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18.09.2022 |  Walter L. Buder

Vom Ungeist der Parteilichkeit und der Abschaffung der Parteien

Zum Autor, Journalisten, Kritiker, Herausgeber, Prosaiker, Essayist und Lyriker (in französischer und deutscher Sprache) – gesellt sich nun auch der Übersetzer Willibald Feinig (geb. 1953). Er hat sich Simone Weils „Notizen zur Abschaffung der politischen Parteien“ aus den 1940er-Jahren gewidmet. In Form eines 63-Seiten-Paperbacks (Satz und Gestaltung von Laurenz Feinig, Grafische Praxis, Feldkirch) ist der schmale Band im Verlag Bibliothek der Provinz als zweisprachige Ausgabe jüngst erschienen.

Das französische Original und die Übersetzung stehen sich zeilengenau 1:1 gegenüber, wobei das Original einen lichteren Schwarzton hat. Der Umschlag ist in bordeauxrot/ schwarz gehalten, die Titelseite signalisiert klare Sachlichkeit auf den provokanten Titel konzentriert. Auf den Umschlag-Innenseiten sind Kürzestinfos zu Person und Werk Simone Weils und zum Übersetzer zu lesen. Die mehr als gelungene Übersetzungsarbeit ist auch formal ansprechend und einladend.

Spannende Lektüre, veränderungsträchtiges Gedankenfutter

Wieso unterzieht man sich ohne Not und aus freien Stücken der mühsamen Arbeit, diesen Text zu übersetzen, der zudem von einer „Verrückten“ (Charles de Gaulle) vor etwa 80 Jahren geschrieben worden ist, übertitelt mit einem leidenschaftslosen Satz, der hammermäßig in den politisch so „vertrauten Alltag(s) in Österreich“ (S. 5) und weit darüber hinaus, fährt? Genau deswegen, wäre eine Antwort; eine zweite, aus dem Leben des Kirchenvaters Augustin: „Nimm und lies!“ Spannende Lektüre, veränderungsträchtiges Gedankenfutter vom Feinsten wird geboten: (a) zu einem Thema, das unser aller Leben im sozialen, politischen Miteinander wesentlich angeht; (b) mit einem bedachtsam, empathisch und sachkundig übersetzten französischen Text, der vor ca. 8 Jahrzehnten von einer genialen, todkranken jungen Frau, die heute als Philosophin, Aktivistin und Mystikerin als kompromisslos-radikale spirituelle Meisterin gilt,  geschrieben wurde und seit den 1950er Jahren zum Grundbestand der europäischen Geisteswelt gehört.

Vom Kampf gegen die Ansprüche der Parteikollektive

Wer von uns demokratischen Bürgern:innen hätte je daran gedacht, die politischen
Parteien abzuschaffen? Ja gut, im Stillen, bei sich, in der „geschlossenen“ Stammtisch-Gesellschaft oder im überschaubar-handverlesenen Freundeskreis, also im Privaten – da kann es vorkommen, dass man sie „zum Teufel wünscht“. O-Ton Weil und gleichzeitig ein kleiner Beweis gegen den Generalverdacht, sie hätte keinen Humor: „Würde man den Teufel das öffentliche Leben organisieren lassen, er könnte sich kein genialeres System wünschen.“ (S. 47) Die Spatzen pfeifen es aus allen Umfragebüros (sie gehören zum Parteisystem, wie Corona zum normalen Leben): Die Wahlbeteiligung sinkt, die Politikverdrossenheit steigt; das Volk, der Souverän, vollzieht die „innere Kündigung“. Dazu kommt Korruption, Nationalismus, neuerwachter Totalitarismus; Spaltungen, Risse, die Demokratie ächzt in einem himmelschreienden Revival der alten Todsünden[1]. Digitale Verbrechen kannte die weil’sche Welt noch nicht: Brexit-Manipulation, Kapitol-Sturm – es steht gar nicht gut um unsere kleinen und großen Welten, klimamäßig auch nicht und demokratiepolitisch, naja … vom Krieg und den Kriegen nicht zu reden. Nicht so schlecht allerdings, dass die Suche nach Rettung, Heilung, Auswegen schon aufgegeben wäre. Noch wird gekämpft – auch mit und gegen die Ansprüche der Parteikollektive, die „das ganze Geistesleben unserer Zeit“ beeinflussen. (S. 49)
Wer von uns könnte, würde oder möchte im Ernst und in der prekären Situation, die einen jeden von uns umgibt, ja durchdringt – über ein politisches Projekt nachdenken, mit dem Ziel, die Parteien abzuschaffen, deren „genau genommen einziges Ziel (…) ihr eigenes - unbegrenztes - Wachstum ist“. Auf lustenauerisch: „Ehar nö, joo eigentli: Nö!!“ Und warum ist das so? O-Ton Weil: „Was wir ‚Demokratie‘ nennen, bietet dem Volk keine Gelegenheit und gibt ihm keine Mittel in die Hand, seine Meinung über irgendein Problem des öffentlichen Lebens zu äußern.“ (S. 21) Das absolute „keine“ könnte u. U. relativiert werden, meinen Sie? Gut, vielleicht … aber: Der „Stachel“ des Wahren darin, des Gerechten und des Vorrangs des Gemeinwohls steckt im „Fleisch“ der Gesellschaft …

Ein politisch-mystisch-philosophisches Vermächtnis

Und das ist gut so! Der totalitäre Ungeist namens Parteilichkeit hat sich breit gemacht in Kunst und Wissenschaft, in öffentlichen Institutionen und Medien, ja selbst in der Kirche. Er gewinnt „wo das Parteiergreifen und Stellung beziehen die Verpflichtung nachzudenken“ (S. 63) abgelöst haben und hindert die Vernunft als Wegbereiterin zu wirken „für das innere Licht der Evidenz, die Gabe der Unterscheidung“, das den Einzelnen in die Seele gelegt ist. Mit anderen Worten: Ohne die Abschaffung der politischen Parteien ist „Die Verwurzelung“[2], also der Versuch, die Grundprinzipien der Menschlichkeit und der Zivilisation neu zu bestimmen, kaum realisierbar. Ihre Vorstellung dieser neuen Grundkategorie des Menschseins – die reale, aktive und natürliche Teilhabe eines Menschen am Leben einer Gemeinschaft – zu gestalten, ist ihr „Glaubensbekenntnis“, wie sie es selbst nannte. Darüber hinaus ein politisch-mystischphilosophisches Vermächtnis, dessen Potential noch weitgehend ungehoben ist.

[1] Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Faulheit. vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Todsünde
[2] Simone Weil, L’enracinement. Prélude à une déclaration des devoirs envers l’être humain. Gallimard, Paris 1950. / Dt. Erstausgabe: Die Einwurzelung. Einführung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegenüber. Übers. von Friedhelm Kemp. München 1956.

Simone Weil: Notizen zur Abschaffung der politischen Parteien. Hrsg. und übersetzt v. Willibald Feinig, Text dt. und französ., Bibliothek der Provinz, Weitra 2022, Paperback, ISBN 978-3-99126-113-1, Euro 10

„Die Parteien, die Demokratie und das Gemeinwohl“
Buch-Präsentation von Simone Weils Traktat „Notizen zur Abschaffung der politischen Parteien” neu übersetzt und herausgegeben von Willibald Feinig
Mi, 21.9., 19.30 Uhr, Spielboden, Dornbirn

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