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16.09.2014 |  Ingrid Bertel

Wind und Wuchtel - Bernd Schuchters Roman „Föhntage“

In seinem Roman „Föhntage“ spürt Bernd Schuchter den politischen Verwerfungen in Südtirol zwischen der erzwungenen „Option“ (1939 – 1943), den Bombenanschlägen (1956 – 1968) und der europäischen Gegenwart nach.

„Le vent se lève – il faut tenter de vivre!“ (Wind kommt auf – wir müssen versuchen zu leben): diese Hoffnung sprayten 1968 Studenten an die Wände der Pariser Universitäten. In Italien und Österreich ermittelt die Polizei gegen Norbert Burger und andere Mitglieder des „Befreiungsausschuss Südtirol“. Das „Brennerattentat“ am 30. September 1967 hatte zwei Todesopfer gefordert: die Carabinieri Filippo Foti und Edoardo Martini. Es sind nicht Bomben, es ist der Föhn, der Veränderung bringt: eine Aussöhnung. Jahrzehnte später. Bei Josef Lahner.
Den Anstoß dafür gibt Lukas, und zwar ohne Absicht. Er spielt mit seinen Kumpels Fußball und drischt, wie’s halt so passiert, eine Wuchtel in Nachbars Fenster. Dorthin schleift ihn die Mama zwecks Entschuldigung, und weil der Bub trotzig zu Boden blickt, vergattert sie ihn zu allerhand Hilfsdiensten bei diesem reichlich mürrischen alten Mann. Josef Lahner fällt dazu nichts ein. Kino höchstens oder Spazierengehen.

Wechselbad der Gefühle


Lukas ist ein Junge, der die Welt mit einer ungeheuren Intensität wahrnimmt. Das ist nicht nur angenehm. Zum Beispiel geht er gerne schwimmen, aber die schmutzigen Umkleidekabinen, das Chlorwasser, die eklige Desinfektionsspritze machen den Besuch im Schwimmbad zu einem „Wechselbad der Gefühle“. Auf den ersten Blick hat Lukas die verdächtigen hellen Flecke auf den Unterarmen von Josef Lahner gesehen, aber er fragt nicht, hält den Mund, ahnt wohl auch gar nicht, dass es sich um die Spuren der Folter handelt. Erst als er aus dem Schwimmbad kommt und zufällig den Lahner einer Marschmusikkapelle zuhören sieht, geht er auf ihn zu. Er sieht die Tränen in den Augen des alten Mannes und hört die unverständlichen Worte „wie in Sigmundskron“.
Wo ist das? Was war da? Lukas fragt entlang seiner eigenen Wahrnehmungen; Lahner antwortet entlang seiner eigenen Erinnerungen. Mit subtiler Zartheit entwickelt Bernd Schuchter den Beginn einer Freundschaft. Die Vertreibung Lahners vom Familienhof im Südtirol, die Misshandlung des Vaters durch „die Faschisten“, der mühsame Neubeginn in Innsbruck und die Ahnungslosigkeit, mit der er in die Nähe der Bombenattentäter stolpert - das alles wird so verhalten angedeutet, dass man mit Lukas gemeinsam in eine verstörende politische Vergangenheit eintaucht.

Blick für die Geschichte öffnen


Was nimmt der Junge davon auf? Welche Fragen stellt er sich selbst? Welche dem alten Mann? Ist es das Fresko „vom Weiler“ am Innsbrucker Bahnhof, das ihm den Blick für die Geschichte öffnet? Oder ist es der Sarkasmus, mit dem Lahner die Innsbrucker bedenkt? „Sie regten sich darüber auf, dass der Hofer auf dem Bild keinen Bart hat, kannst du dir das vorstellen. Kein Bart, keine Kunst, oder wie?“

Lukas beschäftigt sich eher mit Klinsmans Fuß als mit Hofers Bart. Die Fußball-WM 1990 steht vor der Tür, das deutsche Nationalteam wird sein Trainingslager in Kaltern abhalten. Und Lahner lädt den Jungen ein, mit ihm zu Beckenbauer und Matthäus, Völler und Brehme zu fahren, zum ersten Mal ohne Eltern zu verreisen – und dabei den Bauernhof aus Lahners Kindheit zu besuchen. Es wird für beide eine Reise ins Licht. „Es ist Zeit, den Nebel zu lichten, es kommt Föhn auf. Ab heute gibt es Föhntage.“

 

Bernd Schuchter, Föhntage, Hardcover mit Schutzumschlag, EUR 19,90, 180 Seiten, ISBN 978-3-99200-120-0, braumüller Verlag, Wien 2014

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