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21.11.2022 |  Michael Löbl

Am Ende triumphiert die Musik - Geniestreich des jungen Georg Friedrich Händel als Höhepunkt der Montforter Zwischentöne

Als zum Schluss nur mehr eine einsame Violine übrig bleibt - hinreißend gespielt von Maria Kubizek, der Konzertmeisterin dieses Abends - ist klar, wer den vorangegangenen zweistündigen Wettbewerb gewonnen hat: die Musik.

In Georg Friedrich Händels Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno", komponiert 1707 in Rom, geht es um einen Wettstreit zwischen den vier Allegorien Schönheit, Vergnügen, Zeit und Ernüchterung. Ist das nicht ein Streit um des Kaisers Bart, angefacht von der katholischen Morallehre? Zuerst feiern, als ob es kein morgen gäbe, dann aber erkennen, bereuen und büßen? Warum eigentlich? Ganz pragmatisch betrachtet, ließen sich doch alle vier Allegorien problemlos chronologisch und ohne schlechtes Gewissen im Laufe eines Menschenlebens unterbringen.

Oratorium oder Oper?

In Italien zu Beginn des 18. Jahrhunderts war das anders. Händel kam als 22-jähriger Opernkomponist von Hamburg nach Rom, dort hatte die Kirche jedoch gerade alle Aufführungen von Opern verboten. Erlaubt war nur Kirchliches, Oratorien zum Beispiel. In Kardinal Benedetto Pamphili fand Händel einen musikbegeisterten Förderer, der auch das Libretto zu "Il Trionfo" schrieb. Es ist Händels erstes Oratorium, und trotz des Verzichts auf Chöre, Pauken und Trompeten ist es in letzter Zeit immer wieder auf den Spielplänen verschiedener Opernhäuser zu finden: Staatsoper Berlin, Mainz, Mannheim und in einer spektakulären Inszenierung von Robert Carsen bei den Salzburger Festspielen mit Cecilia Bartoli in der Rolle des Vergnügens. Hat Händel doch eine verkappte Oper geschrieben, die besser auf eine Bühne als in den Konzertsaal passt?
Die Aufführung der Montforter Zwischentöne ist halbszenisch. Ilka Seifert (Regie), Jörg Bittner (Licht) und Folkert Uhde (Konzertdesign und Video) haben die Handlung sehr klug und musikalisch stimmig umgesetzt, Personenregie und Videosequenzen unterstreichen das Geschehen, ohne von der Musik abzulenken. Die Interaktion zwischen den Sängern wird etwas gebremst durch die Noten in ihren Händen, so wird es deutlich schwieriger, Gefühle, Gesten und Emotionen glaubhaft darzustellen.

Beeindruckende Gesamtleistung

Musikalisch erlebte das Publikum eine beeindruckende Leistung aller Beteiligten, die vollkommen zu Recht mit Standing Ovations belohnt wurde. Stimmlich und gestalterisch großartig überzeugten die Solisten Sunhae Im und Marine Madelin (Sopran) sowie Jan Kobow (Tenor), Johannes Hämmerle brillierte an der Orgel. Es ist ein besonderer Glücksfall, dass mit Sunhae Im so kurzfristig eine Sängerin dieser Klasse gefunden werden konnte, die diesen Part gerade erst gesungen hat und für die erkrankte Maria Ladurner einspringen konnte. Alles überstrahlt der britische Countertenor Rupert Enticknap durch seine außergewöhnliche und extrem fokussierte Stimme.

Sonderlob für Concerto Stella Matutina

Ein Sonderlob gebührt dem heimischen Barockorchester Concerto Stella Matutina. Händels virtuose Partitur war sowohl in den solistischen Passagen als auch im Kollektiv mit klarer Artikulation und sprechendem Klang in den besten Händen. Das Orchester ist seit Beginn eine der Säulen des Festivals und hat in den vergangenen Jahren große Werke wie Händels Messias, J.S.Bachs Matthäuspassion, die h-moll Messe oder Claudio Monteverdis „Orfeo“ zu Höhepunkten der Montforter Zwischentöne gemacht.
Die absolute Lichtgestalt dieses Abends ist aber der italienische Barockoboist und Dirigent Alfredo Bernardini. Alleine die Bewältigung der anspruchsvollen Oboen- und Blockflötenstimme verdient allen Respekt. Bernardini war aber in Personalunion auch Dirigent dieses Oratoriums. Arien, Ensembles, Rezitative, zahllose Tempo-, Stimmungs-, und Besetzungswechsel sind eine musikalisch-organisatorische Herausforderung. Der in den Konzerten des Concerto Stella Matutina oft und gerne gesehene Gast löste all diese Aufgaben souverän und musikalisch mitreißend.  

 

Die Schönheit (Sunhae Im), das Vergnügen (Marine Madelin) und die Zeit (Jan Kobow) im Wettstreit (alle Fotos: Lilli Löbl)

Die Schönheit (Sunhae Im), das Vergnügen (Marine Madelin) und die Zeit (Jan Kobow) im Wettstreit (alle Fotos: Lilli Löbl)

Der Countertenor Rupert Enticknap als die Ernüchterung, Sunhae Im als Schönheit und der Dirigent Alfredo Bernardini

Der Countertenor Rupert Enticknap als die Ernüchterung, Sunhae Im als Schönheit und der Dirigent Alfredo Bernardini

Am Schluss gewinnt die Musik - Maria Kubizek, Konzertmeisterin des Concerto Stella Matutina. (alle Fotos: Lilli Löbl)

Am Schluss gewinnt die Musik - Maria Kubizek, Konzertmeisterin des Concerto Stella Matutina. (alle Fotos: Lilli Löbl)

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  • Die Schönheit (Sunhae Im), das Vergnügen (Marine Madelin) und die Zeit (Jan Kobow) im Wettstreit (alle Fotos: Lilli Löbl) Die Schönheit (Sunhae Im), das Vergnügen (Marine Madelin) und die Zeit (Jan Kobow) im Wettstreit (alle Fotos: Lilli Löbl)
  • Der Countertenor Rupert Enticknap als die Ernüchterung, Sunhae Im als Schönheit und der Dirigent Alfredo Bernardini Der Countertenor Rupert Enticknap als die Ernüchterung, Sunhae Im als Schönheit und der Dirigent Alfredo Bernardini
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