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14.09.2022 |  Annette Raschner

Wenn die Schatten der Vergangenheit zu lang werden

„Jetzt also bin ich fünfzig. Wie viel ist fünfzig? Es ist viel. Es ist wenig, wenn man vergisst, sein Leben am Schopf zu packen.“ Mona heißt die Icherzählerin, die in Ingrid Maria Klosers Erzählung „Jakob geht heim“ angesichts eines weitgehend fremdbestimmten Lebens bilanziert, zurück- und letztlich auch vorausblickt. Doch im Mittelpunkt steht eigentlich gar nicht sie, sondern der Bruder ihres Mannes. Jakob, der sich vor langer Zeit nach Marokko aufgemacht hat, um seinen Großvater zu finden, der 1945 als zwangsrekrutierter Soldat in Vorarlberg stationiert war und ohne sein Wissen ein Kind gezeugt hat.

Es ist ein dunkles Kapitel Vorarlberger Geschichte, wie hierzulande mit den so genannten marokkanischen Besatzungskindern und deren Müttern umgegangen wurde. Beschimpft und ausgegrenzt, beschloss ein Großteil, den Mantel des Schweigens darüber zu breiten. Die Truppen der aus rund 30.000 Männern bestehenden ersten französischen Armee, die Anfang Mai 1945 in Vorarlberg war, bestand auch aus Einheiten marokkanischer Soldaten. Die meisten von ihnen wurden bereits im September wieder abgezogen, viele sind dann direkt in die Kolonialkriege nach Indochina und Madagaskar geschickt worden. So auch Jakobs Großvater Mohammed in Ingrid Maria Klosers Erzählung „Jakob geht heim“. Seiner damaligen Geliebten, dem gemeinsam gezeugten Kind Claire und dem Enkel Jakob blieb nur ein vergilbtes Foto, das einen Soldaten mit Turban zeigt. Claires Mutter hatte 1945 als Siebzehnjährige Arbeit in der Kasernenküche gefunden und dabei Mohammed kennengelernt. Ihr sei es verboten gewesen, nach ihrem Vater zu fragen, erzählt Claire der Icherzählerin. In der Schule hätten sie die Kinder mit Begriffen wie Negerpuppe oder Igelfresserin bedacht. Für die Dorfbewohner galt sie schlicht als Zumutung und Kind der Schande, die Mutter als Franzosenhure. Für ihre Erzählung hat Ingrid Maria Kloser viele Interviews gelesen und Gespräche mit Nachkommen geführt. Dabei habe sie erfahren, wie weit die Schatten der Vergangenheit reichen können, wenn traumatische Erlebnisse verdrängt und verschwiegen werden.

Dieser eine Moment

„Ich habe drei Kinder auf die Welt gebracht, trage den Duft der Neugeborenen in der Nase. Weiß, wie es sich anfühlt, mit einem Mann im gemeinsamen Schweiß aufzuwachen und in einen eiskalten See zu springen. Ich kenne das Gefühl, von einer unreifen Birne abzubeißen und mit lustvollem Widerwillen auf das Pelzige im Mund zu warten, wenn sich die Zähne in fremde, haarige Wesen verwandeln. Ich habe die erschrockene Leere nach dem plötzlichen Verschwinden eines geliebten Menschen gespürt, haben den leeren Platz gesehen, dort, wo wir beide gerne gesessen sind.“
Diesen leeren Platz gibt es, seit Jakob weg ist. Der Jakob mit dem bunten Käppi, den dichten Augenbrauen, den dunklen Locken und der kleinen Falte über der Nasenwurzel. Den sie, Mona, in der letzten Schulklasse auf einer Party kennengelernt hat, wo er sie des Nachts darum gebeten hat, ihn Französisch-Vokabeln abzufragen. Der mit seinem Fahrrad die Pässe hinaufstrampelte, um auf der anderen Seite auf halsbrecherische Art und Weise hinunterzurasen. „Jakob redete von einem Rausch, vom Abwärtsfahren. Das sich anfühle wie körperliche Liebe und davon, wie es ist, wenn Angst mit Lust zusammenfließt und es nur diesen einen Moment gibt.“ Jakob ist der ältere von zwei Brüdern, er hat das Tischlerhandwerk erlernt und soll nun den familieneigenen Betrieb des Vaters übernehmen. „Alle erstgeborenen Söhne hießen Jakob und so musste das Firmenschild nie ausgewechselt werden. Das war seit vier Generationen so gewesen.“ Aber dann ist Jakob plötzlich verschwunden. Just zu dem Zeitpunkt, als Mona mit dessen Bruder Clemens in Norwegen zum ersten Mal in ihrem Leben grenzenlose Freiheit schmeckt. „Hier begann die Zukunft. Unsere Zukunft. Wir würden alles anders machen als unsere Eltern, die Lehrer und alle Erwachsenen.“ Der Traum von einer eigenen, selbstbestimmten Zukunft zu zweit endet jäh, als Clemens für Jakob einspringen und in die Fußstapfen seines Vaters treten muss, der in der Erzählung nur „Chef“ genannt wird.

