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09.09.2021 |  Raffaela Rudigier

Von Internet-Trollen und verunsicherten Frauen

Der neue Roman „Die Nachricht“ von Doris Knecht ist ein „Pageturner“: spannende Story, aktuelles Thema, rasant geschrieben, gute Lektüre. Die Wahl-Wienerin und ursprünglich aus Vorarlberg stammende Autorin beweist einmal mehr, dass sie ihr Handwerk beherrscht. Der cineastische Roman hat die Spannung eines Krimis und erzählt gleichzeitig von der langsamen Veränderung seiner Hauptfiguren wie ein klassischer Entwicklungsroman.

Es geht um Ruth, eine Frau in der Mitte ihres Lebens. Sie hat zwei schon fast erwachsene Söhne, eine noch etwas ältere Stieftochter und einen toten Mann: Ludwig. Ruth kommt mittlerweile in ihrem Leben ohne Ludwig klar. Sie hat sich mit ihrer Familie und ihren Freund*innen eine eigene Struktur geschaffen. Als Drehbuchautorin und aktive Social-Media-Userin steht sie einigermaßen in der Öffentlichkeit. Für eine Frau mit ihren Ansichten bedeutet das mit einer steten Gefolgschaft von Internet-Trollen zu leben. Jeder feministische Kommentar zieht Beleidigungen und Drohungen nach sich. Das Blockieren von aufdringlichen Menschen ist Alltagsgeschäft und keine große Sache. Doch eines Tages erhält Ruth eine seltsame Nachricht, die sich von den üblichen Beschimpfungen durch eindeutiges Insiderwissen über die Vergangenheit unterscheidet. Was wie eine Lappalie wirkt, wird bald zu einer gefährlichen Machtprobe: Die Nachrichten werden immer bedrohlicher, und auch Ruths Freunde und Kinder sind davon betroffen. Die sonst  starke und unabhängige Frau ist plötzlich mit Ängsten und Verunsicherungen konfrontiert.

Femizide, Vergewaltigungen, toxische Maskulinität

Ein zentrales Thema des Romans ist die heutige Welt westlicher Frauen. Einerseits können Frauen hier ein weitgehend selbstbestimmtes Leben leben. Doch nach wie vor gibt es auch hierzulande Femizide, Vergewaltigungen, toxische Maskulinität, K.o.-Tropfen, anonyme verbale und sexualisierte Gewalt im Netz sowie die Tatsache, dass Frauen ihre Souveränität nach wie vor abgesprochen wird. Auch wenn es vielleicht nur gut gemeint ist: „Ständig wurde man, vor allem, wenn man eine Frau war, gefragt, ob man sich nicht einen Partner wünsche, einen Zupacker, einen Erlediger, einen Versorger, ob man sich nicht isoliert fühle, so ganz allein. Ja! Manchmal! Aber eher selten. Meistens nicht.“

Pointierte Ansichten einer Zeitgenossin

Darüber hinaus handelt der Roman von Tod und Trauer, von Langzeit-Beziehungen und Neu-Anfängen, vom Leben alleinstehender Frauen, vom Familienleben und vom Älterwerden. Alles universelle Themen, welche Doris Knecht gefühlvoll durch die Augen ihrer Figuren erkundet. Dabei werden Situationen, Gedanken, Beobachtungen oder manchmal auch einfach Landschaften so präzise beschrieben, dass man sich beim Lesen mehr als einmal denkt: „Ja genau, so ist es. Das kenne ich auch.“ Das liegt mitunter auch an den vielen sehr zeitgeistigen Themen, welche die Autorin in ihrem Roman bearbeitet.
Wie immer bei Doris Knecht äußert sich ihre Zeitgenossenschaft auch in ihrer ganz eigenen Schreibweise, die oft an ein Drehbuch für eine Serie denken lässt. Wenn Ruth beispielsweise einen schlechten Witz mit „Hilfe, Dad-Joke!“ kontert. Oder wenn sie erklärt: „Und Glucke sagt man nicht. Man sagt Helicopter-Mum. (…) Beziehungsweise, man klebt unter die Nachricht der nervtötenden Mutter einfach kommentarlos das Hubschrauber-Emoji, hat Benni unlängst.“ Eine Verfilmung von „Die Nachricht“ ist durchaus denkbar und vielleicht auch schon mitgedacht. Das klassische „Whodunit“ (in etwa: „Wer war es“) eines guten Krimis lässt die Geschichte jedenfalls spannend bis zum Schluss.

Doris Knecht: Die Nachricht. Hanser Verlag, Berlin 2021, Hardcover, ISBN 978-3-446-27103-6, € 22,70

Lesung: 18.9., 15:30 Uhr, Gasthaus Johann, Lauterach

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