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25.04.2016 |  Peter Niedermair

Zur Tradition eines Gewandes - Die Trachten im Montafon

Was ursprünglich eine Festschrift hätte werden sollen, ist nun ein Buch geworden. Die Grundidee dazu war, einen Einblick in die Trachtenlandschaft des 21. Jhts. und einen Überblick über die Trachten des Montafons zu geben. Ulrike Bitschnau, Obfrau des Vorarlberger Trachtenverbandes, ist die Koordinatorin. „Die Trachten im Montafon“ dokumentiert einen Jetztstand und hat auch viele kenntnisreiche Details im Kunsthandwerklichen zutage gefördert, besonders was eine der ältesten Kopfbedeckungen der Montafoner Frauen-Tracht anbelangt, das Mäßli (kleines Schaff = Maß), oder das Nähen an sich, Handwerke, die es zum großen Teil heute nicht mehr gibt. Otto Pfister schrieb bereits 1880: „In ihrer Kopfbekleidung bei Kirchgängen unterscheiden sich die Mädchen von Gaschurn von ihren Genossinnen im übrigen Montafon. Sie tragen nämlich moderne Kränze aus künstlichen Myrthen, und zwar schon seit langen Jahren, während sonst das sogenannte ‚Schappele‘, ein reizendes Krönlein aus Flittergold, im Gebrauch ist.“ Sigrid Bannier hat auf Initiative des Landestrachtenverbandes ein Mäßli nach alter Methode hergestellt. Das verwendete Material ist die Wolle des Montafoner Steinschafs.

Das Trachtenbild der Vorarlberger Gesellschaft


Das Thema ist emotional, mit wem immer ich korrespondiere oder spreche. Es geht um Symbole, um Zugehörigkeit, um Heimatbegriffe, über die man reden muss. „Die Tracht, die wir hier im Buch beschreiben“, erläutert Ulrike Bitschnau gegenüber KULTUR, „ist ein Abbild der Weiterentwicklung der historischen Trachten im Montafon. Im Montafon ist die Tracht Teil der Identität, so wie es die Sprache auch ist, sie ist aber eben nicht ausschließend oder abschottend, es ist keine heimattümelnde, rückwärtsgewandte, nostalgisch-verklärende Bekenntniskleidung.“ Den kritischen Stimmen entgegnet sie, eine Tracht sei keine Uniform, man grenze sich auch vom Dirndl-Lederhosen-Landhaustum ab. Man weiß um das Verbot der Tracht 1938, als den Juden das Tragen von Tracht verboten wurde, nachdem das Dirndl als jüdisches Nationalkostüm angesehen wurde, maßgeblich entwickelt durch Max Wallach, der um 1900 in München ein Fachgeschäft für Volkskunst eröffnete und die Tracht auch in der Stadt salonfähig machte, und weit über München hinaus.

Die Geschichte der Tracht spiegelt, wie Bernhard Tschofen in „Trotz aller Ungunst der Zeit“ schreibt, eine Geschichte der Ambivalenz. Dazu gehören u.a. die Romantisierung, Ideologisierung und nostalgische Verklärung. Aber eben auch das Spiel mit Verkleidung und Lokalkolorit, die Suche und Sehnsucht nach Identität und Zugehörigkeit. Michael Kasper und Elisabeth Walch, von den Montafoner Museen, schreiben am Beginn des 128 Seiten starken Buches den lesenswerten historischen Teil. Die Tracht wird verstanden als Traditionsgewand bäuerlichen Ursprungs und als Kulturgut gepflegt, dabei spielt der Anspruch, Tracht historisch korrekt zu tragen und sie in einer ursprünglichen Form zu bewahren, eine große Rolle. Im Buch gibt es einen informativ gestalteten Teil zur historischen Tracht im Montafon, dem die erneuerte Tracht gegenüber gestellt ist. Die Details sind genau geforscht, kenntnisreich dargestellt und verständlich beschrieben. Fachbegriffe im Dialekt und der Hochsprache ergänzen sich aufs Beste.

Zeitgenössische Trachtenbegeisterung

Wo begegnen wir heute Trachten? U.a. wenn der Bundespräsident zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele kommt. Das stärkt die Symbolkraft des Trachtenmäßigen, damit kann heimatverbundene Politik demonstriert werden. Bei solchen Auftritten ist auch die fotografische Darstellung interessant. Die Grenze zwischen Abbild und Inszenierung ist, wie früher schon, auch heute nicht leicht zu ziehen, zumal die fotografische Perspektive nach wie vor in dieser langzeit-typischen Tradition steht. Davon sprechen auch die Fotos im Montafoner Trachtenbuch.
Der Trachtenboom in Vorarlberg hält an. Einer starr reglementierten Tradition ist heute jedoch ein stärker spielerischer Umgang mit der Tracht sichtbar. Das Vorarlberg Museum sammelt nicht nur Trachten im klassischen Sinn, sondern Beziehungsgeschichten mit globalem Kontext hinsichtlich Materialien, Techniken, Produktion, Träger. So hat man anlässlich der Ausstellung „Lustenau Lagos – African Lace“ 2013 traditionelle nigerianische Bekleidungs-Stickereistoffe angekauft, oder ein oben erwähntes Montafoner Mäßli aus gefilzter Wolle. Die Sammlung deckt die Trachtenlandschaft Vorarlbergs im Wesentlichen ab, schreibt mir Theresia Anwander aus dem Vorarlberger Trachtenverband Bregenz.

