorität in moralischen Fragen.
Hans Platzgumer liebt es, seine Romanfiguren extremen Situationen auszusetzen. Er schickte sie in die Eiswüsten Spitsbergens („Weiß“), in die atomar verseuchten Prypjat-Sümpfe („Der Elefantenfuß“), in das vom Bürgerkrieg gebeutelte Libyen („Trans-Maghreb“), in ein Erdbeben („Korridorwelt“) oder auf eine suizidale Bergtour („Am Rand“). So gesehen ist der tödliche Autounfall, der die Handlung in seinem neuen Roman auslöst, von überraschender Alltäglichkeit. Und genau das zeugt von handwerklichem Können. Denn die banale Situation ermöglicht es uns Leser*innen, den Fragen nachzusinnen, die Platzgumer aufwirft. Ist sie uns wirklich geläufig, die entspannte Amoral von Nicola Pammer? Kennen wir sie wirklich so in- und auswendig, die als Künstlertum maskierte menschliche Gleichgültigkeit, die bedenkenlose Egozentrik von Andreas Bogner?
Platzgumers Roman mit seinen handwerklich gekonnten Spannungsbögen ist leicht lesbar – und vielleicht liegt genau darin eine gewisse Perfidie. Denn der Autor bannt uns damit vor die Frage, wie es um die eigene Fähigkeit zum Schuldeingeständnis wohl stehen mag.

Ingrid Bertel ist Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Hans Platzgumer: Bogners Abgang, Zsolnay, Wien 2021, 144 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-552-07204-6, € 20,60

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