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25.10.2022 |  Ingrid Bertel

Monika Helfer, Michael Köhlmeier: „Das Leben der Krawatten“

Bestickt, bemalt, bedruckt mit ausgefallenen Motiven sind die Krawatten aus der umfangreichen Sammlung von Gerald Matt. Dalís weiche Uhr findet sich da ebenso wie der Ski fahrende Filmheld Hannes Schneider. Die Krawattensammlung des Freundes hat Monika Helfer und Michael Köhlmeier so inspiriert, dass sie nun einen gemeinsamen Erzählband mit dem Titel „Das Leben der Krawatten“ vorlegen.

„Die Pfleger raunten einander zu: ,Achtung, der Schlips kommt!‘“ Mit diesem Satz endet die traurige Geschichte von Karl S., genannt „der Schlips“, der im Alter von sieben Jahren den ersten Kontakt mit einem Psychiater hat. Endgültig landet er in einer psychiatrischen Einrichtung, als er seine Krawatte als Galgenstrick knotet.
Wer hat die Geschichte von Karl S. geschrieben? Monika Helfer oder Michael Köhlmeier? Kann man das erkennen? Wie? Es ist doch der Sound, der uns in eine Geschichte hineinzieht, der eine Autorin und einen Autor unverkennbar macht? Wenn zwei zusammen ein Buch schreiben, dann sind wir naturgemäß erpicht darauf, den jeweiligen Sound zu erkennen.

George Clooneys Krawatte

„Auch am nächsten Tag blieb er zu Hause. Eine ganze Woche lang blieb er zu Hause.“
Das ist der Sound von Michael Köhlmeier; er liebt Wiederholungen, setzt sie als rhythmische Akzente oder gleich als Riffs im Stil von Keith Richards. Er recherchiert auch gern, hat ein Faible für Mathematik und das alles zusammen ergibt zum Beispiel die wunderschöne „Geschichte der Helena Krantz“. Dass diese Expertin für die „absolute Zufälligkeit“ der Primzahlen auf dem Zahlenstrahl seit ihrem 15. Lebensjahr Krawatten und schwarze Männerschuhe Größe 46 trägt – dieses aus der Reihe tanzende Outfit lässt auf Genie schließen.
„Einer wusste, was andere nicht wussten, er erfand wahrscheinlich eine Geschichte, ein Mann habe einen anderen Mann auf das Gleis gejagt, und beide seien getötet worden. Reine Vermutung.“ Das ist der Sound von Monika Helfer – geradlinig, atemlos, immer mit einer Beobachterin im Abseits. Sie schaut genau hin, teilnehmend und dennoch sachlich, und ihr Kommentar ist von beispielloser lakonischer Knappheit. Monika Helfers Figuren erkennen wir, weil sie oft aussehen wie Popmusiker oder Filmstars – oder weil sie wenigstens so aussehen möchten. „Er sagte, Shoppen sei eine gute Idee und klappte im Stehen seinen Laptop auf. Er wisse, wo es das beste Haargel zu kaufen gebe, eigentlich eine Haarsalbe, die gleiche, die George Clooney in dem Film ,O Brother, Where Art Thou' verwende.“ Seine Krawatte, die gelbe mit den braunen und roten Querstreifen, würde jedenfalls dazu passen.

Mick Jaggers Krawatte

Das Foto einer Krawatte aus Gerald Matts Sammlung ist jeder dieser Geschichten beigefügt, und manche Erzählung ist wohl entlang der Motive auf so einer Krawatte entstanden. Wo sie sich zu weit weg vom Motiv bewegte, fügt Gerald Matt eine Anekdote ein. Zum Beispiel diese: „Am Tag ihres ersten Konzerts in Österreich, am 17. September 1965, nützten die Rolling Stones das schöne Wetter zu einem Spaziergang durch die Wiener Innenstadt. Um nicht erkannt zu werden, gingen die Mitglieder der Band einzeln und in seriöser Kleidung. Mick Jagger kaufte sich am Kohlmarkt eine Seidenkrawatte und band sie sich an Ort und Stelle noch um.“ Und weil wir Mick Jagger auch im Sommer 2022 als heiteren Selbstvermarkter kennenlernten, mögen wir das gerne glauben.
18 Erzählungen über Menschen, die Krawatten tragen – das sind 17 Fingerübungen, die handwerkliches Können demonstrieren, plus einer Stilübung in der Manier von Raymond Queneau. Das bedeutet, eine Alltagsszene vor dem Badezimmerspiegel wird auf unterschiedlichste Art und Weise erzählt – empört oder gestammelt, einmal im Stil eines „Epochenromans“, dann wieder als Ballade. Das hat Monika Helfer und Michael Köhlmeier spürbar Vergnügen bereitet.
Ja, es ist ein vergnügtes Buch, eines, bei dem sich Michael Köhlmeier einen Streifzug ins Philosophische erlaubt („Die Geschichte von Joseph Weiss, alias Joe White“) und Monika Helfer über Familiengeheimnisse sinniert: „Sie erinnere sich, sagte sie, die Oma habe einmal gesagt, ihr wäre es egal, wenn sich ihr Mann über Nacht in eine Ziege verwandle. Ziegen lächeln immer. Ihr Mann nie.“

Verwandlungen

Die Krawatte ermöglicht Verwandlungen, und in einer der schönsten Geschichten möchte eine Frau als arroganter Mann erscheinen. „Besonders wichtig, um arrogant zu wirken, so hatte mich mein Freund belehrt, sei die Krawatte. Krawatten seien nämlich aus diesem Grund erfunden worden: um den Träger arrogant wirken zu lassen.“
Da würde Gerald Matt wohl korrigierend eingreifen. In seinem Nachwort erzählt er eine kurze Geschichte der Krawatte nebst einem Abstecher ins Gebiet der Manieren. Krawatten nämlich sind ihm das Hoheitszeichen der Höflichkeit. Wer T-Shirts trägt, kann allenfalls als Trampel durchgehen. Erklärt diese Haltung den etwas merkwürdigen Buchtitel „Das Leben der Krawatten“?
Denn wo Helfer und Köhlmeier beim Anblick der Accessoires höchst lebendige Figuren erfinden, konserviert Matt das Leben möglicherweise in Schatullen. Eleganz aber ist unangestrengt oder gar nicht. Und anders als die Erzählungen von Helfer und Köhlmeier ist Gerald Matts Nachwort ziemlich angestrengt.

Monika Helfer und Michael Köhlmeier: Das Leben der Krawatten, Brandstätter Verlag, Wien 2022, Hardcover, ISBN: 978 3 7106 0645 8, Euro 36

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