Der Trachtenverband plant, regional Schritt für Schritt in einer ähnlichen Grundausstattung zu den einzelnen Regionen im Land zu publizieren, letztlich soll eine Reihe über die Trachten verschiedener Regionen und Talschaften in Vorarlberg entstehen. Diesen Trachtenverband gibt es seit 1957; Kernaufgaben für die ca 4.500 Mitglieder in 60 Vereinen sind Pflege, Erhalt und Entwicklung der TrachtVolkslied, Volksmusik; Trachtenförderung gibt es für die Trachtenvereine und die Blasmusik; 105.000,-- Euro subventionierte das Land Vorarlberg 2015 für Programm und Betrieb.

Trachtengespräche


Offen bleibt die Frage, woher dieser Boom kommt. Das ganze Land hat sich insgesamt aus den traditionellen Lebenszusammenhängen entfernt, Modernisierung und Globalisierung haben sich ausgebreitet, die Sehnsucht nach Heimat dürfte ein gutes Stück weit damit zusammenhängen. Mit den Trachten spürbar, meine ich, ist eine gewisse Sehnsucht nach der „Harmonie lokaler Verhältnisse“ verbunden. Zudem ist die Selbstkonstruktion Vorarlbergs im Laufe der letzten 25 Jahre einer differenzierten Auseinandersetzung gewichen, die Auseinandersetzung um das „Making of“ der Ausstellung im Vorarlberg Museum ist Abbild dieser veränderten Voraussetzungen. Das vorliegende Buch ist kein Versuch der Idealisierung der Vergangenheit oder der Re-Ideologisierung der Tracht. Es ist ein Dokument der vielschichtigen Diskursverhältnisse, wie in diesem Land Aneignung von Geschichte und Tradition stattfindet. In diesem Sinne kleiden sich die Montafoner Trachten-Trägerinnen und (wenigen) Träger in der Tradition eines Gewandes. Darüber zu reflektieren lohnt sich allemal. Das Buch, hinter dessen Erarbeitung ganz viele stehen, ist sehr schön geworden, es gibt kluge Texte, ein klares Layout und eine gute Bebilderung. Darauf darf man stolz sein!

Vorarlberger Landestrachtenverband (Hg.): Die Trachten im Montafon. Recherche Ulrike O. Bitschnau, Gestaltung Wolfgang Rützler, Hardcover, 128 Seiten, ISBN 978-3-99018-378-6, € 24,–

Literaturhinweise:
Bernhard Tschofen: „Trotz aller Ungunst der Zeit“: Anmerkungen zu einer zweiten Geschichte der Tracht in Vorarlberg. In: Kleider und Leute: Vorarlberger Landesausstellung 1991, S. 323-377.
Monika Ständecke: Dirndl, Truhen, Edelweiss – Die Volkskunst der Brüder Wallach. Peschke München, 2007, Ausstellung am Jüdischen Museum München.

Buchpräsentation: Samstag, 30.4.2016, 19 Uhr
Kultursaal (Haus des Gastes), Schruns

Historische und erneuerte Trachten im Montafon © Andreas Künk

Historische und erneuerte Trachten im Montafon © Andreas Künk

Der einzige Montafoner Schäppelmacher ist Hermann Bitschnau. Er hat die Kunst des Schäppel-Fertigens durch Studieren der historischen Vorlagen und durch jahrelanges Probieren perfektioniert. © Patrick Säly

Der einzige Montafoner Schäppelmacher ist Hermann Bitschnau. Er hat die Kunst des Schäppel-Fertigens durch Studieren der historischen Vorlagen und durch jahrelanges Probieren perfektioniert. © Patrick Säly

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  • Historische und erneuerte Trachten im Montafon © Andreas Künk Historische und erneuerte Trachten im Montafon © Andreas Künk
  • Der einzige Montafoner Schäppelmacher ist Hermann Bitschnau. Er hat die Kunst des Schäppel-Fertigens durch Studieren der historischen Vorlagen und durch jahrelanges Probieren perfektioniert. © Patrick Säly Der einzige Montafoner Schäppelmacher ist Hermann Bitschnau. Er hat die Kunst des Schäppel-Fertigens durch Studieren der historischen Vorlagen und durch jahrelanges Probieren perfektioniert. © Patrick Säly