Das Leben als Übergang

Ingrid Maria Kloser hat Arbeits- und Organisationspsychologie studiert und weiß aus Erfahrung, was es bedeutet, wenn Menschen in Tätigkeiten gezwungen werden, die weder ihrem Interesse noch ihren Fähigkeiten entsprechen. Nach außen hin fügen sich Clemens und Mona, ohne zu murren. Doch in ihrem Inneren tobt es. Denn auch Mona muss in den sauren Apfel beißen. Als dreifache Mutter erledigt sie praktisch die gesamte Organisationsarbeit und die Buchhaltung. Sie springt für Claire ein, die nach dem Verschwinden Jakobs in eine umfassende Traurigkeit fällt.
Drei Tage, das ist die Zeitspanne, die die gesamte Erzählung umfasst: Freitag, Samstag und Sonntag. Sonntag ist der Tag, an dem die Icherzählerin fünfzig wird. Ein Datum, das in ihrem Fall eine markante Zäsur darstellt. Denn sie fällt eine Entscheidung.
Ingrid Maria Kloser erweist sich als feinfühlige, souveräne Erzählerin, die einen ruhigen, melancholischen Ton anschlägt. Sie folgt ihren Figuren mit Empathie und setzt ihre Formulierungen stilsicher, pflegt dabei aber eine gewisse Distanz. Beim Lesen hat man manchmal den Eindruck, ein Stillleben zu betrachten, denn die Figuren behalten ihr Geheimnis, vieles bleibt ungesagt und offen. „So schreibe ich. Ich möchte den Leserinnen und Lesern Raum geben, Raum für ihre eigene Imagination.“ Die Fäden werden zwischen Jakob, Clemens, Mona und Claire gezogen.
Als Max, der älteste Sohn von Mona und Clemens, zu sprechen lernt, kommt der abtrünnige Jakob zum ersten Mal auf Besuch. „Jakob erzählte von der Landschaft, ihren Farben, der rötlichen Erde, den Hügeln, den Mandelbäumen. Es sei, wie wenn man einem Menschen begegnet und das Gefühl hat, man kenne ihn bereits. Jetzt füge sich die Landschaft, die er in sich getragen habe, in ein Bild, das er wiedererkenne und auf das er gewartet habe. Er wisse jetzt, Marokko sei sein Land. Er habe sein Daheim gefunden.“ Mona und Clemens haben währenddessen ihr Daheim verloren. Die zweite Halle muss gebaut werden. Die Schulden steigen, das Ehepaar entfremdet sich zusehends. „Wenn ich an die Zeit damals denke, dann überwog bei mir stets das Gefühl, als sei dies alles eine Übergangsphase. Das Leben zweier Menschen, in deren Rollen Clemens und ich geschlüpft waren. Ein Theaterstück.“
Selbstentfremdung und Identitätskrisen – das habe sie in ihrem früheren Betätigungsfeld als Arbeitspsychologin oft gesehen, sagt Ingrid Maria Kloser. Clemens findet nicht mehr heraus, Mona kommt mit fünfzig endlich zur Besinnung. „Die Kinder sind groß, das Haus wird leer, die Beziehung steht plötzlich auf dem Prüfstand. Das eröffnet ihr Chancen, das eigene Leben neu zu gestalten.“ Ob und wie das Mona gelingt, lässt Ingrid Maria Kloser offen. Doch man darf auf den geglückten Neuanfang ebenso hoffen, wie darauf, dass das Tabu, das im Zusammenhang mit den Nachkommen marokkanischer Besatzungskinder nach wie vor existiert, endlich gebrochen wird.

Ingrid Maria Kloser: Jakob geht heim. Kollektiv Verlag, Graz 2022, 100 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-9505202-2-4, Euro 15 (erscheint am 22.9.)

Lesungen: „3 Autorinnen * 1 Abend“ mit Ingrid Maria Kloser, Ilse Krüger, Vera Juriatti; Mod. Chiara Juriatti
26.9., 19 Uhr, Würbel-Areal, Bludenz
27.9., 19 Uhr, Bildungshaus Bezau

Führung, Lesung und Autorinnengespräch: „3 Autorinnen * 1 Abend“ mit Ingrid Maria Kloser, Ilse Krüger, Vera Juriatti
28.9., ab 18 Uhr, Frauenmuseum / Hotel Gasthof Krone, Hittisau

www.juriatti.net

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