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14.12.2011 |  Thorsten Bayer

Die Unmöglichkeit der Grubenhunde in „Russ-Land“ – Professor Fritz Hausjell war zu Gast am Spielboden

„Neue Spielräume – Zukunftsradar“, die vierteilige Vortrags- und Diskussionsreihe am Spielboden Dornbirn, ist mit einem interessanten und amüsanten Abend zu Ende gegangen. Zu Gast war Fritz Hausjell. Der renommierte Professor für Medien- und Kommunikationsgeschichte an der Universität Wien hatte neben informativen Einblicken auch zahlreiche Anekdoten aus der österreichischen Medienlandschaft zu bieten. Moderiert wurde der Abend von August Gächter.

„Medienkonzentration und die Zukunft der Medienfreiheit“ war der rund anderthalbstündige Vortrag – der nie zum abgespulten Monolog wurde – überschrieben. Ein Thema, zu dem es in Vorarlberg besonders viel zu sagen gibt, wie auch Andreas Haim, Geschäftsführer des Spielbodens, in seiner Einleitung anmerkte: „Beim Stichwort Medienkonzentration müssen wir uns hier besonders angesprochen fühlen.“ Es galt, einen genauen Blick auf das Vorarlberger Medienhaus, seine Strukturen und zahlreichen Beteiligungen zu werfen. Professor Hausjell nahm den Gedanken sofort auf: „Sie kennen ja sicherlich die Scherze mit Vorarlberg als ‚Russ-Land’“.

Dicht besetzter Markt – „Krone“ ohne Chance

Tatsächlich falle ihm keine vergleichbare Situation ein, in der –mit den Vorarlberger Nachrichten – die größte Tageszeitung eines Bundeslandes derart unangefochten an der Spitze liegt und zudem die Nummer zwei (NEUE) aus dem gleichen Haus kommt. „Eugen Russ denkt als Verleger in erster Linie ökonomisch. Nicht die Publizität ist für ihn entscheidend, die Marktanteile sind es.“ Diesen Weg beschreite Russ zum einen durch Aufkäufe, gerade in den elektronischen Medien – aktuellstes Beispiel die 25-prozentige Beteiligung an Ländle TV.
Zum anderen positioniere er sofort Konkurrenzprodukte, sobald ein Wettbewerber den Vorarlberger Markt betrete. Dazu erinnerte Hausjell an das Magazin „Weekend“, dem das Medienhaus umgehend „Week“ gegenüberstellte. „Ein anderes Mittel, um die eigene Position zu sichern, sind klassischerweise Dumpingpreise bei Inseraten“, berichtete der 52 Jahre alte gebürtige Oberösterreicher. Der Vorarlberger Markt sei sehr dicht besetzt, auch am Sonntag. So habe selbst eine Zeitung wie die „Krone“ kaum eine Chance, Marktanteile zu gewinnen.

„Da hat es mich fast gerissen“

Das ökonomische Prinzip verfolgt Russ sehr konsequent. Dazu zählte die Strategie, grundsätzlich jedes Jahr einem bestimmten Prozentsatz der Mitarbeiter zu kündigen. Jene mit der geringsten Rentabilität müssten gehen, dadurch wachse auch der Druck auf die übrige Belegschaft. Wie andere Verleger auch habe sich Russ gegen die Quinquennien, die laut Kollektivvertrag vorgeschriebenen Gehaltssprünge nach jeweils fünf Jahren, gestellt. Dazu sagte der Verleger in einem APA-Interview im Juli 2010: „Für uns ist es wichtig, dass wir uns nicht mit Seniorität auseinandersetzen müssen.“ Fassunglosigkeit bei Hausjell, der zugab: „Da hat es mich fast gerissen.“

Grubenhunde

Bezeichnend für die Medienkonzentration in Vorarlberg war eine aktuelle Anekdote, die Hausjell erzählte. „Auf der Zugfahrt hierher habe ich einen Anruf erhalten und wurde um eine Einschätzung zu Grubenhunden gebeten.“ Damit sind gefälschte oder zumindest tendenziöse Geschichten gemeint, die Redaktionen in fixfertiger Aufbereitung „untergejubelt“ werden. Als einer der Erfinder dieser Idee gilt übrigens Karl Kraus. Durch fehlende Nachrecherchen schleichen sich so auch bei Qualitätsmedien immer wieder Fehler ein – auch durch das teils blinde Vertrauen auf Wikipedia als seriöse Informationsquelle. Den Wikipedia-Eintrag des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Guttenberg, der fälschlicherweise um einen elften Vornamen (Wilhelm) ergänzt war, hätten etliche Medien ungeprüft übernommen, unter anderem Spiegel Online und Bild. „Ich habe dann lange überlegt, wie ein solcher Grubenhund in Vorarlberg aufgedeckt werden könnte. Schwierig – allenfalls online.“

Stärkere Professionalisierung

So speziell die Lage in Vorarlberg sei, auch beim Blick auf Österreich insgesamt zeige sich eine enorme Konzentration im internationalen Vergleich: „Die jetzigen Anti-Konzentrations-Gesetze haben diese Situation nicht verhindern können“, sagte Hausjell und monierte: „In Österreich gibt es generell ein zu enges Verhältnis zwischen Politik und Medien.“ Er wünschte sich eine stärkere Professionalisierung: „Journalisten sind dem Publikum verpflichtet. Das bedeutet aber nicht, ihnen nach dem Geist, nach dem Mund zu reden.“

Rolle der EU

In der anschließenden Gesprächsrunde mit Moderator August Gächter kam die Frage auf, welche Rolle die Europäische Union in der Medienpolitik spielen könne. „Die EU begreift Medienpolitik in erster Linie als Wirtschaftspolitik“, sagte Hausjell und bezog sich auf den zentralen Punkt der Freizügigkeit. Ansonsten sei ihr Vorgehen in solchen Fragen eher halbherzig, was auch das aktuelle Beispiel Ungarn zeige – ganz zu schweigen von Italien, wo ein Regierungschef Berlusconi unbescholten im großen Stil auch Medien besitzen sowie Kritik von fremder Seite per Gesetz unterbinden könne. Defizite sieht der Wissenschaftler auch im Bildungssystem, das keinerlei Medienkompetenz vermittle. Gerade diese sei aber ein Gebot der Stunde.

Ein interessanter und amüsanter Vortrag von Professor Fritz Hausjell (Foto: Spielboden)

Ein interessanter und amüsanter Vortrag von Professor Fritz Hausjell (Foto: Spielboden)

Kritik an nationaler und internationaler Medienpolitik (Foto: Rubra)

Kritik an nationaler und internationaler Medienpolitik (Foto: Rubra)

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  • Ein interessanter und amüsanter Vortrag von Professor Fritz Hausjell (Foto: Spielboden) Ein interessanter und amüsanter Vortrag von Professor Fritz Hausjell (Foto: Spielboden)
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